Die Kieferninseln

von Marion Poschmann 
3,7 Sterne bei49 Bewertungen
Die Kieferninseln
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

Positiv (29):
Sikals avatar

Sprachlich sehr schöne Reisebeschreibung zweier unterschiedlicher Charaktere.

Kritisch (5):
Apfelgruens avatar

Die Geschichte überzeugt nicht, wirkt konstruiert, um Wissen über Japan unterzubringen. Die beiden Charaktere unsympathisch bzw. blass.

Alle 49 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Die Kieferninseln"

Ein Roman von meisterhafter Leichtigkeit: tiefgründig, humorvoll, spannend, zu Herzen gehend. Im Teeland Japan mischen sich Licht und Schatten, das Freudianische Über-Ich und die dunklen Götter des Shintōismus. Und die alte Frage wird neu gestellt: Ist das Leben am Ende ein Traum?
Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Bashō in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518469217
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:168 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:12.11.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 09.10.2017 bei steinbach sprechende bücher erschienen.

Videos zum Buch

Rezensionen und Bewertungen

Neu
3,7 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne13
  • 4 Sterne16
  • 3 Sterne15
  • 2 Sterne3
  • 1 Stern2
  • Sortieren:
    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 3 Monaten
    Reise zu sich selbst

    „Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog. Gilbert Sylvester erwachte und war außer sich.“
    So wenig außergewöhnlich ein solcher Traum ist, so aberwitzig und skurril ist Gilberts Reaktion darauf. Er stellt seine Frau Mathilde nicht nur aufs Schärfste zur Rede, sondern verlässt, als diese hartnäckig leugnet, äußerst erbost die Wohnung und nimmt den ersten verfügbaren Interkontinentalflug, um möglichst viel Raum zwischen sich und seine vermeintlich untreue Gattin zu schaffen. Dass es außerhalb seines Traumes keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Untreue gibt, stört ihn dabei überhaupt nicht.
    Diese reichlich überspannte Reaktion weist gleich zu Beginn genauso wie Gilberts ungewöhnliche Profession darauf hin, dass wir es hier mit einem besonderen Roman zu tun haben. Herr Sylvester ist nämlich Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Bartforschung. Seine Karriere steckt fest, auch für dieses neue Projekt stehen ihm nur Drittmittel zur Verfügung. Diese werden „gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministischen Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln“.
    Schon ist man drin im Schmunzeln über diesen so klugen wie heiteren Roman, der 2017 auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis stand.
    Skurril und leicht surreal geht es weiter. In Tokio angekommen, besorgt sich Gilbert zunächst einmal ein paar japanische Klassiker. Besonders „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“, der Reisebericht des buddhistischen Mönchs und Haiku-Dichters Matsuo Bashō aus dem 17. Jahrhundert, der sich wiederum auf die Spuren des weitere fünf Jahrhunderte früher durch Japan wandernden und von ihm verehrten Dichter Saigyō machte, fasziniert ihn und er beschließt, dessen Spuren zu folgen.
    Auf dem Hauptbahnhof trifft er allerdings zunächst einmal einen jungen Mann, der der seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er trägt in einem allgemein eher bartlosen Land ein schütteres Ziegenbärtchen, eine Wohltat für unseren Bartforscher, der sich schon wegen seiner Abneigung gegen Tee in Japan eher fremd fühlt. Das Bärtchen, das Yosa Tamagotchi (!) trägt, wird sich später als falsch erweisen, eine Illusion, die nicht die letzte in diesem schmalen Roman bleiben wird. Gilbert hält Yosa nicht nur von seinem geplanten Selbstmord vor einem einfahrenden Zug ab – viel zu laut und überfüllt sei der Bahnhof für ein solches Unterfangen -, sondern begleitet ihn fortan von einem möglichen Todesort zum anderen. Geleitet werden sie von einem Buch. So absurd sich das anhört, ist dies doch real. 1993 veröffentlichte der Autor Wataru Tsurumi das "Komplette Selbstmordhandbuch", das sich mittlerweile millionenfach verkaufte.
    Nun ist Gilbert wahrhaft kein Sympathieträger. Besserwisserisch, voller Dünkel (auch) der japanischen Kultur gegenüber, penetrant, verbohrt und wahrhaft kein Menschenfreund, weiß man zunächst nicht, was ihn dazu bewegt, den jungen Studenten, der aus Prüfungsangst seinem Leben ein Ende setzen möchte, von seinem Tun abzuhalten. Gerade seine pedantische, miesepetrige Art scheint da aber genau das Richtige zu sein. Das Hochhaus in Tokios nördlichem Wohnviertel Takashimadaira sei zu grau und trostlos und der Selbstmordwald Aokigahara am Fuße des Fuji voll mit menschlichem „Müll“. So findet Gilbert an allen aufgesuchten Orten etwas auszusetzen und Yosa, höflichem Gehorsam gegenüber Älteren auch als Lebensmüder verpflichtet, beugt sich.
