Fliegenpilze aus Kork

von Marie Luise Lehner 
3,9 Sterne bei15 Bewertungen
Fliegenpilze aus Kork
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jenvo82s avatar

Eine Vater-Tochter-Beziehung auf dem Prüfstand. Ein ungewöhnliches, fragmentarisches Buch jenseits der Norm. Doch die Distanz blieb zu groß.

Melancholische, bruchstückhafte Erinnerungen einer Tochter an ihren Vater.

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Inhaltsangabe zu "Fliegenpilze aus Kork"

Vater und Tochter streunen durch Wien, lassen sich nachts im Park einsperren, stehlen Elektrogeräte auf dem Müllplatz und sammeln Kupferleitungen auf Baustellen. Was sich wie ein Abenteuer anhört, ist der Alltag der Protagonistin. Nach und nach bemerkt sie, dass ihr Vater nicht wie andere Väter ist. Manchmal ist er arbeitslos, manchmal Bildhauer, Sozialarbeiter oder Hausmeister. Manchmal hat er kein Geld und nichts zu essen zu Hause. Eine Kindheit voller Erwartungen, Enttäuschungen und Träume. In knappen und dichten Episoden erzählt Marie Luise Lehner die ersten zwanzig Jahre aus dem Leben einer Frau. Es sind Blitzlichter einer Erinnerung – mal schillernd, mal in Scherben liegend –, die aber stets von einer kindlichen Leichtigkeit getragen werden. „Weil wir nie Fahrscheine haben, erklärt er mir, woran man Kontrolleure erkennen kann. Manchmal träume ich von ihnen. Plötzlich stehen sie hinter mir. Ich wache auf, wenn sie >Fahrkarten, bitte< sagen."

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783218010702
Sprache:Deutsch
Ausgabe:E-Buch Text
Umfang:192 Seiten
Verlag:Verlag Kremayr & Scheriau
Erscheinungsdatum:08.02.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    jenvo82s avatar
    jenvo82vor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Eine Vater-Tochter-Beziehung auf dem Prüfstand. Ein ungewöhnliches, fragmentarisches Buch jenseits der Norm. Doch die Distanz blieb zu groß.
    Mein Vater, der Überlebenskünstler

    „Ich schweige meine größte Wut ins Telefon. Irgendwann unterbreche ich ihn: „Papa. Stopp. Ich will das nicht hören. Ich lege jetzt auf!“ Mein Herz klopft. Ich möchte weinen.“


    Inhalt


    Die Ich-Erzählerin, die ohne Namen bleibt, lässt den Leser an ihrer Kindheit teilhaben, insbesondere an ihren Eindrücken im väterlichen Elternhaus, denn ihre Eltern haben sich schon getrennt, als sie noch ein Baby war. Der Vater, die eigentliche Hauptfigur der Erzählung ist schon sehr speziell. Für seine Tochter nimmt er sich Zeit, doch nur um sie mit hinein in sein unstetes Leben zu nehmen. Eines, in dem er nur hin und wieder arbeitet und Geld verdient, dort wo Freunde bei ihm nächtigen, die eigentlich Kiffer sind, begleitet von Ladendiebstählen, Schwarzarbeit und Essen aus der Mülltonne. Für die Tochter ist klar, ihr Papa kann eine ganze Menge und dafür liebt sie ihn auch, eben weil er so anders ist und sie in ihrer kindlichen Naivität unterstützt. Doch je älter sie wird, desto zwiegespaltener gestaltet sich die Beziehung, weil ersichtlich wird, das eigentlich der Vater ein Kind ist und die heranwachsende Tochter in die Rolle der vernünftigen Erwachsenen gedrängt wird …


    Meinung


    In ihrem Debütroman thematisiert die junge österreichische Autorin Marie Luise Lehner eine Kindheit fernab von der Normalität, geprägt von einem zweigeteilten Elternhaus, in dem der Vater, trotz seiner alternativen Lebensweise einen großen Stellenwert einnimmt. Dabei geht sie sehr geschickt auf die Desillusionierung einer Kinderseele ein, die mit zunehmendem Alter die Schichten der väterlichen Unzulänglichkeiten aufdeckt und dennoch ganz intuitiv erkennt, dass diese naive Zuwendung, dass einzige ist, was ihr Vater zu geben vermag. Nebenbei verdichten sich beim Leser immer wieder die mannigfaltigen Eindrücke bezüglich elterlicher Verantwortung und dem Umgang mit dem kindlichen Vertrauen.


    Dennoch stimmt mich die Geschichte eher traurig, nicht nur weil sie so befremdlich ist, sondern weil man als Leser förmlich zusehen kann, wie die Entwicklung der Kinder Risse trägt, eben darum weil sich zeigt, dass hochfliegende, unrealistische Träume und obskure Ansichten spätestens in der Pubertät eine derart klaffende Lücke zwischen Vater und Tochter entstehen lassen, die sich nicht mehr schließen lässt, selbst wenn die Beteiligten immer noch aneinander hängen.


