Marie Jalowicz Simon

 4.4 Sterne bei 16 Bewertungen

Alle Bücher von Marie Jalowicz Simon

Untergetaucht

Untergetaucht

 (15)
Erschienen am 22.10.2015
Untergetaucht

Untergetaucht

 (1)
Erschienen am 06.03.2014

Neue Rezensionen zu Marie Jalowicz Simon

Neu

Rezension zu "Untergetaucht" von Marie Jalowicz Simon

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht
FabAustenvor 2 Jahren

Marie Jalowicz ist 19 Jahre alt, als ihr Vater 1941 stirbt und seine Tochter in Berlin zurücklässt. Während nach und nach ihre Verwandtschaft deportiert wird, entscheidet sich die junge Frau, dem Deportationsbefehl nicht zu folgen. Sie will sich retten und leben. Also geht sie in den Untergrund. Immer auf der Suche nach einer Bleibe und Nahrungsmitteln schlägt Marie sich durch. Mal hilft ihr der Zufall, mal ihre rasche Auffassungsgabe und Anpassungsfähigkeit gefährlichen Situationen zu entkommen. Aber auch viele mehr oder weniger vertrauenswürdige Menschen helfen ihr. Einmal schafft sie es sogar bis nach Bulgarien zu reisen, in der Hoffnung über die Türkei nach Israel flüchten zu können. Doch leider muss sie wieder nach Berlin zurückkehren.

Marie Jalowicz Simon hat ihre Erlebnisse fünfzig Jahre später auf 77 Tonbänder festgehalten. Ihr Sohn hat auf dieser Grundlage Untergetaucht verfasst, in dem er ebenfalls seiner Mutter das Wort überlässt.

Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich die Helfer und ihre Milieus waren. Sehr prägnant werden sie beschrieben. Jalowicz Simons Rückschau zeigt außerdem, dass weder Schwarz noch Weiß existiert. So gab es Helfer, die durchaus eine rechte Gesinnung hegten. Jene, die sich durch ihre Hilfe selbst erhöhen  oder etwas Spannendes erleben wollten. Oder solche, die aus finanziellen Interessen handelten.

Auch auf sich selbst wirft die Erzählerin einen unverstellten, ehrlichen Blick. Dass moralische Bedenken wenig Platz in ihrem Dasein als Untergetauchte hatten, lässt sich leicht nachvollziehen. Permanent stellt sich der Leser die Frage, wie er  wohl selbst in dieser oder jener Situation gehandelt hätte. Marie Jalowicz Simon zeigt große Fähigkeit zur Selbstreflexion, wenn sie ihre eigene Entwicklung während dieser Verfolgungsjahre nachvollzieht.

Häufig wirkt es auf den Leser, als hätte Marie aufgrund ihrer Herkunft auf weniger Gebildete herabgeblickt. Sie beschreibt deren Äußeres und ihre Lebensumstände mit harschen Worten, macht sich auch über sie lustig. Die Erzählerin entstammte einer gutbürgerlichen Familie, ihr Vater war Rechtsanwalt und sie selbst hatte eine höhere Schule besucht. Ihre Herkunft und Bildung haben ihr vielfach geholfen, machten sie aber wohl auch etwas hochmütig. Vielleicht war es auch der Versuch, ihr altes Ich zu bewahren, sich nicht mit dieser fremden und für sie abstoßenden Welt gemeinzumachen.
Marie Jalowicz Simon hat ihre Erinnerungen viele Jahre später festgehalten, so dass eine etwas differenzierter Blick auf die armseligen, bildungsfernen Milieus möglich gewesen wäre. Zumal sie einmal erklärt, dass das Bürgertum während der Judenverfolgung versagt habe, während die Arbeiterschaft den Betroffenen vielfach geholfen habe. Andererseits soll das Buch vielleicht möglichst genau Maries Einstellung während der Verfolgung zeigen.

