Marie Luise Wandruszka

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Cover des Buches Das Buch Goldmann (ISBN: 9783518426012)

Das Buch Goldmann

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Erschienen am 08.05.2017
Cover des Buches Das Buch Goldmann (ISBN: 9783492316354)

Das Buch Goldmann

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Erschienen am 02.06.2020

Neue Rezensionen zu Marie Luise Wandruszka

Cover des Buches Das Buch Goldmann (ISBN: 9783518426012)A

Rezension zu "Das Buch Goldmann" von Ingeborg Bachmann

Die schönsten Frauen immer mit den blödesten Männern.
Aliknechtvor 4 Jahren

Das Buch Goldmann schildert die Zeit in Wien, als die Österreicher gerade wieder aus den Klauen der Nationalsozialisten befreit waren und neu zu sich selber finden durften. Man spielte "in den Ruinen von Wien am laufenden Band Claudel oder O'Neill" und fragte sich, "welchen Wert dies hätte"[1]. 

Die vierfach verschmelzenden weiblichen Hauptfiguren sind die PEN-Club-Sektretärin bzw. die Schauspielerin Fanny Goldmann und die Journalistinnen Eka Kottwitz alias Aga Rottwitz. Fanny Goldmanns Liebhaber Anton Marek, auch bekannt als jener famose Herr F., beutete bekanntermaßen ihr Leben für seine Literatur aus. Nun sucht der Leser auch hier in diesem Roman-Fragment unentwegt nach autobiographischen Spuren. Ingeborg Bachmann vermag aber weit weniger zu unterhalten als jener Herr F., der sich immerhin sehend blind stellte um mehr zu sehen. Sie kann nur beklagen, "wie die schönsten Frauen oft das unwahrscheinlichste Pech und immer mit den blödesten Männern haben" [2]. 

Ingeborg Bachmanns vermutlich nicht unerhebliches Verführungspotential für einige Onkels des damaligen deutschen Literaturbetriebs bleibt nahezu unsichtbar und nicht einmal der Inkognito-Auftritt des jungen Peter Handke auf der Frankfurter Buchmesse reisst das Roman-Fragment richtig heraus.  

Ausgabe: Ingeborg Bachmann Salzburger Bachmann Edition Das Buch Goldmann Piper Suhrkamp 2017

Referenzen:
[1] Seite 274
[2] Seite 276

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Cover des Buches Das Buch Goldmann (ISBN: 9783518426012)J

Rezension zu "Das Buch Goldmann" von Ingeborg Bachmann

Die Schultern einer Epoche
jamal_tuschickvor 5 Jahren

“Das Buch Goldmann” setzt die Ingeborg Bachmann Gesamtausgabe im zweiten Band fort - Geschildert wird der “Lebenslauf einer Frau mit Haltung und schönen Schultern”, die ein “kleiner Verbrecher” in den Abgrund stößt
Die Schauspielerin Fanny Goldmann fühlt sich vernichtet. Das ist ihr Zustand ohne Ausweg. Da hilft keine Psychologie und nicht die von Gleichgültigkeit gesicherte Rücksicht der Vielen. Die Rücksichtslosigkeit eines Einzelnen überschattet jeden Trost. Der Einzelne heißt in dem Fragment gebliebenen Roman Marek, er schlich sich als drastischer Liebhaber in das Leben einer für die Metaphern der Hörigkeit Empfänglichen. Er meldet der Welt den kalbenden Morgengeruch und die welke Haut einer Frau, die nicht genug auf sich achtet. Er macht Prosa aus der Person, die ihm so und so erschien, jedenfalls anders, als sie ihm erscheinen wollte. Trotzdem soll dieser Anton “Toni” Marek zurückkommen, wenigstens in Momenten. Fanny stellt ihn sich auf einer Wallfahrt nach Canossa vor, wo sie ihren “Schlächter” mit gemischten Gefühlen erwartet. Sie erfindet sich eine Macht, die ihr Marek gefesselt und verdroschen zuführt. Sie erschießt sich vor seinen Augen, um ihn zu interessieren.
Als Furie versagt Fanny. Jeder Bachmannleser kennt die Geschichte im Mantel des wiederholten Liebesscheiterns. 1958 begegnet die Schriftstellerin dem älteren Kollegen Max Frisch, den sie zunächst nur bewundert, der dann aber Paul Celan in der Rolle des Geliebten folgt. 1963 endet das Verhältnis. Die Trennung legalisiert eine frische Verbindung des Schriftstellers. Frisch beteiligt Bachmann am neuen Glück. Er verlangt geradezu ihr Einverständnis. Seine Beschreibungen der Verlassenen in “Mein Name sei Gantenbein” erleidet Bachmann als Entblößung, obwohl ihre tätige Aufmerksamkeit das Manuskript bis zur Publikationsreife begleitete. Bachmann sperrt sich im Schweigen. Sie wehrt sich mit Revenge Text, das nicht fertig gewordene und nun die Gesamtschau fortsetzende “ Buch Goldmann” befestigt eine poröse Verteidigungslinie, die keinen ernsthaften Ausfall der Baumeisterin je über sich ergehen lassen muss. Bachmann bleibt in ihrem Verhau Opfer und Objekt (patriarchalischer Grausamkeit). Sie zeigt Fanny freidrehend im falschen Azorenhoch von mother’s little helper. Fanny putzt die Kacheln der Verzweiflung morgens um fünf, sie versichert sich der glänzenden Aussichten eines Lebensabbruchs. Sie fürchtet ihre Verwandlung in eine Arabeske. Sie denkt ihre Gebärmutter mit ihrem Stuhlgang zusammen. Sie hasst ihre Scheide, den Aussfluss, die Gerüche.
Nabelschnurstrangulationen. Dammrisse. Brockhausexerzitien: Fanny bleibt sich in keiner Hinsicht erspart. Sie erträumt einen Bruder, mit dem Blutschande zur Verschmelzung führt.
Bachmann hielt den Frieden nur für ein Echo des Krieges. Frischs Indiskretionen riefen ältere Traumatisierungen auf. Sie büßte ihre Empfänglichkeit in einer Produktionslücke bis zum Tod und fand doch wieder und wieder die Kraft, die eigene Position im Geschlechterkampf zu veredeln. Ihre splitternden Ichs sind Porzellandamen mit epochemachenden Schultern. Eine gerät an einen diabolischen Psychiater, der sie zum Selbstmord anstiftet. In “Requiem für Fanny Goldmann”, einer 1978 erstmals veröffentlichten Auswahl des hier in Rede stehenden (einem Zyklus in biblischen Dimensionen zugedachten) Konvoluts, trifft sich die schönste Frau einer Hauptstadt mit einem miserablen Schriftsteller, der sie für eine Jüngere verlässt und wie im Vorübergehen Verrat übt, indem er die Jahrhunderterscheinung “ausschlachtet”. Fanny ist übrigens eine verheiratete, philosemitisch vorgehende Goldmann und eine geborene Wischnewski. Sie wuchs heran als Offizierstochter und Klosterschülerin Stephanie, gewöhnt daran, im Hemd zu baden. Den Krieg ignorierte sie so weit in “einer Art Dornröschenschlaf”.
Fanny fühlt sich von Marek verladen - und doch gratuliert sie ihm zu einem Buch, in dem sie heruntergestimmt wird zur Hysterikerin mit slawischem Profil. Sie überlässt sich ihm, indem sie sich von seinem Urteil abhängig macht.
Fanny erlebt die Etappen eines Zusammenbruchs als Ausdauerleistung. Ihr Mangel an Mitteln frappiert. Sie wird konventionell, wenn sie Mareks Tölpeleien aufzählt. Sie denunziert sich selbst in ihrer Verbitterung. Ein schreibender EDV-Fachmann erscheint als Antagonist des Unbelesenen, Oswald Wiener könnte der Figur Modell gestanden haben.
In der Umgebung ihrer “Ermordung” bestimmt Gold- Bachmann ewige Koordinaten des Literaturbetriebs und der anhängigen Gesellschaft. Eiskalt und gekonnt beschreibt sie die Beschaffenheit von Frauen und Männern in dieser Sphäre. Sie gewinnt Nüchternheit an einer Peripherie ihres Themas. Sie überliefert das Stockende, Redundante und Lächerliche in den Kulturmilieus, kurz: all das, worüber man sich einfach erheben kann. Der Text rutscht aus den Scharnieren der Monomanie auf die Bahn einer Verwunderung über Triumphe der Anpassung. Die Geschichte einer Unglücklichen wird zur Materialsammlung und zum Skizzenblock mit einer aufschlussreichen Darstellung der Editionsmechanik zum Schluss.

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