    Erwähnenswert ist auch noch der abgehackte, fragmentarische Erzählstil, der eher Momentaufnahmen abbildet, als eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Er macht dieses Buch speziell und bleibt auch in Erinnerung, obgleich das nicht meine literarische Wohlfühlzone ist. Zu vieles bleibt im Raum hängen, steht ungeschrieben zwischen den Zeilen und alternativ im Lebensplan der Protagonistin. Letztlich ruft der Text bei mir eine Mischung auf Unverständnis, Mitleid und Bewunderung hervor, die ich zum Glück in der realen Welt nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann. Vielleicht wirkt das radikale, bestimmende Vaterbild intensiver, wenn man es selbst erlebt hat, möglicherweise kommt man dann auch der Erzählerin nahe – so jedoch finde ich keine Berührungspunkte und schaue mir alles durch das Auge eines unbeteiligten Dritten an. Diesen Umstand empfinde ich nicht optimal für einen emotionalen Roman, den man hier lesen darf.


    Fazit


    Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diesen Roman über eine ungewöhnlich starke Vater-Tochter-Beziehung, die so manchen Sturm erlebt hat. Wer als Leser gerne in fremde Lebensgeschichten hineinschauen möchte, ohne das Anderssein tatsächlich ergründen zu können, wer es aushält, nur Zuschauer ohne Einspruchsrecht zu sein und sich dennoch vieles detailliert vorstellen möchte, ist mit dem Roman ganz gut beraten. Eine Einheit zwischen Erzählung, Inhalt und Wirkung bekommt man aber nicht geboten, irgendwie ist man hinterher genauso schlau wie davor, mit dem Unterschied, dass man die Bequemlichkeit, die mit Sicherheit einhergeht, wieder mehr zu schätzen weiß.

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    sursulapitschis avatar
    sursulapitschivor einem Jahr
    Kunst

    Dieses Buch ist Kunst, und man ist geneigt, einen kunstvollen Ansatz grundsätzlich großartig zu finden. Aber wenn ich schon Kunst lese, dann möchte ich auch eine Botschaft, originelle Gedanken, schöne Formulierungen, eine Geschichte, die mich trifft, auf jeden Fall irgendetwas, was mich mitnimmt und beeindruckt. Davon findet man hier nicht viel.

    Die Grundidee ist spannend. In kurzen Sequenzen blickt man in das Leben einer namenlosen Ich-Erzählerin von ihrer Geburt an, pro Lebensjahr ein paar Erinnerungen, die reflektierter werden, je älter sie wird.
    Sie erzählt von ihrem Vater, der ein Lebenskünstler zu sein scheint, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und es schafft, Spaß mit seiner Tochter zu haben, auch wenn das Geld knapp ist, unnütze Dinge kauft, wenn er mal Geld hat, alles bauen und reparieren kann und ihr zeigt, wie man unkonventionell leben kann.
    Über sie selbst und ihr eigentliches Leben erfährt man kaum etwas. Es geht nur um die Treffen mit ihrem Vater, den sie hauptsächlich am Wochenende sieht, weil sie sonst bei ihrer Mutter wohnt.

    Hier steht die Geschichte zwischen den Zeilen. Man liest Blitzlichter hier und da, die eine schwierige und interessante Familiengeschichte erzählen könnten, wenn sie tiefer gehen würden. So streift man die Geschichte nur.
    Offensichtlich hat der Vater psychische Probleme, das Verhältnis zu seinen Eltern war auch nicht ungetrübt, das Thema könnte fesseln und berühren. Aber sowohl die Erzählerin als auch der Vater werden nicht lebendig, viel zu wenig erfährt man über sie. Und obwohl das Buch fast die ersten 20 Jahre des Lebens der Erzählerin behandelt, passiert nichts Nennenswertes.

    Positiv fällt auf, wie die Autorin es schafft, mit sehr einfachen Sätzen eine bedrückende Atmosphäre zu schaffen. Das ist erstaunlich.
    Das Buch selbst hat mich nicht erreicht. Es fühlt sich an, als wäre ich im Zug daran vorbeigerauscht. Ich hätte aussteigen wollen, um mich umzusehen, aber die Tür war zu.



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    LiberteToujourss avatar
    LiberteToujoursvor einem Jahr
    Fragmente eines Lebens.

    Ein Vater, der versucht da zu sein und es doch nicht wirklich kann. Ein Kind, dass von ganzem Herzen liebt und sich dennoch distanziert, weil es einfach muss. Erinnerungen einer jungen Frau an ihre außergewöhnliche Kindheit.

    Dieses Buch ist mal wieder eines, bei dem es mir extrem schwer fällt es objektiv zu bewerten. Zu emotional ist das ganze Thema, eigentlich hat man als Leser fast kein Recht, ein Urteil darüber zu fällen. Man begleitet Vater und Tochter durch ein halbes Leben, das Buch beginnt in der ganzen frühen Kindheit der Autorin und zieht sich dann hinein bis in ihr Erwachsenenalter. Durch ganz viele Höhen und noch mehr Tiefen verändert sich die Beziehung zwischen den beiden Stück für Stück, alles in einem Wechsel zwischen Vorwürfen, Distanz, Scham und Liebe. 


