Mariette Navarro

 4,2 Sterne bei 53 Bewertungen
Autor*in von Über die See, Am Grund des Himmels und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Mariette Navarro, geb. 1980, ist Schriftstellerin und Dramaturgin. In dem kleinen französischen Verlag Cheyne gibt sie eine Reihe poetischer Prosatexte mit heraus, darunter ihre eigenen, Alors Carcasse (2011, Robert Walser Preis 2012) und Les Chemins contraires (2016). Zudem hat sie mehrere Stücke geschrieben. Ihr Romandebüt Über die See ist 2022 bei Kunstmann erschienen.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Mariette Navarro

Cover des Buches Über die See (ISBN: 9783956146114)

Über die See

(45)
Erschienen am 16.05.2024
Cover des Buches Am Grund des Himmels (ISBN: 9783956146497)

Am Grund des Himmels

(6)
Erschienen am 14.08.2025
Cover des Buches Am Grund des Himmels (ISBN: 9783956146602)

Am Grund des Himmels

(2)
Erschienen am 14.08.2025
Cover des Buches Ultramarins: Über die See (ISBN: 9782374912158)

Ultramarins: Über die See

(0)
Erschienen am 20.10.2022

Neue Rezensionen zu Mariette Navarro

Cover des Buches Am Grund des Himmels (ISBN: 9783956146497)
Hyperikums avatar

Rezension zu "Am Grund des Himmels" von Mariette Navarro

Hyperikum
Ein Hauch Poesie schafft Luftigkeit

Claire gehört nicht mehr dazu. Sie hat keinen Kampf angezettelt, keine Türen zugeschlagen, nicht geschrien, nicht aufbegehrt. Es hat sich einfach etwas verschoben. 


Jetzt will sie mit der, die sich abgestrampelt hat, um eine Position zu erreichen, um eine Position zu halten, um sich eine Position zu verdienen, um diese Position vor den anderen zu verteidigen, nichts mehr zu tun haben. S. 6


Sie hat sich abgekoppelt, ausgeklinkt. Sie steht auf dem Dach des Konzernriesen, bei dem sie sich aus den einfachen Verhältnissen, aus denen sie kommt, nach oben gearbeitet hat. Eigentlich braucht sie bei den Frühlingstemperaturen eine Jacke, aber sie wird darauf verzichten. Noch Monate zuvor wäre sie niemals auf dieses ungesicherte Dach geklettert. Die Vorahnung, eine Windböe könnte sie jederzeit wegfegen, hätte sie sich an die nächste Wand lehnen und mit Schwindel und Herzrasen ihre Atmung kontrollieren lassen. Heute jedoch hatte sie nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie sah die offene Dachluke und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nun ist sie hier und betrachtet den Himmel. Noch vor Kurzem hatte sie gedacht, wenn sie sich noch etwas mehr anstrenge, könne sie die Welt verändern, dachte, sie sei der unermüdliche Treibstoff durch den sich alles weiterdrehe. 

Der Himmel verändert seine Farbe, rosarote Schliere wabern ins Bild. Der Tag macht dem Abend Platz, die heraufziehende Kälte lässt sie frösteln. Sie muss sich bewegen. Atmet tief ein, läuft von einem Ende des Daches zum nächsten, fängt an zu hüpfen und tanzt schließlich zur Musik in ihrem Kopf. Lebenslust macht sich breit. 

Fazit: Die französische Autorin und Dramaturgin Mariette Navarro hat in ihrem zweiten Roman weibliche Selbstermächtigung thematisiert. Ihre Protagonistin Claire hat für das Unternehmen alles gegeben. Sie war stolz, es bis nach oben geschafft zu haben. Doch der einsame Alltag, Arbeit, Einkauf, Essen, Einschlafen vor dem Fernseher, hat sie unmerklich in ein Hamsterrad getrieben, in dem sie ihre Lebensfreude und Spontaneität verloren hat. Bei einem Gang über den Flur bemerkt sie ein Stück Himmel, der durch die offene Dachluke scheint. Sie lässt die Rollleiter herunter und klettert hinauf. Oben angekommen fühlt sie sich sofort befreiter und atmet tief durch. Sie weiß nicht, wann sie das letzte Mal dem Himmel ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat und genießt die letzten Strahlen der Frühlingssonne auf ihrem Gesicht. Im Laufe der nächsten Stunden kämpft sie mit Naturgewalten und recherchiert ihre Karriere und all die Zeichen, die sie ignoriert hat, die ihr einen Ausstieg soufflierten. Ich mag die Sprache, die mit einem Hauch Poesie eine schöne Luftigkeit in den Text zaubert. Da sind so viele kleine Beobachtungen, die Blicke der Kolleg*innen, erste Zweifel an dem Sinn ihrer Arbeit, die Beziehung zu den Eltern, die dieses schmale Büchlein, das sich doch nur um die Protagonistin dreht, fein auffrischen. Ich mochte das sehr. 

Cover des Buches Am Grund des Himmels (ISBN: 9783956146497)
AnneMFs avatar

Rezension zu "Am Grund des Himmels" von Mariette Navarro

AnneMF
Ausstieg aus einem fremdbestimmenden Leben

Willst du im Beruf mit anderen mithalten, ein gewisses Ansehen erreichen, muss man sich anpassen. Starre Strukturen und oftmals abschätzige Blicke gehören auch dazu. Claire hat sich zu begierig schnell an alles angepasst. Sie genoss es, zum Kreis der Auserwählten zu gehören. Den Leuten nach dem Mund zu reden, je nach Meinung und Machtposition. In Claires Familie stellt man abfällige Fragen nach dem, was sie arbeitet, wenn man ihre Designer-Klamotten sieht. Das nagt sehr an ihr. Stammt sie doch aus eher ärmlichen Familien.

Es kommt der Tag, da hat sie genug von all dem, sie entkoppelt sich und flieht aus dem kalten Palast Konzernzentrale. Sie entdeckt eine Luke und steigt auf ein ungesichertes Dach des Hauses. Schon bald merkt sie, dass die Luft dort oben sehr kalt ist und sucht sich ein Plätzchen zum Warmhalten. Sie sitzt endlich dem Himmel gegenüber. Unter einer Plane schläft sie auf dem Betonboden ein. 

Eine Frau auf ihrem Weg rigorose Unabhängigkeit. Sie wird sich nicht mehr fügen. Die Geschichte wird abwechselnd aus Claires Sicht und dann wieder aus dem Blickwinkel ihrer Kollegen*innen erzählt, wo Fügsamkeit und Indolenz an der Tagesordnung sind.Ein Kollege springt in den Tod.  Es kündigt sich an, was sich nicht mehr aufhalten lässt. Mit welcher Kursänderung weiß Claire nicht mehr. Die Verwüstung schert sich nicht um sie. Wenn man weiß wohin die Reise geht, spürt man den Regen nicht mehr.

Die Autorin setzt ihre Sprache meisterhaft ein, die Geschichte hat Tiefgang, die Bedeutung zwischen den Zeilen regen sehr zum Nachdenken an. Die Rhythmik der Erzählweise fesselt mich bis zum Ende. Literarisch ein anspruchsvolles Buch mit einer glaubwürdigen Protagonistin. Ich empfehle es sehr gerne weiter. 


Cover des Buches Am Grund des Himmels (ISBN: 9783956146497)
Thomas_Lawalls avatar

Rezension zu "Am Grund des Himmels" von Mariette Navarro

Thomas_Lawall
Der Weg als Ziel

Was passiert eigentlich nach dem Ausstieg? Wie kommt man wieder auf die Beine? Wie findet man wieder einen Weg, und vielleicht sogar den richtigen?

"Alles bleibt in der Schwebe und deutet ein strahlendes 'Danach' an, in dem nichts unmöglich scheint."

Claire hat es geschafft. Jedenfalls so, wie es im Allgemeinen definiert wird. Eine gewisse Position in einem gewissen Konzern zu erreichen, obwohl sie aus sog. einfachen Verhältnissen stammt, ist schon eine besondere Leistung. Oder etwa nicht?

Claire sieht es anders und ist es leid,

"...endlos ein Karussell mit Geld und Worten anzutreiben..."

Ihre Flucht aus den vorgegebenen Lebens- und Verhaltensmustern kündigt sich langsam aber beharrlich an. Hier und anderswo, und eigentlich überall, findet Mariette Navarro gewaltige Sprachbilder, die das alsbaldige Ungemach unwiderruflich ankündigen.

Immer öfter stellen sich ihrer Hauptdarstellerin ebenso merkwürdige wie unsichtbare Hindernisse in den Weg. Das können Stolperfallen wie vermeintliche Bodenerhebungen oder unsichtbare Barrieren sein. Sind es Hindernisse, die sich nur gegen sie richten?

"Vielleicht waren die Mauern immer schon dagewesen, vielleicht bin ich sogar mit ihnen auf die Welt gekommen."

Schließlich eskaliert die Situation und sie flieht aus einem Meeting durch eine Luke auf das Dach ihres Bürokomplexes. Hier bekommt sie es mit den Folgen ihrer Verweigerung, sich in vorgegebenen Bahnen zu bewegen und Richtlinien und Werten nicht mehr Folge zu leisten, zu tun.

Ein "Sturm" bricht los und nach jener stürmischen Nacht lässt sich die Luke nicht mehr öffnen. Ein Rückweg scheint nicht mehr möglich zu sein. Claire sucht nach Erklärungen und es entwickeln sich erste Zweifel.

"War diese angelehnte Luke also doch ein Fehler im System und nichts, was sich mir wirklich öffnete?

Mariette Navarro entwirft Gebirge aus Metaphern, die in der Summe vielleicht nichts anderes sind als eine Art Wegbeschreibung, die aus den Zwängen einer modernen Arbeitswelt und einer sinnlosen Lebensrealität hinausführt.

Die toten Glaspaläste verlieren endgültig an Bedeutung, wenn man deren Sinn in Frage stellt. Claire weiß nicht mehr,

"für welchen Glauben man diese Imitationen von Kathedralen erbaut."

Die poetische Wucht ihrer Sprache vermag Leserinnen und Leser zunächst verunsichern und mitunter sogar verstören, sollte man sich in gewissen Formulierungen seiner eigenen Einbahnstraßen bewusst werden. Das kann die Stimmung ganz erheblich drücken.

Jene nervöse Unbehaglichkeit verunsichert zutiefst, auch wenn man sie womöglich schon länger kennt. Jene Aufbruchstimmung, die etwas ankündigt, was sich nicht mehr aufhalten lässt. Die Angst, den Boden unter den Füssen und jede Kontrolle zu verlieren, aber dennoch Kräfte zu sammeln und zu bündeln versuchen, um den Weg ins Ungewisse zu wagen.

Claires Monolog wird immer wieder durch einen Wechsel der Erzählperspektive unterbrochen. Hier schildern ihre Kolleginnen und Kollegen die Dinge aus ihrer Sicht und verlieren sich hierbei in einem Dschungel aus diffusen Vermutungen und wilden Interpretationsorgien.

"Es fällt uns schwer, die Szenarios zu glauben, die wir uns da ausdenken."

Was Mariette Navarro mit ihrer Hauptfigur vorhat und bezweckt, scheint von Anfang an zu erkennen sein, und wäre im Prinzip in wenigen Zeilen plausibel erzählt. Das würde der Thematik aber nicht gerecht werden, denn in "Am Grund des Himmels" ist eindeutig der Weg das Ziel!

Gespräche aus der Community

Das Lieblingsbuch der französischen Buchhändler*innen und Highlight des französischen Bücherherbsts 2021 gibt es jetzt in deutscher Übersetzung.

61 BeiträgeVerlosung beendet
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Letzter Beitrag von  Greenie_Apple

Hier jetzt endlich auch meine Rezension.

https://www.lovelybooks.de/autor/Mariette-Navarro/%C3%9Cber-die-See-4964482228-w/rezension/7195490693/

Außerdem wie immer zu finden unter Wasliestdu.de, Lesejury, Amazon, Hugendubel, Thalia, Weltbild, Buecher.de und meinem Blog:

https://meine-wohlfuehlzone.jimdofree.com/2022/10/29/rezension-zu-%C3%BCber-die-see-von-mariette-navarro/


Vielen Dank für dieses wunderschöne Buch, ich habe es verschlungen!


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