    Immer mehr ähnelt die von den Beiden eingeschlagene Route derjenigen des Dichters Bashō, deren Ziel die berühmten Kieferninseln bei Mutsushima in der Bucht von Sendai sind, allgemein zu den drei schönsten Plätzen Japans zählend und auch ein „Tipp“ im Selbstmordhandbuch. Der Leser verfolgt die Reise durch die miesepetrigen, stets seinen Bildungsdünkel herauskehrenden Monologe des Bartforschers. Gilbert nötigt zudem sich und seinen Begleiter auf der Reise zum Verfassen von Haikus, jener besonderen traditionellen japanischen Gedichtform, deren Regeln ich nun seit diesem Buch erstmals verstanden habe. Poetische, kontemplative Naturbetrachtungen sind eine wichtige Tradition in Japan, und auch Gilbert möchte sich als Bestandteil seiner inneren Abkehr von der Welt, Folge der Krise, die ihn anscheinend sowohl beruflich als auch privat gepackt hat, darin versuchen.
    „Er war damit noch nicht sehr weit gekommen, aber schon der Ansatz überzeugt ihn. Mönchische Askese, Zurückhaltung und Bescheidenheit, Armut im Geiste. Auch sein eigenes Projekt der Abwendung bestand darin, einen Zwischenraum zu schaffen. Einen Raum zwischen ihm und der Gesellschaft, ihm und den sozialen Konventionen, ihm und den bizarren Zwängen des allgegenwärtigen Turbokapitalismus.“
    Da ist offensichtlich jemand am Scheitern, vermag es aber nicht zuzugeben. Stattdessen verbarrikadiert er sich in seiner selbstgewissen Uneinsichtigkeit. Beispielhaft sind dafür die gestelzten, belehrenden Briefe, die er an Mathilde schreibt.
    Nun also Naturbetrachtungen. Aber die Plätze, die Gilbert und Yosa aufsuchen sind so ganz anders, als erwartet. Ihnen fehlt jede Poesie und Romantik. Jahreszeitbedingt muss die Kirschblüte ausfallen, der Fuji ist ständig von Dunst umgeben und nicht zu sehen und auch die aufgesuchten Bashō-Orte entbehren ihre klassische Schönheit. So ist beispielsweise der „Oki no Ishi“ in Bashōs Dichtung, jener „Stein am offenen Meer“ mittlerweile nur noch ein Gesteinsbrocken inmitten einer Straßenkreuzung. Auch die Kieferninseln befinden sich in einer großen Baustelle, die die Folgen des großen Tsunamis aus dem Jahr 2011, beseitigen sollen. Die Katastrophe von Fukushima wird nicht groß thematisiert, schwingt aber immer mit.
    Mit großem Vergnügen karikiert Marion Poschmann die gängigen Japan-Klischees, die ja nur deswegen Klischees, weil so omnipräsent sind. Die hohe Selbstmordrate aufgrund enormen Leistungsdrucks in einer durchrationalisierten, extrem formellen Gesellschaft findet genauso ihren Platz wie der Hang zu organisierter Meditation, die traditionelle Naturauffassung ebenso wie die klassische Poesie, Teezeremonien, Kabuki-Theater, Kirsch- und Ahornblüte – alles ist hier versammelt und wird liebevoll-satirisch betrachtet. Osten und Westen treffen mit dem vertrauten Unverständnis aufeinander.
    Am Ende geht Yosa Gilbert verloren. Die Realität verschwimmt so wie die Kieferninseln im Meeresdunst. Uneindeutigkeit greift um sich. War Yosa wirklich eine reale Person? Plötzlich schreibt Gilbert die Haikus seines jungen Reisebegleiters selbst. Dessen Reisetasche taucht noch einmal kurz im Hotel auf, ist dann aber auch gleich wieder verschwunden. Das traumhafte Ende in diesem Roman, in dem Träume immer wieder eine Rolle spielen, kann auch so gelesen werden, dass Yosa nur eine (lebensmüde) Facette Gilberts darstellte. Nun, da er von ihm befreit ist, kann er sich auch der Ruhe der Natur und ihrer Schönheit und Poesie freier stellen. Nicht umsonst hat die Autorin 2017 als erste Preisträgerin den deutschen Preis für Nature Writing, der jährlich vom Verlag Matthes & Seitz Berlin und dem Bundesamt für Naturschutz verliehen wird, gewonnen. Auch dass sie von Haus aus Lyrikerin ist, wird sehr deutlich.
    „Er drückte den Rücken an die warme Borke, schloss die Augen, horchte auf den Wind, der durch die Zweige fuhr, Harzgeruch. Knackende Zapfen. Raschelnde Nadeln. Knarrende Äste. Er schloss die Augen noch einmal, schloss die bereits geschlossenen Lider fester, sackte tiefer in die Müdigkeit hinein, ließ sich durchziehen vom Wind, vom Kiefernduft, vom Atem der Inseln.“
    Und auch Hoffnung für seine Ehe mit Mathilde scheint nun möglich.
    Marion Poschmann hat mit „Die Kieferninseln“ ein so originelles wir ungewöhnliches Buch geschaffen. Filigran und klug, so heiter wie abgründig. Eine wunderbar leichte und doch tiefgründige Lektüre.