    Das Buch hat viele gute Seiten. Die reduzierte, klare Sprache erinnert an die ganz großen der Literatur. Trotz der ganzen Schwierigkeiten die beschrieben werden ist die Liebe zwischen Vater und Tochter für den Leser permanent spürbar. Und vor allen Dingen ist "Fliegenpilze aus Kork" anders, als der literarische Alltagsbrei, den man sonst so findet.


    Und doch konnte mich das Buch einfach nicht erreichen. Das lag zum einen daran, dass die Handlung einfach nicht wirklich zusammenhängt und die Ereignisse sehr willkürlich gewählt wirken - ein bisschen so, als hätte man einfach die Tagebuchseiten gedruckt, die einfach am besten klingen. 

    Zum anderen hab ich mich vor allen Dingen mit den Schilderungen aus der frühen Kindheit der Autorin schwer getan. Es ist natürlich immer schwierig, die eigene Kindheit zu schildern. An vieles kann man sich einfach nicht mehr erinnern und selbst wenn das gelingen sollte ist es schwer, sich wieder in die Situation hinein zu versetzen. Für mich hat es einfach nicht so gewirkt, als würde ich in die Lebenswelt eines Kindes eintauchen, weil die Autorin sich nie ganz von ihrem Erwachsenen - Ich lösen konnte. Wir gucken also durch die Augen eines Kindes mit dem Blick eines Erwachsenen und das wirkt einfach nicht authentisch. Daher hat mir der zweite Teil des Buches, in dem die Tochter dann schon etwas älter war auch deutlich besser gefallen.

    Fliegenpilze aus Kork ist ein emotionales Werk voller Sprachgewalt, erreicht hat es mich aber nicht. 

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Melancholische, bruchstückhafte Erinnerungen einer Tochter an ihren Vater.
    "Fliegenpilze aus Kork" von Marie-Luise Lehner

    Autorin: Marie-Luise Lehner
    Titel: Fliegenpilze aus Kork
    Gattung: Erzählung, Erinnerungen, Bruchstücke
    Erschienen: 2017
    Gelesene Ausgabe: Kremayr & Scheriau, 2017
    ISBN: 978-3-218-01067-2
    Gelesen auf: Deutsch
    Gelesen im: März 2017

     

    Zum Buch:
    Die Bücher von Kremayr & Scheriau bestechen zu allererst durch ihre wunderbare und liebevolle Gestaltung. Jede Romangestaltung ist ganz eigen und doch stringent durch das Buch gezogen, ob Cover, Deckblatt, Lesebändchen oder Prägung. Doch nicht nur optisch, sondern auch vom Inhalt her verlässt Kremayr & Scheriau den ausgetretenen Pfad des lieblosen Massengeschäfts. Ausgesuchte, oft junge, österreichische Autorinnen bekommen Raum so zu schreiben wie sie und über was sie möchten. Eine davon ist die 21jährige Marie-Luise Lehner. "Fliegenpilze aus Kork" ist ihr Debüt. Auf knappen 192 Seiten erzählt die Ich-Erzählerin von ihrem Vater. Es sind Erinnerungen an ihre Kindheit und Pubertät, bis zu ihrem 20 Lebensjahr. Oft sind es nur kleine Bruchstücke einer Erinnerung, nicht mehr als zwei Sätze, teilweise längere Abschnitte in der sie davon berichtet, wie schwer und doch fruchtbar das Verhältnis zu einem Vater sein kann, der anders ist. Die Eltern trennen sich früh und der Vater ist ein Haderlump, ein Herumtreiber, der mal arbeitet und mal eben auch nicht. Am Rande des Existenzminimums, oder darunter ist er ein Überlebenskünstler der sich über Wasser hält. Auch wenn er die Tochter liebt und nicht vernachlässigt, ist sie schon früh die vernünftige, die sich darum sorgt, ob er auch genug isst.
    Lehner schafft es diese außergewöhnliche Beziehung berührend einzufangen und keinen der Charaktere vorzuführen. Das Buch atmet Liebe aus. Die Liebe zwischen der Erzählerin und ihrem Vater, die Liebe Lehners zum Schreiben und zur deutschen Sprache. Wunderbar gelungen. Ich erwarte gespannt jeden Schnipsel des noch Kommenden.

    Eine der Lieblingsstellen
    Zitat:
    "Ich will nicht, dass er raucht. Ich verstecke seinen Tabak und bin ihm nach jeder Zigarette böse. Ich sage, dass es ungesund ist und ich nicht will, dass er früh stirbt. Als ich eine Zigarette zerbreche, die er gerade rauchen wollte, schlägt er  mir ins Gesicht."[1]

     

    Stil und Sprache: Klar und reduziert.
    Zitat: "Ich schäme mich für: seine Kleidung, seine unpassenden Kommentare, seine Unwissenheit, seinen Egoismus."[2]


    Schlüssigkeit der Handlung: Keine zusammenhängende Handlung.

    Das hat mir besonders gefallen: Der warmherzige und doch melancholische Einblick in eine nicht einfache Beziehung.

