Mario Vargas Llosa Die Welt des Juan Carlos Onetti

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Inhaltsangabe zu „Die Welt des Juan Carlos Onetti“ von Mario Vargas Llosa

Mario Vargas Llosa gehört zu den frühen Lesern Onettis; bereits 1967 hat er emphatisch auf ihn als den "eigentlichen Meister" hingewiesen. Seine lebenslange Faszination hat er in diesem Essay mit der ihm eigenen Klarheit dargelegt, als Gang durch Leben und Werk des großen Autors aus Lateinamerika. Er schreibt über Onettis Erzählkosmos Santa María, sein Verhältnis zu Roberto Arlt, den Einfluß von Faulkner und Céline, die ambivalenten Bezüge zwischen der Literatur Borges' und Onettis. Vargas Llosa taucht ein in das Werk Onettis und zeigt, auf welch subtile und zugleich kraftvolle Weise dort die parallele Welt dargestellt wird, die die Menschen sich neben dem faktischen Leben schaffen. Seine Bewunderung resümiert Vargas Llosa so: "Das ist das Geheimnis des geglückten künstlerischen Werkes: Wir genießen: leidend, werden verführt und bezaubert, während es uns eintaucht in das Böse, das Grauen. Diese paradoxe Metamorphose ist den wahren Schöpfern vorbehalten, deren Werke sich über Zeit und Raum ihres Entstehens hinwegsetzen. Onetti war einer von ihnen."
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  • Rezension zu "Die Welt des Juan Carlos Onetti" von Mario Vargas Llosa

    Die Welt des Juan Carlos Onetti
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    20. July 2009 um 10:29