    Kommentare: 3
    48
    Teilen
    Linatosts avatar
    Linatostvor 4 Monaten
    Emotional kalt gelassen

    Sehr viele begeisterte Stimmen hab ich zu diesem Buch gehört. Leider konnte es mich so gar nicht packen.

    Ich vermute hier kam einiges zusammen. Der Hauptcharakter war mir gar nicht sympathisch, eher selbstgefällig und arrogant, die Nebencharaktere blieben für mich blass, ein ernstes Thema mit Selbstmord blieb hier eigenartig lächerlich, Japan als Land kam mir auch zu kurz.

    Schlussendlich hatte ich noch völlig andere Erwartungen. Ich hatte mir ein Buch wie „Schnee der auf Zedern fällt“ erhofft. Leider weit gefehlt. Natürlich frage ich mich im Rückblick was mich zu der Annahme verleitet hat, da der Klappentext ja nun gar nichts damit gemein hat.

    Ich habe ewig gebraucht um voran zu kommen, musste öfter Abschnitte doppelt lesen.

    Der Bart-Fetisch war mir auch nicht ganz schlüssig.

    Ich werde das Buch in ein paar Jahren noch einmal lesen, wenn mir das Thema und die Lebenssituation etwas näher oder interessanter sind. Hoffentlich war es für mich nur nicht der richtige Zeitpunkt es zu lesen.

    Kommentieren0
    12
    Teilen
    Nils avatar
    Nilvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Etwas anstrengend, aber hochpoetisch und für alle Japanlieberhaber ein Muss.
    Wo bringt man sich am besten in Japan um?

    Kann man diesen Roman „Die Kieferninseln" der breiten Öffentlichkeit empfehlen? Hierzu ein klares JEIN!

    Der Inhalt lässt einen auf ein gut geschriebenes, aber eher leicht zu lesendes literarisches Werk hoffen.

    Es geht um einen Deutschen, der aus seiner Sicht im Leben versagt hat, momentan an der Uni zu Bärten forscht und ohne Vorwarnung eine spontane Reise nach Japan antritt.

    Dort trifft er auf einen jungen Japaner, der Selbstmord begehen will. Dieses absurde Duo, beide auf eine andere Art verkorkst, treten nun eine gemeinsame Reise an. Beide mit sehr unterschiedlichen Zielen.

    Literarisch hochwertig geschrieben von Marion Poschmann mit innovativem Thema, wundert es nicht, dass der deutsche Literaturbetrieb begeistert war und das Werk in den höchsten Tönen gelobt hat. Das Buch ist auch äußerst poetisch in dem die Autorin die Figuren immer wieder Haikus verfassen läßt, eine traditionelle japanische Dichtform (3 Zeilen mit 5-7-5 Silben), da auch einer der bekanntesten Haiku-Schreiber sehr präsent ist im Text: Basho.