     

    In One Sentence: Melancholische, bruchstückhafte Erinnerungen einer Tochter an ihren Vater.
    Sterne: 5

     


    [1] S.29
    [2]
    S.72

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    AgnesMs avatar
    AgnesMvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein anspruchsvolles und nicht einfaches Buch mit einem ganz besonderen und außergewöhnlichen Inhalt
    Fliegenpilze aus Kork

    In dem Buch „Fliegenpilze aus Kork“ erzählt die Hauptprotagonistin stückchenweise aus ihrem Leben. Es beginnt mit ihrer Geburt und Kindheit, die in kurzen Kapiteln abgehandelt werden und mündet in ihrer Jugend- und Erwachsenenzeit, deren Kapitel sich über mehrere Seiten erstrecken. Erlebt hat sie allerdings in all den Jahren eine Menge, ob in positiver oder negativer Hinsicht sollte hier jeder Leser für sich entscheiden.

    Die meiste Zeit verbringt sie mit ihrem Vater. Zwar wird die Mutter auch am Rande erwähnt, doch der Fokus der Geschichte liegt auf der Beziehung zu ihrem Vater. Die Eltern haben sich getrennt, scheinen sich aber das Sorgerecht zu teilen. Zumindest darf sie die Wochenenden und auch Tage unter der Woche bei ihm wohnen und diverse Aktivitäten mitmachen und Erfahrungen sammeln. Schon früh legt sie erwachsene Züge an den Tag und des Öfteren hat man das Gefühl, dass eher sie die Erwachsene und der Vater derjenige ist, der Hilfe, Unterstützung und Geborgenheit benötigt.

    Ihr Vater ist anders als die anderen Väter. Er wechselt andauernd den Job, hat kaum Geld und erscheint wie ein Überlebenskünstler, der nicht weiß wohin es ihn letztendlich zieht. Dies wird ihr im fortgeschrittenen Alter immer deutlicher und manchmal ist er ihr auch peinlich, weil er Dinge tut, die ihn im Mittelpunkt stehen lassen oder die man einfach nicht tut, doch sie hält zu ihm und bricht den Kontakt nicht ab. Als würde sie schon in jungen Jahren merken, dass sie eine Art Stütze für ihren Vater ist, begleitet sie ihn ins Theater oder streift in den Nächten mit ihm durch Wien, immer auf der Suche nach Gebrauchsgegenständen, die noch verwertet werden können. Mangelnde Hygiene und das wenige Essen an diesen Tagen scheinen der Kleinen nichts auszumachen. Als Leser ist man aber an der einen oder anderen Stelle regelrecht entsetzt über die Lebenshaltung und die vorherrschende Verwahrlosung. Will die Autorin hier vielleicht aufzeigen wie einfach solch fragwürdigen „Fälle“ den Jugendämtern nicht gemeldet oder nie von diesen entdeckt werden?

    Trotz all der misslichen Lagen und den ständigen Abweichungen von der Norm liest man durch die Zeilen von einer starken Verbindung und Liebe zwischen den Protagonisten. Beide sind in ihren Handlungen bemüht, ihnen scheint eigentlich nichts wirklich zu fehlen und beide versuchen sich gegenseitig durch den Alltag zu helfen. Hier schwingt eine gewisse positive Stimmung mit, doch für mich persönlich überwogen bei der Lektüre eher die negativen Aspekte des Zusammenlebens und der Handlungen der beiden, die mich nun doch etwas betreten und ungläubig zurücklassen. Als spannend hingegen empfand ich die Begleitung der Tochter durch ihre Lebensphasen bis zur Erwachsenen. Es war interessant von ihren Sichtweisen und Eindrücken zu lesen, um dann zu erfahren wie sich diese im Erwachsenenalter ändern.

    „Fliegenpilze aus Kork“ ist ein anspruchsvolles und nicht einfaches Buch mit einem ganz besonderen und außergewöhnlichen Inhalt.

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    awogflis avatar
    awogflivor 2 Jahren
    Gedankensplitter von Papas Prinzessin

    Zu Beginn des Buches fand ich alles wundervoll, lyrisch und herzerwärmend und vor allem stilistisch sehr spannend konzipiert. Der Roman über die Erlebnisse einer Tochter mit ihrem Vater ist so geschrieben, als ob ein kleines Mädchen mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege nach Hause kommt und kindlich schwer atmend alles erzählt, was es heute erlebt hat: tausend Geschichtln verwoben zu einer, sehr sprunghaft plaudert die kleine Prinzessin über die Erlebnisse mit ihrem Vater.