    Über die Wahrheit der literarischen Lüge Schon 1967 hat Mario Vargas Llosa öffentlich darauf hingewiesen, dass Juan Carlos Onetti einer der wichtigsten Einflüsse, dass Juan Carlos Onetti so etwas wie eine literarische Vaterfigur für ihn sei. Auch Gabriel García Márquez und Carlos Fuentes haben immer wieder auf die Wichtigkeit der Prosa Juan Carlos Onettis hingewiesen. Im deutschsprachigen Raum konnte sich Juan Carlos Onetti leider nie wirklich durchsetzen, seine bei Suhrkamp verlegten Romane und Erzählungen sind großteils vergriffen und nur über Antiquariate und Restpostenbuchläden erhältlich. Zum hundertsten Geburtstag bemüht sich Suhrkamp jetzt um eine größere Rezeption dieses wichtigen Oeuvres mit der deutschen Erstveröffentlichung von Juan Carlos Onettis drittem Roman "Für diese Nacht", eines weiteren Bandes in der Gesamtausgabe und einem essayistischen Buch über die wunderbar magisch lügenhaft literarische Welt des Juan Carlos Onetti von Mario Vargas Llosa. Schon in Mario Vargas Llosas Einführung wird klar, wie tiefgehend und bewundernd er sich mit dem Schaffen des am 1. Juli 1909 in Montevideo geborenen Onetti beschäftig hat, indem er auf das in Onettis Schaffen fast durchgehend anwesende ambivalente Verhältnis zwischen Lüge und Realität eingeht, es ausgehend von seinem eigenen Roman "Der Geschichtenerzähler" und einer sich darauf beziehenden Geschichte durchleuchtet und somit eine brillante Ouvertüre für die folgenden Kapitel komponiert. "Eines ist jedenfalls universell bekannt: die Fiktion, diese andere Wirklichkeit, die der Mensch ausgehend von seiner Lebenserfahrung erfindet und mit dem Treibmittel seiner unerfüllten Wünsche und seiner Imagination versieht, begleitet uns wie ein Schutzengel, seit wir in den Tiefen der Vorgeschichte den gewundenen Pfad betraten, der uns im Laufe der Jahrtausende dazu brachte, zum Mond zu fliegen, das Atom zu beherrschen und unglaubliche Entdeckungen auf dem Gebiet des Wissens und der Zerstörungsgewalt zu machen, Menschenrechte, Freiheit und das autonome Individuum zu proklamieren. Wahrscheinlich wäre keine dieser Entdeckungen und Fortschritte möglich gewesen, hätten Millionen Jahre zuvor unsere Vorfahren aus der Steinzeit sich nicht nachts wärmesuchend aneinandergepresst und zu fabulieren begonnen, um, bevor der Schlaf sie überkam, im Geiste in eine andere Welt zu reisen, in ein leichteres, weniger gefährliches, beglückenderes Leben." Systematisch geht Mario Vargas Llosa vor; er beginnt bei Juan Carlos Onettis erstem Roman "Der Schacht" (1939) und führt, die Entwicklung der imaginären Stadt Santa María verfolgend (die sich durch fast alle Romane Onettis zieht), bis zum letzten Roman aus der Feder Onettis, "Wenn es nicht mehr wichtig ist" (1993). Er analysiert die stilistische Entwicklung Onettis in diesen 54 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit, scheut nicht vor einer behutsamen Beleuchtung des doch sehr turbulenten Privatlebens des mehrfach verheirateten und einmal aus politischen Gründen inhaftierten Onetti zurück und zeigt die Einflüsse William Faulkners, Louis Ferdinand Célines und (wenn auch sehr ambivalent) Jorge Luis Borges' auf. Er beschäftigt sich mit dem Schaffen Onettis unter Berücksichtigung der Entwicklung Uruguays, vom südamerikanischen Vorzeigeland schlechthin, zu einem Land der politischen Unterentwicklung bzw. zu einer Art uruguayischen Dekadenz, im Gesamtbild Lateinamerikas. Nur so lässt sich die Entwicklung von Juan Carlos Onettis erträumter Stadt Santa María erklären, deren eine (durch einen Fluss von der anderen Stadthälfte abgetrennte) dekadente Hälfte deutlich an Montevideo angelehnt zu sein scheint. Auch Onettis männliche und weibliche Figuren sind von einer traumwandlerisch sicheren Neigung zur Selbstzerstörung, von einem durch Sex und Alkohol inspirierten Verschwinden in das imaginäre Reich der Fantasie gezeichnet. Figuren, die Antonio Muñoz Molina treffend als "die friedliebendsten, faulsten und nutzlosesten der Welt" bezeichnet hat. Der Höhepunkt dieser Entwicklung ist Onettis Meisterwerk "Das kurze Leben" (1950). Vargas Llosa beschriebt die Grundidee wie folgt: "Während Juan María Brausen in Buenos Aires eine düstere Existenz lebt, seiner Frau Getrudis wurde eine Brust abgenommen, er selbst ist kurz davor, aus der Werbeagentur, in der er arbeitet, entlassen zu werden -, erfindet er bei seinen vergeblichen Bemühungen, ein Drehbuch für Julio Stein zu schreiben, die Stadt Santa María und eine Reihe von Figuren, für die er selbst und einige ihm nahe stehende Personen Modell stehen. Diese Stadt entspringt also einem literarisch-filmischen Projekt im Kopf des von Gertrudis' Operation gequälten Brausen, der sich genötigt sieht, die ihm anvertraute Arbeit voranzubringen ... Dennoch wird aus dieser Idee keine Literatur, denn Brausen wird das Drehbuch für Julio Stein niemals schreiben. Die Idee wird unabhängig von ihrem Ursprung und ihrem Schöpfer eine eigene imaginäre Existenz führen, losgelöst sogar von ihrem Vermittler, als eine autonome Realität ... Brausen wird kein Drehbuch schreiben, und Santa María wird ihn nicht mehr brauchen, um seine eigene Geschichte zu leben und die andere - reale - Geschichte zu verschlingen und zu ersetzen, in der es geboren wurde ... " Mario Vargas Llosas genau recherchiertes und geistreich formuliertes Buch ist eine wunderbare Einführung in die Gegenwelt, in die Nebenwelt, in die Fantasiewelt der kaputten Männer und Frauen, der Prostituierten, der Alkoholiker, der Zuhälter und anderen dekadenten Persönlichkeiten, sowie dem sich deutlich von Faulkners Yoknapatawpha County und García Márquez' Macondo unterscheidenden Santa María. Eine überzeugende literarische Einführung in ein großes Gesamtwerk, dem zu wünschen wäre, auch in unserem Sprachkreis die ihm gebührende Anerkennung zu ernten, die es in Lateinamerika hat. Mario Vargas Llosas "Die Welt des Juan Carlos Onetti" sollte auch jene Leser, die sich noch nie auf eine literarische Reise nach Santa María begeben haben, dazu inspirieren, den Weg über die Erzählungen und Romane Juan Carlos Onettis zu nehmen und diese einzigartige Reise zu genießen. (erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at, Roland Freisitzer; 07/2009)

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