Mario Lacruz

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Autor von Auf Abendwegen.

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Auf Abendwegen

Auf Abendwegen

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Erschienen am 01.08.2007

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Rezension zu "Auf Abendwegen" von Mario Lacruz

Rezension zu "Auf Abendwegen" von Mario Lacruz
HeikeGvor 10 Jahren

Der Rest ist Schweigen
Auf Abendwegen erschien bereits 1955 unter dem Namen La tarde in Spanien. 2001, ein Jahr nach dem Tod des großen Verlegers und Autors Mario Lacruz (1929 - 2000), wurde das Buch mit dem "Premio Ciudad de Barcelona" ausgezeichnet.

Mit wenigen Worten umrissen, könnte der Roman als großes melancholisches Erinnern bezeichnet werden. Es geht aber auch um Verlust und Trauer. Der Plot ist sehr vage und undefiniert, es gibt kaum so etwas wie eine Handlung. Zudem sind alle Charaktere äußerst minimalistisch ausgelegt. Auf Abendwegen reduziert die romantische Beziehung zwischen zwei Menschen auf das wesentliche, abstrahiert völlig von den "Zutaten" und Beigaben.

Der Leser begegnet dem intelligenten und künstlerisch begabten David René (34 fast 35 Jahre jung) im Jahre 1935 in Barcelona. Der introvertierte junge Mann lebt, ausgestattet mit einer großzügigen Apanage, fast müßiggängerisch in den Tag hinein. Er ist Teilhaber eines Verlages, bei dem er sich jedoch nur sporadisch blicken lässt. Schon jahrelang arbeitet er an einem großen Gedichtzyklus.
David ist ein nachdenklicher, ja fast einsamer Mann. Ständig begleiten ihn Erinnerungen an seine Vergangenheit, sieht er die Zukunft voraus und analysiert. Es sind Erinnerungen an seinen Bruder Augustín, seine tote Mutter, das Haus seiner Eltern im Küstenstädtchen Figueras, seine unbeschwerte Kindheit und vor allem an seine einzige große Liebe Clementina (Tina) Reynals. Doch diese Erinnerungen sind nicht immer von Frohsinn geprägt. Vielfach quälen sie ihn, denn nicht alle Fragen wurden beantwortet.
Bis ihn eines Tages ein Brief aus Figueras erreicht, indem ihn seine Schwester bittet, nach Hause zu kommen, um sich um das Familienunternehmen zu kümmern, welches nach dem Tod Agustíns in einer finanziellen Krise steckt.

David macht sich seine Entscheidung nicht leicht, denn "es ist unmöglich gleichzeitig auf zwei entgegengesetzten Wegen zu laufen. Schon einmal hatte ich gewählt, wenn man es eine Wahl nennen darf, das Unvermeidliche hinzunehmen". Damals ist er geflüchtet, als Tina seine Liebe nicht erwiderte, sich in seinen Bruder verliebte und mit ihm das Land verlassen wollte. Tina lebt immer noch in Figueras, allein, wie er herausgefunden hat. Vielleicht würde sein Traum, den er nie aufgegeben hat, nun wahr werden. Vielleicht könnte er an Vergangenes anknüpfen?
Er macht sich auf den Weg zu seiner Familie.

Dauernde Augenblicke der Nähe, der zeitweiligen Distanz und kurze Momente des Glücks, unterbrochen nur von den Rückblenden an seine Kindheit der 20er Jahre, begleiten diesen Roman. Der Wechsel zwischen "Bauch- und Kopfgefühlen" des Protagonisten ist sogar stilistisch und typografisch in Szene gesetzt. Berichtet David größtenteils in der Ich-Form, so werden besonders intensive Momente kursiv und von einem neutralen Erzähler in der 3. Person wiedergegeben. Vielleicht um sich von zu viel Nähe zu distanzieren?. Bereits Davids früher Lehrer Mr. Greville warnte ihn vor der Macht der Gefühle: "Die Werke unseres Herzens sind immer berauschend unbeständig und maßlos. Die Schönheit kann nur überleben, wenn wir sie zwingen, unseren Kopf zu durchlaufen." Und so wird durch die neutrale Stimme eines Erzählers das Überschwellende, Melodische, von großer Melancholie und Traurigkeit Geprägte neutralisiert: Die "Farben" werden dezimiert.

Vorsichtig, behutsam kommen sich David René und Tina Reynals näher, eine Handbewegung, ein kurzer Blick, ein Lächeln, eine Geste. So wie einst Tina mit seinem Bruder fliehen wollte, so will jetzt auch David mit ihr fliehen: weg von der Verantwortung dem maroden Familienunternehmen gegenüber, weg von der immer unsicherer werdenden politischen Situation Spaniens. Doch die Zeit ist an ihnen nicht spurlos vorüber gegangen und im Innersten spürt David, dass die Erinnerung ihm ein Bild gemalt hatte, was der Wirklichkeit nicht standhält. Dieses "Bild zu zerstören, wäre das Gleiche, als wenn er sich selbst zerstörte. Und er durfte nicht auslöschen, was die Zeit geschrieben hatte, um neu zu beginnen. (…) Nein, ich muss nicht beenden, was Augustín begonnen hatte. Das hier ist nicht der Beginn von etwas. Es ist das Ende."

David läuft dieses Mal nicht davon. Er hat verstanden, "dass die Erkenntnis der Dinge manchmal dazu führt, dass man auf ihre Verwirklichung verzichtet". Er bleibt in Figueras.
Der spanische Bürgerkrieg bricht aus.

Das Buch beherrscht eine unproblematische Schwerelosigkeit, ein dauerndes angenehmes Gefühl, und trotzdem ist es nicht problemlos.
Der Leser moderner Belletristik hat sich mehr oder weniger an eine bestimmte Form der romantischen oder tragischen Erzählung gewöhnt, das heißt vor allem an ihre unrealistischen, verträumten und zum Teil albernen Zutaten, und vor allem an ihre immer wieder reproduzierten Handlungsstränge. Aus diesem Grund ist ein in dieser Hinsicht schnörkelloses Buch wie Auf Abendwegen ungewohnt und gewöhnungsbedürftig.
Man muss sich auf den Plot einlassen können, in ihn eintauchen können, um seine Widersprüche und Kontraste, seine Zartheit und seine Romantik empfinden, um den Augenblick genießen zu können. Mario Lacruz wusste es ungeheuer treffend zu formulieren, indem er Davids Lehrmeister Mr. Greville sprechen lässt: "Worte enthalten unterschiedliche Seelenregungen. Jedes einzelne ist wie ein Kästchen, das die genaue Formel enthält, um eine Regung zu erzeugen, wenn man es an die richtige Stelle setzen kann. (...) Man muss die Worte stets verbergen; mit vielen verborgenen Worten bringt man ein einziges hervor, das uns weinen lässt, wenn wir das Buch schließen."
Diese "verborgenen Worte" wurden in einer ausgezeichneten Übersetzung von Ulrich Kunzmann wunderbar ins Deutsche übertragen, ohne ihre Magie beraubt zu werden.

Fazit: Auf Abendwegen ist eine mit großer poetischer Ausdruckskraft erzählte Liebesgeschichte und gleichzeitig ein eindrucksvolles Porträt der katalanischen Gesellschaft in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

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