    Irgendwann bekommt man als Leser bei aller begeisterten Schilderung mit, dass dieses Prinzessinnenabenteuer mit Papi aber nicht nur deshalb außergewöhnlich ist, weil es das fröhliche Überleben in der sozialen Unterschicht thematisiert und der Vater durch sehr innovative Ideen auch mal einen Kronenkorken zum Spielzeug substituiert, sondern dass mit dem Mann zudem psychisch einiges im Argen liegt. Das war für mich als Leserin inhaltlich die grandioseste Wendung in diesem Roman. Ohne Vorwurf aber eben mit den verklärten Augen der Tochter werden hier ganz unglaubliche Probleme und Verfehlungen erörtert, die ich eigentlich, wenn ich sie als Erwachsene irgendwo mitkriegen würde, sofort dem Jugendamt melden müsste. Papa laviert oftmals zwischen Genie und Wahnsinnn, Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs, Kleinkriminalität, Depression, Agression und anderen massiven psychischen Problemen herum, zieht seine Tochter mit in diesen verwirrenden Strudel und setzt damit das Vertrauen des Kindes langfristig aufs Spiel.

        "Weil wir nie Fahrscheine haben, erklärt er mir, woran man Kontrolleure erkennen kann. Manchmal träume ich von ihnen. Plötzlich stehen sie hinter mir. Ich wache auf, wenn sie „Fahrkarten, bitte“, sagen."

    Nach und nach wird das Mädchen erwachsen und auch der Blick auf den Vater abgeklärter. Leider passt sich hier der Roman zwar inhaltlich und meinungsmäßig komplett an das Alter der Protagoinistin an aber bedauerlicherweise nicht immer stilistisch. War die authentisch kindliche dekonstruierte Erzählform bis zum - sagen wir 12. Lebensjahr - noch einigermaßen konsistent, habe ich Probleme damit, die Worte einer Zwanzigjährigen im Stil einer Siebenjährigen glaubhaft zu rezipieren. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau, denn nun muss ich auch gleich meine eigene Kritik kritisieren: In Anbetracht der Tatsache, dass der Vater als Sudetendeutscher noch immer seine Muttersprache nicht korrekt beherrscht, ist es schon ein Wunder, dass die Tochter überhaupt einen geraden Satz, geschweige denn eine zusammenhängende komplexe Geschichte herausbringt, wenn man davon ausgeht, dass in Österreich Spracherwerb durch das elitäre Schulsystem nahezu immer sozial und ethisch vererbt wird.

        "Manchmal denke ich, mein Vater sieht ständig zu, was alle anderen machen, um dann ganz anders zu sein als sie.“

    Am Ende meiner Rezension kommt aber dann dennoch ein gewichtigerer Kritikpunkt am Roman, der sich doch auf eine umfassend begeisterte Beurteilung von mir etwas negativ ausgewirkt hat. Ich hasse es, wenn eine Geschichte derart abrupt aufhört, als hätte die Autorin den Bleistift fallen lassen oder mitten in der Formulierung des Endes einen Schlaganfall erlitten. Was ist das für eine Stilform, einfach so aufzuhören? Als Leser habe ich es mir verdient, mich nicht mit Cliffhängern (da denke ich zwangsläufig immer an Sly Stallone der mit schmerzverzerrter Miene in einer Wand hängt) abgespeist zu werden, sondern durch das Lesen des Romans steht mir durch die aufgebaute Beziehung ein ordnungsgemäßes Schlussmachen durch die Autorin einfach zu. Soviel Zeit und Mühe muss einfach sein.

    Fazit: Auf jeden Fall eine Leseempfehlung von mir. Konzeptionell und dramaturgisch sehr ungewöhnlich dieser Roman, aber auch über weite Strecken richtig grandios.

    P.S.: Gratulation an den Verlag, der Klappentext hält diesmal punktgenau und kurz & knackig formuliert, was er verspricht.

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    camilla1303s avatar
    camilla1303vor 2 Jahren
    Kurzmeinung: ein typisch österreichisches Buch
    Aufwachsen in Wien - eine Erfahrung

    Das Buch „Fliegenpilze aus Kork“ von Marie Luise Lehner ist 2017 im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen. In kurzen Episoden erzählt die Autorin Bruchstücke einer Kindheit. Die junge Frau, damals noch ein Kind, wandert mit ihrem Vater durch Wien. Doch ihr Vater ist nicht wie andere Väter und der Spaziergang durch Wien ist auch kein normaler Spaziergang. Die beiden Protagonisten durchwühlen Müllplätze nach Elektrogeräten und sammeln Kupferleitungen auf Baustellen, denn der Vater hat manchmal kein Geld und nichts zum Essen zu Hause. Auch wenn die Kindheit zeitweise tragisch erscheint, wird sie immer mit kindlicher Leichtigkeit erzählt und man erfährt, dass der Vater trotz allem ein guter Vater ist, der von seiner Tochter sehr geliebt wird.

    Die Protagonistin erzählt in der Ich-Perspektive über das Leben mit ihrem Vater (und später auch mit ihrer Schwester), mit dem sie auch nach der Trennung ihrer Eltern viel Zeit verbringt. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte von der Geburt bis zum Alter von 20 Jahren. Schon als kleines Kind begleitet sie ihren Vater zu seinen diversen Gelegenheitsjobs und erfährt auch von seinen kleinen Delikten.

    Der Vater ist eine faszinierende Person, die ich anfangs nicht ganz einordnen konnte. Auf der einen Seite ist er sehr bemüht um seine Tochter, verbringt sogar Abende mit ihr im Theater. Auf der anderen Seite muss sich seine Tochter oft für sein Verhalten schämen. Das Leben mit einem (Über-)Lebenskünstler, der beziehungsunfähig erscheint, scheint nicht immer leicht zu sein.

