Seit 2015 ist der Begriff Balkan-Route ein Synonym für Flucht. Millionen Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, dem Iran, Albanien und aus diversen Ländern Afrikas flohen vor Krieg und Gefahr für ihr Leben über die Türkei, Griechenland, Albanien, Bulgarien und die heutigen Länder des früheren Vielvölkerstaats Jugoslawien nach Europa. Dass es diese Fluchtroute von 1933 bis 1941 in umgekehrter Richtung gab, ist dagegen wenig bekannt. Die Literatur hat sich intensiv mit den Fluchtwegen Richtung Westen, Frankreich, Spanien, England, Amerika beschäftigt. Der Balkan als Zufluchtsort bzw Transitzone ist dagegen ein relativ weißer Fleck im kollektiven Bewusstsein. Marie-Janine Calic hat das mit ihrem akribisch recherchierten Buch „Balkan-Odyssee“, für das sie den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 bekommen hat, nun geändert. Grundlage ihrer Recherchen sind zahlreiche Briefe, Tagebucheinträge und Zeitzeugenberichte. Diese ausfindig zu machen und Zugang zu erhalten war alles andere als einfach, denn viele davon sind in Privatbesitz. Die Menschen, die ab 1933 Richtung Jugoslawien flohen, waren in ihrer Mehrzahl viel weniger bzw gar nicht bekannt, wohingegen die Crème de la Crème der Kunst und Kultur sich für das Exil in Frankreich, der Schweiz, England und den USA entschied. Etwa 55.000 Menschen flohen nach Jugoslawien und 50.000 nach Rumänien, die meisten von ihnen jüdisch, pekuniär schlecht aufgestellt, viele von ihnen mit dem Fernziel Palästina. Nicht, weil sie unbedingt dorthin wollten, sondern weil vor allem Jugoslawien so gut wie keinen Antisemitismus kannte und sehr aufnahmefreundlich war. Ein Touristenvisum genügte zur Einreise, und wer einmal dort war, konnte bleiben. Die jüdischen Hilfsorganisationen sorgten, so lange sie konnten, für den Unterhalt der Geflüchteten, sofern diese nicht arbeiten konnten, denn auch das war ihnen erlaubt.
Die Autorin hat sich zahlreiche Einzelschicksale heraus gepickt, deren Wege sie bis zum Ende verfolgt hat - nicht alle hatten das Glück, mit dem Leben davon zu kommen. Diese Schicksale verknüpft sie erzählerisch mit den historischen Fakten.
Dabei wartet sie mit vielen Details auf, was mir besonders gut gefällt. In fast allen Ländern gab es begrenzte Kontingente für die Aufnahme von Menschen, die Deutschland verlassen wollten bzw mussten - besser heute als morgen. Jugoslawien bildete da die große Ausnahme und war deshalb nach Kriegsbeginn der letzte Ausweg für jene, die noch geblieben waren, bis 1941 auch dort auf Grund des Sachzwangs der Bündnispolitik Schluss war. Die Schlinge hatte sich zugezogen.
Durch die vielen persönlichen Geschichten liest sich der Text sehr flüssig und stellenweise beinahe wie ein Roman. Allerdings bleibt er immer sachlich, auch am Schluss, wo mit wenigen lakonischen Sätzen über das Ende der Odyssee und das Weiterleben nach dem Krieg Auskunft gegeben wird. Ein Personenregister, umfangreiche Quellenangaben und Fußnoten runden das Geschriebene ab. Wo immer möglich sind Fotos eingefügt. Die Vielzahl der herangezogenen Schicksale erfordert eine gewisse Konzentration beim Lesen und es tut der Lektüre gut, wenn sie relativ am Stück erfolgen kann. Marie-Janine Calic hat ein Buch vorgelegt, dass ich unter der Vielzahl meiner bereits gelesenen Titel zum Thema Flucht und Exil in der Zeit des Nationalsozialismus auf keinen Fall missen möchte.
Marie-Janine Calic ist Professorin für südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Über ihr Fachgebiet hat sie bereits mehrere Bücher bei C.H. Beck veröffentlicht.