Vermutlich ist die Gesamtsituation für Maries harten Blick hauptverantwortlich. Wie soll jemand Verständnis aufbringen, der sich selbst in einer erbarmungslosen Situation befindet und von anderen abhängig ist? Vielleicht hat sie ihre Emotionen eingeschlossen, um mit den brutalen Gegebenheiten fertigzuwerden. Dass sie auch nach dem Krieg selten über die betreffende Zeit sprach, stützt diese Vermutung.
Und es ist für die Authentizität jedweder Erinnerungen wichtig, dass auch für den Berichtenden weniger vorteilhafte Passagen nicht „begradigt“ werden. Es gehört eben zur Realität dazu, dass Menschen sowohl positive als auch negative Eigenschaften haben.

Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Personen in Erscheinung treten. Es ist nicht immer leicht für den Leser, bei einem späteren Auftauchen die Namen den Personen wieder richtig zuzuordnen. Dies kann dem Buch jedoch nicht zum Nachteil gereichen.

Untergetaucht macht es dem Leser also nicht leicht. Weder in Bezug auf das Thema noch auf die Hauptperson. Nichtsdestotrotz sind Marie Jalowicz Simons Erinnerungen in jedem Fall ein aufschlussreiches Zeugnis über die Motive der Helfer, die Nöte der Verfolgten, die Entwicklung von Beziehungen und was geschichtliche Abläufe im Leben Einzelner bewirken. Es wird klar, dass der Zufall, die Hilfe anderer und das eigene Geschick, sich Situationen anzupassen, für’s Überleben entscheidend waren.

Kommentieren0
177
Teilen

Rezension zu "Untergetaucht" von Marie Jalowicz Simon

Rezensions "Untergetaucht" von Maria Jalovicz Simon
Arabrab0310vor 4 Jahren

Untergetaucht

Cover: Das Viertelporträt einer jungen Frau verdeutlicht die inkomplette              Existenz und illustriert das Thema ganz vortrefflich.


Marie Jalowicz Simon, Überlebende der Judenverfolgung während des Naziregimes, entschloss sich erst sehr spät, dem Drängen ihres Sohnes Hermann Simon nachzugeben, die Jahre 1940 bis 1945 - insbesondere ihre Zeit als U-Boot in Berlin1942 bis 1945, auf 77 Tonbandkassetten zu erzählen.

Hermann Simon recherchierte Hintergründe und Fakten, und gemeinsam mit der Autorin Irene Stratenwerth erarbeitete er das Manuskript des vorliegenden Buches.

Ich habe viel zu diesem Thema gelesen, aber noch nie ist mir eine derart offene, ja schonungslos ehrliche Schilderung der abstrus erscheinenden Lebensumstände einer Untergetauchten begegnet.

Ich selbst bin mit meinen Eltern als Kind zwischen 1956 und 1959 zehnmal umgezogen - allerdings unter friedlichen Bedingungen, wenn man von gewissen Diskriminierungen als Ausländerin absieht. Das hat bei mir durchaus psychische Beschädigungen hinterlassen. Das Schicksal von Marie Jalovicz Simon hat mir in aller Deutlichkeit - und wie keine andere Schilderung zuvor - vor Augen geführt, was es bedeutet, unter prekärsten Umständen, weitgehend isoliert, ständig in Angst, hungernd und frierend, macht- und rechtlos, einzig mit dem Willen zum Überleben, seine Existenz zu behaupten. Wozu ein Mensch sich durchringen muss, um dieses Schandregime zu überstehen, mag Manche(n) befremden und zu einer teilweise negativen Beurteilung der Protagonistin beitragen. Mir nötigt sie alle Hochachtung ab. Welche Selbstbeherrschung erforderlich ist, nicht aufzubegehren, nicht aufzufallen, ständig auf der Hut zu sein, schildert Marie Jalovicz alias Hannchen Koch in relativ distanzierter Weise.

Solche Distanziertheit hat sie ihr weiteres Leben hindurch weitgehend beibehalten - geprägt von den lediglich fünf Jahren zwischen 1940 und 1945.