    Was mir am Buch wahnsinnig gut gefällt ist, dass es in Wien spielt und auch die gewählte Sprache teilweise sehr „österreichisch“ ist. Für mich als Österreicherin ist es oft eine angenehme Abwechslung ein Buch in meiner „Muttersprache“ zu lesen, das auf ständiges Hochdeutsch verzichtet. Ob sich damit aber andere deutschsprachige Leser schwertun, kann ich nicht beurteilen. Es könnte aber für den einen oder anderen Leser ein Minuspunkt sein.

    Des einen Freud, des anderen Leid.

    Toll finde ich auch, wie die Autorin es schafft, die Erzählweise der jungen Frau während der kurzen Episoden und mit zunehmenden Alter zu verändern. Der Leser wird in ihre Denkweise entführt und erlebt so hautnah mit, wie sich ihre Sichtweise auf ihren Vater und ihr eigenes Verhalten ändern.

    Ich kann den Debütroman von Marie Luise Lehner wärmstens empfehlen. Es ist ein großartiges Buch, das man durchlesen kann, ohne es einmal aus der Hand zu legen. Mitreissend regt es den Leser zum Mitfühlen an.

    Ich freue mich sehr auf viele weitere Bücher von der Autorin und bin schon ganz gespannt, was da noch kommt.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Interessante, bunte und gefühlvolle Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat
    Fliegenpilze aus Kork

    Ein Mädchen erzählt ihr Leben und Erleben mit ihrem Vater, bis sie 20 Jahre alt ist. Als sie 2 Jahre alt ist, trennen sich ihre Eltern. Sie verbringt trotzdem viel Zeit bei ihrem Vater. Sie streunen durch Wien, lassen sich nachts im Park einsperren, stehlen Elektrogeräte auf dem Müllplatz, sammeln Kupferleitungen auf Baustellen. Schon als kleines Kind begleitet sie ihn zu seinen Gelegenheitsjobs und je älter sie wird, hilft sie ihm bei der Arbeit. Manchmal ist er arbeitslos, manchmal Bildhauer, Sozialarbeiter oder Hausmeister. Oftmals hat er kein Geld und nichts zu essen zu Hause.


    Ihr Vater ist ein Lebenskünstler, der beziehungsunfähig scheint, Gelegenheitsjobs annimmt, oft kein Geld hat, sich durchschnorrt, kleinere Delikte unternimmt, um zu Überleben. Er ist sehr bemüht um seine Tochter, er geht mit ihr ins Theater und zu anderen Veranstaltungen. Er fährt mit ihr zur Großmutter und Großtante. Je älter das Mädchen wird, umso mehr merkt sie, dass ihr Vater nicht so ist, wie andere Väter. Sie schämt sich manchmal für sein Verhalten oder seine Anziehsachen. Sie nimmt schon früh Rücksicht auf sein Befinden und seine Lage. Aber sie sagt trotz alledem, ihr Vater ist ein sehr guter Vater. Später als sie älter ist, hat man das Gefühl, sie ist die Erwachsene und kümmert sich um ihn. Er hatte zwischenzeitlich eine andere Beziehung, aus der sie eine Schwester bekam. Auch diese Beziehung zur Mutter seiner zweiten Tochter zerbricht und sie trennen sich. Die Schwester des Mädchens verweilt nun auch zeitweise beim Vater und so unternehmen sie verschiedene Dinge zu dritt.


    In knappen und dichten Episoden erzählt Marie Luise Lehner in ihrem Debütroman die ersten zwanzig Jahre aus dem Leben einer Frau. Mit einer kindlichen Leichtigkeit geschrieben, erlebt man die Kindheitsjahre des Mädchens mit ihrem Vater. Ihre Unternehmungen, ihr Erleben und wie sich ihre Gedanken und die Sichtweise auf ihren Vater sich ändern, je älter sie wird.
    Ihr Vater ist nicht so, wie andere Väter sind. Ich weiß nicht, ob er eine psychische Erkrankung hat, ob es einfach nur sein künstlerischer Charakter ist, der ihn teilweise wirken lässt, als würde er mit dem normalen Leben überfordert sein, wie Geldverdienen, eine Festanstellung annehmen. Das alles kann er nicht. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und ist oft auch längere Zeit arbeitslos. Künstler sind für mich Freigeister, die teilweise in ihrer eigenen Welt leben und sich nicht darum kümmern, was andere Leute sagen und Dinge tun, wie sie gerade Lust haben. Der Vater dieses Mädchens bemüht sich wirklich um sie und ihre kleinere Schwester. Er tut alles, was in seinen Möglichkeiten liegt, und die Mädchen lieben ihn sehr. Das hat mich am Ende am meisten gefreut, dass sie ihn so akzeptieren und lieben, wie er ist.