    Nun kommt mein „aber" für die breite Masse. Es ist nicht mitreisend, eher ein in Sich gekehrtes Buch, viele Passagen sind philosophischer Natur. Außerdem gibt es Stellen, da schwankt man ob ein traumhaftes Element eingebaut wurde oder ob es Teil der Geschichte ist.

    Auch der Klappentext spricht von „humorvoll", was ich eher als leisen, fein nuancierter Humor wahrgenommen habe.

    Dieser Roman bedarf auch eher ein ruhiges konzentriertes Lesen mit viel Zeit. Kein Buch für 1-2 Seiten mit ständiger Ablenkung.

    Fazit: Trotz aller Hin- und Hergerissenheit, hat es mir persönlich gefallen. Wer eher unterhalten werden möchte, lässt bitte die Finger weg. Wer gerne mal literarisch hochwertig liest und auf Umwege gehen mag: give it a try!

    Kommentieren0
    10
    Teilen
    Sophie-loves-bookss avatar
    Sophie-loves-booksvor 5 Monaten
    Lässt viele Fragen offen...

    Ein Mann ist in Japan. Warum? Nun ja. Er hat geträumt, seine Frau betröge ihn und ist darauf hin, auf ihre nicht eindeutige Bejah- oder Verneinung einfach los – auf und davon. Nach Japan. Zu den Kieferinseln.
    Im gleichnamigen Roman von Marion Poschmann stellt man sich diese Frage oft – Warum?
    Gilbert Silvester der Protagonist, ein Bartforscher aus Deutschland greift auf seiner sehr spontanen Reise einen jungen Japaner auf, der sich eigentlich gerade umbringen wollte. Die beiden machen sich auf den Weg zu den bekanntesten suizid-Orten Japans. Immer auf der Suche, ja nach was eigentlich? Nach einem perfekten Ort sich umzubringen, der Erleuchtung oder doch einfach nach dem Spaß an der Freude?
    Ich denke der Spaß an der Freude kann auf Grund des neutralen Auftretens der Charaktere ausgeschlossen werden. Gilbert befindet sich im Übrigen auf der Spur des großen Philosophen Bashō der eben diesen Weg abschritt, auf dem sie unterwegs sind. Nur mit dem Unterschied, dass er ihn tatsächlich abschritt und sie Öffentliche Verkehrsmittel benutzen.
    Kurz vor dem Ziel geht der junge, suizidale Japaner dann verloren, erscheint dem Protagonisten allerdings immer wieder in verschiedenen Halluzinationen und Situationen, die dann wiederum weitere Fragen aufwerfen.
    Wenn ich den Inhalt dieses Buchen malen müsste wäre das Bild vermutlich ein großes, grünes, mit Kiefernadeln behangenes Fragezeichen, das auf Grund meines Mangels an mit-Kiefernadeln-behangenen-Fragezeichen Zeichenfähigkeiten vermutlich an Schönheit zu wünschen lässt.
    Aber jetzt zu einem anderen Thema: dem Schreibstil des Romans.
    Die Autorin schreibt in einem sehr neutralen, berechnenden Ton, der aber nicht vor Gefühlen halt macht. Der japanische Schauspieler wirkt doch irgendwann sehr grazil und hypnotisierend auf ihn und auch seiner Frau gegenüber hegt er Gefühle. Von dem jungen Japaner brauchen wir gar nicht erst anzufangen, auch wenn Gilberts Gefühle da eher in die negative Richtung abschweifen, kann man vom Schreibstil der Autorin keineswegs sagen er sei Gefühllos und Kalt. Nur eben etwas neutral. So wie er eben ist. Neutral. Nachdenklich. Und doch irgendwie sehr menschlich. Fast schon sprudelnd. Aber auch nur manchmal. Ich will den Mund ja nicht zu voll nehmen.
    Diese beiden Aspekte des Buches waren diejenigen, die mir ins Auge gesprungen sind. Man sollte aber dazu sagen, dass diese Rezension nicht einmal ansatzweise das erfasst, was dieses Buch zu bieten hat. Dies ist ein erster Versuch, „Die Kieferinseln“ beschreiben, erfassen und bewerten zu wollen. Ich empfehle ganz einfach, sich selber ein Bild von der Situation (dem Buch) zu machen und zu bewerten, da es durchaus schwierig ist, so viele Ebenen in einen kleinen Text zu trampeln. 

    Kommentieren0
    1
    Teilen
    Sikals avatar
    Sikalvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Sprachlich sehr schöne Reisebeschreibung zweier unterschiedlicher Charaktere.
    Wie der Zufall so spielt

    Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher hat einen sehr realistischen Traum, in dem ihn seine Frau Mathilda betrügt. Überzeugt davon, dass sie nur darauf wartet, ihrer eigenen Wege zu gehen, verlässt er sie von sich aus. Kurz entschlossen bucht er einen Flug nach Japan, wobei er selbst nicht genau weiß warum. Ziellos irrt er durch die Stadt und trifft durch Zufall auf Yosa Tamagotchi, der nur mehr ein Ziel vor Augen hat: Er will sich umbringen und sucht dafür einen geeigneten Platz. Gilbert begleitet Yosa (oder umgekehrt) auf einer Suche – der eine möchte einen würdigen Ort zum Sterben finden, der andere will den Mond über den Kieferninseln sehen, wie er es bei den Reisebeschreibungen des Dichters Basho gelesen hat.

     

    Die Autorin Marion Poschmann schreibt sehr poetisch, teilweise humorvoll und tiefgründig über zwei Menschen, die die erträumten Ziele im Leben nicht erreicht haben. Sprachlich ist der Roman top, ebenso ist die Autorin eine gute Beobachterin und kann ihre Eindrücke über Land und Leute in der Sprache wiederspiegeln. Man fühlt förmlich die Anspannungen zwischen den beiden Männern, merkt die beklemmende Stimmung im Wald der Toten und die langsame Akklimatisierung an die jeweiligen Orte.

     

    „Seine Annäherung an Matsushima war weniger Reisen, es war mehr ein Gleiten oder Schleichen, ein schneckenlahmes Vortasten, ein wolkenbehäbiges Heranrutschen, er reiste, so schien es ihm, wie eine just ausgestülpte, glänzende Puddingfigur, die langsam erkaltete, nachzitterte, die auf einer schrägen Fläche keinen Halt fand und die mit jeder amöbenhaften Bewegung mehr Form verlor.“

     

    Viele Haikus zieren die Dialoge und viele Schachtelsätze (wie oben) finden sich, was ich hier nicht weiter schlimm empfand. Irgendwie versinkt man in der Geschichte und wird zum stillen Reisebegleiter der beiden unterschiedlichen Menschen. Gegen Ende häufen sich surreale Elemente, sodass man plötzlich nicht mehr weiß ob man selbst in einem Traum ist – oder ist vielleicht das Leben am Ende ein Traum?

     

    Das Buch „Die Kieferninseln“ schaffte es zu Recht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 und gerne vergebe ich hier 4 Sterne.

    Kommentieren0
    8
    Teilen
    Cleo15s avatar
    Cleo15vor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Interessante Leseerfahrung, lässt jedoch eine Menge Fragen offen.
    Grün- oder doch nicht?

    Ich liebe Japan und wenn ich könnte, würde ich sofort losfliegen und dieses abwechslungsreiche Land selbst kennenlernen. Denn meine bisherigen Erfahrungen habe ich alle durch verschiedene Bücher und Dokus gewonnen. Alleürdings bin ich mehr der Naturliebhaber und interessiere mich weniger für Städte... Und so erschien mir die Kieferninseln von Marion Poschmann als Lektüre ideal.

    Inhalt:

    Gilbert Sylvester hat einen sehr makaberen Traum. Darin wird er von seiner Frau betrogen. Und weil ihm der Traum so real erschien, glaubt er alles und entflieht kurzerhand ans andere Ende der Welt- nach Japan. Eigentlich kann er sich mit dem Land und der Kultur überhaupt nicht identifizieren, doch er erkennt die Chancen und beginnt eine Reise im Stil klassisch japanischer Pilgerer. Dabei wird er von Yosa begleitet, einem lebensmüden Japaner, der einfach nur die ideale Stelle für sein Ableben sucht.

    Charaktere:

    Mit Gilbert habe ich mich sehr schwer getan. Eigentlich geht es ihm gut- Frau, Haus, Job- alles da. Doch er langweilt sich, hat das Gefühl, nicht genug erreicht zu haben. Mit dem Thema seiner Arbeit konnte ich mich nicht identifizieren. Für mich hat die Erforschung der unterschiedlichen Bartkulturen keinen Sinn, auch wenn es der Geschichte etwas seltsam komisches gab. Sein Charakter hat Tiefe, ist sehr gut beschrieben und genau darin liegt es, dass ich sofort wusste, dass Gilbert und ich keine Freunde werden. Was sich am Ende auch bestätigte. Yosa ist gegenüber Gilbert sehr schwammig geblieben. Er möchte sterben, doch sucht noch den perfekten Platz dafür. Er fährt mit Gilbert bis ans andere Ende von Japan und lebt dabei ganz normal. Auf mich hat das den Eindruck gemacht, dass seine Absicht noch nicht so tief in ihm verwurzelt ist, wie er selbst glaubt. Sein Charakter wird viel durch die Gedanken von Gilbert beschrieben, weshalb er nicht so recht zu greifen war. 

