Mario Delgado Aparain

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Rezension zu "Die Ballade von Johnny Sosa" von Mario Delgado Aparain

Ein Roman der lateinamerikanischen Würde...
pardenvor 4 Jahren

EIN ROMAN DER LATEINAMERIKANISCHEN WÜRDE...

Eines Morgens ist in dem kleinen Dorf Mosquitos einiges merkwürdig: Durch das Guckloch in der Mauer sieht Johnny Sosa nicht wie jeden Tag das geheimnisvolle Schattenspiel der Eukalyptusbäume, sondern eine lange Reihe grauer Militärlastwagen, und an Stelle der geliebten Musiksendung über sein großes Sängeridol Lou Brakley dröhnt Militärmusik aus dem kleinen Radio. Am Abend dann, in der »Bar«, in der die Männer nach der Arbeit ihren Schnaps trinken, ein paar Damen ihrem Gewerbe nachgehen, Johnny wie immer schwarz gekleidet, mit scheppernder Gitarre und mit viel Schmelz in der Stimme den Blues singt und mit seinem zahnlosen Lächeln die Damen begeistert, sind im Publikum ein paar Uniformierte, die ungute Stimmung verbreiten. Johnny legt sich mächtig ins Zeug und singt und spielt mit ganzem Herzen und ganzer Seele - vergeblich, die Stimmung bleibt gespannt. Fast noch schlimmer ist, dass der bewunderte Moderator von Radio Mosquitos sagt, Johnnys Musik und sein unverständliches Kauderwelsch seien schlicht entsetzlich.
Wie zum Trost macht ihm ein paar Tage später der Oberst der neuen Herren im Dorf ein verführerisches Angebot: Johnny bekommt neue, strahlend weiße Zähne und Gesangsunterricht, wenn er mit der »Negermusik« in der Bar aufhört und stattdessen »schöne Boleros« singt, vor großem Publikum, auf Festivals! Aber, überlegt Johnny, als der Zahnarzt Maß nimmt für die neuen Zähne, was ist eine Karriere als Hofsänger der Putschisten wert, wenn die Freunde nicht mehr zuhören, weil sie einer nach dem anderen ins Gefängnis wandern, abgeholt werden, verschwinden?

»Die Ballade von Johnny Sosa« ist ein großes kleines Buch über den Traum vom Ruhm, über die Menschenwürde, den Blues und die Schwierigkeit, im richtigen Moment nein zu sagen.


Ai nied tubi frie
wit juh ander de trie.
Bat aijam an only black man,
an only black man, an... ou, beiby.
(aus 'Melancholy on your Knees')



Das Thema ist eigentlich so ernst, wie es ernster nicht geht. Die Diktatur in Uruguay war sicher eine der grausamsten in Lateinamerika, das Land als 'Folterkammer Südamerikas' bekannt. Johnny Sosa aber begreift diese Zusammenhänge nicht, er bemerkt zunächst nur die Veränderungen, die ihn selbst betreffen. So gibt es beispielsweise die allmorgendliche Radiosendung über den amerikanischen Bluessänger Lou Brakley, sein Idol, plötzlich nicht mehr. Militärmusik sendet 'Radio Mosquitos' fortan.
Doch die Veränderungen greifen um sich, und Johnny Sosa, der große schwarze Bluessänger mit dem zahnlosen Lächeln beobachtet. Sieht, erkennt, versteht letztendlich. Längst hat er sich arrangiert mit den Herrschenden, ist zu deren Spielball geworden, soll seiner Musik abschwören und statt dessen 'genehmere' Lieder singen. Als Gegenleistung dafür erhält er Gesangsunterricht. Und neue Zähne. Doch ist das neue Lächeln wirklich seines?


Die Idee, ihm die Lust daran zu nehmen, zu sein, wie er sein wollte, war aus einer Feierabendlaune heraus entstanden, in einer Runde von Honoratioren, die es nun unternahm, ihn zu verwandeln (...), was Johnny aber erst durchschaute, als die Tragödie bereits nahe war und die Träume aufgehört hatten, das Dunkel seines Lebens zu erhellen.


Tatsächlich nicht viel länger als eine Ballade ist dieses Buch von Mario Delgado Aparain, voller subtiler Andeutungen, die Perfidität der Diktatur oft in einem Nebensatz zur Schau stellend. Dabei durchaus mit einem Augenzwinkern und durchsetzt mit trockenem Humor, dazu Johnny Sosas doch sehr eigenwilliges Englisch durchmengt mit einer durchaus zuweilen sehr poetischen Sprache - eine außergewöhnliche und interessante Mischung, die dem Leser da begegnet.


Denn wenn man nicht wie sie das Glück hatte, dass einem der Tango bereits an der Wiege gesungen wurde, dann war es nur natürlich, dass alles Leid im Leben, das jemals über einen kam, in einer anderen Musik aus dem Herzen brach.


Nun, bei Johnny Sosa ist es nicht der Tango und auch nicht der Bolero, der ihm innewohnt, sondern der Blues. Ein Lebensgefühl, das ihn begleitet in seinen Träumen, seiner Liebe, seiner Sicht der Dinge, seinen Entscheidungen. Und in der Mögichkeit, sich selbst letztlich treu zu bleiben...

"...der Roman der lateinamerikanischen Würde", so ist es im Nachwort zu lesen - und in der Tat lässt diese Ballade ihren Helden letztlich hocherhobenen Hauptes durch die Querelen der Diktatur schreiten.
Ein beeindruckendes kleines Werk...


© Parden

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