    Fazit:
    Ich bin anfangs nicht so leicht in diesen Roman hineingekommen. Umso begeisterter war ich beim Weiterlesen und bedauerte es sehr, dass ich so schnell am Ende angekommen bin. Marie Luise Lehner hat es geschafft, mich auf eine Kindheitsreise einer jungen Frau mitzunehmen, ihre Beziehung und ihr Leben mit ihrem Vater ausgiebig und bunt zu erleben und mitzuerleben, wie das Mädchen älter wird und wie sich ihr Verhalten und ihre Sichtweise ändern.
    Ein wunderschöner, bunt, leicht und flüssig geschriebener Roman, in den man eintauchen und mitfühlen kann. Nicht nur der Inhalt ist wunderschön, sondern das ganze Buch ist sehr liebevoll und kunstvoll gestaltet. Nicht nur der Außenband ist kunstvoll bedruckt, sondern das Buch selbst auch. Zusätzlich mit einem Lesebändchen ausgestattet ist es ein kleines Kunstwerk, inhaltlich wie äußerlich.
    Ein interessanter, bunter und gefühlvoller Roman, der mich sehr beeindruckt hat.

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    Bücherwurms avatar
    Bücherwurmvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Was für ein fesselndes, frisches und offenherziges Buch!
    Nicht alle Menschen sind gleich!

    "Fliegenpilze aus Kork" nennt Marie Luise Lehner ihr Debüt, in dem sie in Ich- Form ihre Kindheit und Jugendzeit beschreibt. Oder sollte ich besser sagen: Aus dem sie während ihrer Zeit des Erwachsenwerdens das Auf und Ab an der Seite des Vaters erzählt, einem Mann, der mit seinen Fähigkeiten und Neigungen nicht in eine westliche, dem materiellen Bestreben zugewandten Gesellschaft passt.
    Ich bin keine Psychologin, da ich aber mit ähnlichen Diagnosen durch mein Leben gehe, viele Schwankungen und Verzweiflungen nachvollziehen kann, gehe ich von einer gewissen Hochbegabung, eventuell auch einer adulten ADHS Störung aus, die im Buch aber nie erwähnt wird.
    Die Erzählerin erlebt eine gespaltene Familie, von der Mutter, bei der sie eigentlich wohnt, wird kaum gesprochen, aber -für heutige Zeiten ungewöhnlich- behält der Vater eine Erziehungsberechtigung und hat die Tochter mehrfach die Woche bei sich.
    Seine Art zu Leben mag vielen Menschen als eine Art Verzweiflung erscheinen, wer sich aber damit beschäftigt, dass viele Menschen in der heutigen Zeit "nicht passen", sich einfach den Regeln eines "geordneten" Lebens nicht unterwerfen können, der wird hier vielleicht verstehen, wie sehr diese Menschen unter den angepassten Menschen, den Vorurteilen und dem Druck, abzuleisten und gleich sein zu müssen, leiden.
    Im Grunde ist es auch völlig egal, wie sich die "Störung" nennt, wichtig ist mir, dass Mitmenschen endlich erkennen, dass es tatsächlich eine immer größer werdende Anzahl Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die mit der üblichen Tretmühle nicht klar kommen. Nicht weil sie faul sind, oder dumm, oder krank, sondern weil sie andere Bedürfnisse haben, einen anderen Lebensrhythmus und eben nicht "gleich" sind.
    Aber deswegen sind es keine schlechten Menschen.
    Ich persönlich wünschte mir endlich eine einsame Insel für mich, auf der ich endlich so sein kann, wie ich bin.
    Dieses Buch habe ich verschlungen. Ich fand es durchaus humorvoll, spannend, voller Gefühl und abwechslungsreich, ich hätte endlos lesen können!

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    miss_mesmerizeds avatar
    miss_mesmerizedvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung jenseits gängiger Normen und Wege.
    Marie Luise Lehner - Fliegenpilze aus Kork

    Eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung. Sie tun Dinge, die andere nicht tun. Sie wühlen im Müll, sie basteln Fliegenpilze aus Kork, sie leben auf unkonventionelle Weise. Immer wenn sie Zeit bei ihrem Vater verbringt, ist diese wie ein Abenteuer, eine Reise in eine andere Welt, in der bekannte Normen und Regeln nicht gelten, sondern auf den Kopf gestellt werden. Auch die berufliche Situation des Vaters ist anders als bei anderen: Gelegenheitsjobs wechseln sich mit Arbeitslosigkeit ab, mal liest er im Selbststudium philosophisch-anthropologische Texte, immer hilft er den Menschen in seinem Umfeld, die Unterstützung brauchen. Dabei wäre er selbst oft auf solche angewiesen. Mit zunehmendem Alter beginnt die Tochter, die Muster zu durchschauen und zu verstehen, was es mit ihrem Vater auf sich hat und löst damit die enge, vorurteilsfreie Beziehung nach und nach auf.

    Marie Luise Lehrners Roman Fliegenpilze aus Kork fällt schon durch die ungewohnte Gestaltung des Umschlags ins Auge. Die wilden Pinselstriche, die kein fertiges Bild, keine harmonisches Ganzes entstehen lassen, sondern eher Ausdruck einer spontanen Emotion oder der Aufgabe vor Vollendung zu sein scheinen, passen hervorragend zum Inhalt der Geschichte.

    Erzählt wird aus der Sicht der Tochter, die Kapitel folgen ihrem Alter, so ist jedem Lebensjahr ein Abschnitt gewidmet. Zunächst sehr kurz, dann immer länger werdend bis hin zum Erwachsenenalter. So wie das Mädchen älter und reifer wird, wandelt sich auch ihr Blick auf den Vater. Das junge Kind sieht das Zusammensein als Abenteuer, hinterfragt die Gegebenheiten nicht, sondern nimmt diese wahr und beschreibt sie in einem unverblümten Ton. Als sich der Blick über den Tellerrand der eigenen Familie hinaus wendet, wird ihr zunehmend klar, dass ihr Vater anders ist als andere und dass in ihrem Leben ein anderer Maßstab herrscht als dies bei anderen der Fall ist. Fast erwachsen beginnt sie kritischer zu werden und so einen Bruch herbeizuführen, auch bedingt durch die Tatsache, dass es eine jüngere Halbschwester gibt, in der sie sich zum Teil wiederkennt. Das, was sie als spannend und ungewöhnlich empfand, ordnet sie nun anders ein und bewertet es, wie auch die Außenwelt auf den Vater blickt, was die beiden zwangsweise voneinander entfernt.

    Der Roman bringt einem als Leser in eine emotionale Zwickmühle. Zunächst ist man mit der Erzählerin positiv gestimmt, nicht jeder soll und muss der Norm entsprechen und gerade die Abweichungen sind oft spannend. Die kleinen Unzulänglichkeiten des Vaters kann man gerne übersehen, dass er sein Kind liebt und der Tochter wichtige Dinge fürs Leben zu vermitteln vermag, ist augenscheinlich. Doch kommen mehr und mehr auch Zweifel auf, so wie das Kind älter wird und vermehrt hinterfragt. Ist es wirklich günstig, bei einem Mann, der kaum für sich selbst sorgen kann, ein Kind in Obhut zu lassen? Oft mangelt es an Geld und dadurch an Nahrung – von der Qualität ist noch gar nicht zu sprechen. Welches Vorbild ist er ihnen? Und die zunehmenden etwas zickigen Verweigerungen der Kommunikation weisen auch nicht auf Erwachsenen-adäquates Verhalten hin. Dennoch behandelt er die Töchter auch gut und durchaus liebevoll – wie soll man ihn letztlich beurteilen?

    Vielleicht sollte man aber genau darauf verzichten. Es fehlt die Instanz des Erzählers, der einordnet, einen neutralen Blick wirft und beurteilt. Man hat nicht den Eindruck, dass es der jungen Ich-Erzählerin an etwas ernsthaft mangelt, vor allem nicht emotional; mit zunehmendem Alter kann sie sich eine eigene Meinung bilden, sich lösen und eigene Wege gehen. Das Erwachsenwerden hat letztlich hervorragend geklappt – kommt es nicht darauf nur an?

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Worum geht's?

    Vater und Tochter streunen durch Wien, lassen sich nachts im Park einsperren, stehlen Elektrogeräte auf dem Müllplatz und sammeln Kupferleitungen auf Baustellen. Was sich wie ein Abenteuer anhört, ist der Alltag der Protagonistin. Nach und nach bemerkt sie, dass ihr Vater nicht wie andere Väter ist. Manchmal ist er arbeitslos, manchmal Bildhauer, Sozialarbeiter oder Hausmeister. Manchmal hat er kein Geld und nichts zu essen zu Hause. Eine Kindheit voller Erwartungen, Enttäuschungen und Träume.
    In knappen und dichten Episoden erzählt Marie Luise Lehner die ersten zwanzig Jahre aus dem Leben einer Frau. Es sind Blitzlichter einer Erinnerung – mal schillernd, mal in Scherben liegend – die aber stets von einer kindlichen Leichtigkeit getragen werden.

    "Weil wir nie Fahrscheine haben, erklärt er mir, woran man Kontrolleure erkennen kann. Manchmal träume ich von ihnen. Plötzlich stehen sie hinter mir. Ich wache auf, wenn sie „Fahrkarten, bitte“, sagen."

    Marie Luise Lehner

    geboren 1995, lebt in Wien und Linz. Studium am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst und Drehbuch an der Filmakademie Wien. Schreibt Theaterstücke und Prosa. Ihre Erzählungen wurden mit Literaturpreisen ausgezeichnet (Kolik-Preis, Jugendliteraturwettbewerb „Sprichcode“) sowie in Anthologien und Literaturzeitschriften (Kolik, Facetten) veröffentlicht. „Fliegenpilze aus Kork“ ist ihr erster Roman.


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    Letzter Beitrag von  LiberteToujoursvor einem Jahr
    https://www.lovelybooks.de/autor/Marie-Luise-Lehner/Fliegenpilze-aus-Kork-1408208734-w/rezension/1447083552/ Danke für die Geduld und für das Buch, ich hab meine Rezension jetzt auch endlich fertig :)
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