Diese Schilderung einer Untergetauchten, die sich selbst und die vielen Helfer schonungslos und gleichzeitig verständnisvoll beschreibt, hat mein Selbstverständnis bezüglich meines eigenen Kindheitsabschnitts völlig verändert und relativiert.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch für Menschen, die der Realität nicht ausweichen.

Kommentare: 1
9
Teilen
M

Rezension zu "Untergetaucht" von Marie Jalowicz Simon

Überleben inmitten des Feindes
michael_lehmann-papevor 5 Jahren

Überleben inmitten des Feindes

Berlin, 22. Juni 1942. Die Gestapo steht quasi schon „vor der Tür“, da geht der Kampf Maries ums nackte Überleben in seine gefährlichste Phase. Die damals 20ährige Jüdin taucht unter. Von nun an „illegal“. In Berlin, in der Hauptstadt des gnadenlosen Verfolgers und „Ausrotters“.
Ein halbes Jahrhundert später erzählt Simon ihre Geschichte in eigenen Worten.

„Was Felicitas mit ihm besprach, konnte ich nicht hören. Aber nachträglich wurde mir klar, dass sie mich für 15 Mark an ihn verkauft hatte“.

Wobei jener „Gummidirektor“, dem Felicitas eine wilde Geschichte auftischte, damit Marie bei ihm zunächst unterkommen konnte, ein fanatischer Nazi war. Vielleicht aber gar keine dumme Idee, zunächst „in der Höhle des Löwen“ sich zu verstecken. Denn dort würden die Häscher wohl nicht als allererstes nach ihr suchen.

Eine Strategie, die Simon nicht das letzte Mal anwenden wird, unter anderem wird sie versuchen, in einer Polizeikaserne Unterschlupf zu finden. Ein durchaus gewagter Versuch, der aber wieder einige Zeit an Ruhe bringen könnte, anders, als bei den Artisten, die an sich bereits unter kritischer Beobachtung standen.

Egal was und wie, Marie sucht ihren Weg, denn nur eines ist ihr im Kopf: „Ich muss es einfach nur überleben“. Und das wird sie, das ist dem Leser natürlich klar. Und sogar späterhin ihren Schulfreund wiedertreffen und diesen heiraten!

In ganz einfacher Sprache, in keiner Form literarisch bearbeitet, in den Worten, wie sie ihr kamen, weiß Marie Jalowicz Simon von diesen drei Jahren dicht und spannend zu erzählen.

Die Geschichte des ständigen Versteckens, des „sich Herauswindens“ aus engen Situationen, des immer wieder einen neuen Ort zum Untertauchen suchen, neue Wege angehen und überlegen, dem allem zu entkommen, ist es, die dem Buch seine eindrückliche Nachwirkung gibt.

„Ich hatte gelernt, mich an eine abnorme Situation anzupassen und darin zurechtzukommen. Aber immer wieder war ich außer mir vor innerem Aufbegehren und schrie stumm: „Freiheit““. Während sie bei Siemens als Zwangsarbeiterin arbeitet.

Aus erster Hand, unverfälscht, erhält der Leser einen Einblick nicht nur in ein ständiges Versteckspiel unter Einsatz des eigenen Lebens, sondern auch einen Eindruck der Atmosphäre einer ganzen Zeit inmitten des dritten Reiches. Mit dem Mut derer, die Marie halfen, mit der Sorge vor jenen, deren scharfen Augen kaum etwas entging, immer mit der Sorge des Verrats behaftet. Später oft im Bombenhagel auf Berlin, im Bunker, auf der Hut vor all den anderen, denen man nicht immer ausweichen konnte.

Eine Geschichte, die nur Dank des Sohnes Maries der Nachwelt nun erhalten bleibt, der seine Mutter zum Sprechen brachte und all die Worte auf Tonband aufnahm. Beeindruckend und intensiv zu lesen.

Kommentieren0
4
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 27 Bibliotheken

auf 3 Wunschlisten

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks