Was geschieht, wenn man die Epoche der Schwarzweißfotografie aus ihrem monochromen Schlummer reißt? Seit dem 19. Jahrhundert wurden prägende Momente genauso wie Alltagsszenen auf Lichtbild gebannt. Das Zeitalter der Fotografie hatte begonnen und macht seither die Vergangenheit für die Nachwelt sichtbar – doch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein nur in Schwarz-Weiß.
Die Künstlerin Marina Amaral kolorierte mittels digitaler Bildbearbeitung 200 ikonische Bilder aus den Jahren 1850 bis 1960, sodass Schwarzweißfotografien zu lebendigen und faszinierenden Farbfotos werden. Berühmte Staatsmänner, wichtige historische Ereignisse ebenso wie die Gesichter gewöhnlicher Menschen zeigen sich uns auf dramatische und unerwartete Weise. Ergänzt werden die Bilder durch informative Begleittexte des Historikers Dan Jones. Von der Zeit Bismarcks bis zum jungen Nelson Mandela, von der ersten Weltausstellung bis zur Epoche der Raumfahrt – Die Welt von gestern in Farbe bietet einen einzigartigen und oft wunderschönen neuen Zugang zur modernen Geschichte.
Spätestens wenn man auf Twitter unterwegs ist, stolpert man immer wieder über die 1994 geborene brasilianische Künstlerin Marina Amaral, die sich auf das Kolorieren historischer Fotografien spezialisiert hat. Ob es nun um bekannte historische Persönlichkeiten geht wie Staatsoberhäupter, Politiker, Künstler etc. oder um das Foto, auf dem das Leben gewöhnlicher Menschen zu sehen ist – Amaral erweckt die Historie in ihren am Computer bearbeiteten Bildern zum Leben. Die Bilder wirken dabei teilweise so „lebensecht“, dass man gar nicht glauben kann, dass sie schon 150 Jahre alt sind! Gerade bei der Kolorierung von Uniformen (siehe unten) läuft Amaral zu Höchstleistungen auf. Hier jeder Uniform den richtigen Farbton zu geben, die unzähligen Orden korrekt zu kolorieren und dabei auch das komplexe Teppich-Muster nicht aus dem Blick zu verlieren – das muss die Künstlerin unzählige Stunden und viel Blut, Schweiß und Tränen gekostet haben. Der Betrachter merkt: Hier hat jemand seine Hausaufgaben gemacht, Fakten bis ins Detail recherchiert, die Grautöne der Originale verglichen und Nachforschungen angestellt, damit die Geschichte authentisch präsentiert wird.
Der Historiker und Journalist Dan Jones ergänzt diese durch kurze erläuternde Geschichten. Diese führt uns vom Krimkrieg zum Kalten Krieg und von der Entwicklung der Dampfmaschine bis zur Raumfahrt. Dabei haben sich die beiden Autoren darum bemüht, den Betrachter bzw. Leser auf unterschiedliche Kontinente und zu unterschiedlichen Kulturen zu führen und malen uns so eben nicht nur berühmte Menschen vor Augen, sondern bewahren auch die Unbekannten, Vergessenen davor, endgültig aus dem Gedächtnis der Menschheit zu verschwinden.
Interessant dabei ist, dass es sich bei den ausgewählten Fotos nur selten um weltberühmte Fotografien handelt. Amaral hat sich primär (aber nicht nur) für weniger bekannte Fotografien entschieden und liefert so nicht (nur) einen kurzweiligen Blick in die bekannte Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. So erhält der Betrachter bzw. Leser eben nicht nur die x-te Abhandlung über bekannte Persönlichkeiten wie Queen Victoria, den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, die Hindenburg-Katastrophe oder die Befreiung der Konzentrationslager, sondern erfährt auf unterhaltsame Weise auch, was darüber hinaus zu dieser Zeit auf unserem Planeten geschah. Oder wer von uns hat schon einmal von Obaysch gehört, dem ersten Nilpferd im Londoner Zoo, das in Großbritannien eine „Hippomanie“ auslöste? Davon, wie das afrikanische Land Liberia entstanden ist? Oder davon, dass der spanische Möchtegern-König Carlos gleich drei Kriege ausgelöst hat, weil man ihn weder in Spanien noch in Frankreich als König haben wollte?
Mein Fazit: Ein ungewöhnlicher historischer Bildband, der Blitzlichter auf die unterschiedlichsten Ereignisse wirft, dabei Bekanntes präsentiert, aber auch sehr viel Unbekanntes ausgräbt. Ein faszinierendes Werk!