    Schreibstil: 

    Frau Poschmann kann Umgebungen extrem gut beschreiben und Personen eine gut durchdachte Tiefe verleihen. Doch zwischendurch habe ich mich immer mal wieder gefragt, ob sie die Natur in den Augen von Gilbert nun bewundert oder eher verächtlich sieht. Darüber habe ich mir einige Gedanken gemacht- zu einem Ergebnis bin ich allerdings nicht gekommen. Das Buch lässt sich ohne Probleme flüssig lesen, lässt jedoch am Ende die ein oder andere Frage offen. 

    Fazit: 

    Die Kieferninseln ist ein Buch, was mich gespalten hat. Die Beschreibungen sind unglaublich eindringlich, jedoch hat mir bei der Handling noch etwas gefehlt. Was es genau ist, kann ich auch nicht sagen, vielleicht wäre ein anderer, längerer Abschluss besser gewesen. Ich vergebe drei Sterne.

    Kommentieren0
    8
    Teilen
    Xirxes avatar
    Xirxevor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Eine poetische beschriebene Japanreise eines Bartforschers mit einer ungewöhnlichen Begegnung mit einem potentiellen Selbstmörder.
    Wenn aus Träumen Realität wird ...,

    ... kann daraus eine tiefgründige und humorvolle Reise nach Japan werden; so wie in diesem Buch.
    Gilbert Silvester ist einer jener Männer, die irgendwann feststellen, dass sich ihr Leben nicht so entwickelt hat, wie sie es sich in jungen Jahren vorstellten. Statt wie viele seiner früheren Kommilitionen Karriere zu machen, hangelt er sich von Projektvertrag zu Projektvertrag, während seine Frau als Gymnasiallehrerin erfolgreich ist. Eines Nachts träumt er, dass sie ihm untreu ist und als er erwacht, ist klar, dass dieser Traum die Wahrheit darstellt. Fassungslos verlässt er das Haus und fliegt schnellstmöglich so weit weg wie es geht - nach Tokio. Dort plant er eine Reise auf den Spuren des Dichters Bashō, doch noch bevor er sie antritt, kann er den Selbstmord des jungen Japaners Yosa verhindern. Dieser schließt sich ihm an und gemeinsam machen sie sich auf den Weg.
    Es ist eine ruhige, stellenweise poetische und auch philosophische Geschichte, die jedoch nicht ohne Humor ist. Gilbert ist ein etwas dröger 'Held', der sich seines beruflichen Mißerfolges zwar durchaus bewusst ist, verantwortlich dafür sind aber die Fehler der Anderen: die Kritikunfähigkeit seines Doktorvaters, der nicht geschätzte Auslandsaufenthalt - irgendwas war immer. Stets ist er das Opfer, nun das seiner Frau, die ihn mit ihrer Untreue (wenn auch nur geträumt) nach Japan getrieben hat. Wirklich amüsant wird es, als er Yosa begegnet und versucht, ihm die Welt zu erklären, die japanische natürlich. Und ihm (gedachte) Vorhaltungen macht, die exakt auf seine eigene Person zutreffen, was mir Gilbert aber wieder sympathischer machte (wie häufig, wenn ich über Personen lächeln muss ;-)).
    Voller Poesie sind die zahlreichen Naturbeschreibungen, ganz im Sinne des Dichters Bashō, für den Poesie einen eigenen Lebensstil darstellte; selbst die des Selbstmörderwaldes, der tatsächlich existiert. Und auch die philosophischen Gedankengänge Gilberts von der Bartbetrachtung (seinem aktuellen Forschungsprojekt) bis zum Allmachtsparadoxon sind lesenswert-amüsant.
    Ein ungemein vielschichtiges Buch, das mit Genuss und Aufmerksamkeit gelesen werden sollte und aus dem man viel über Japan erfahren kann.

    Kommentieren0
    52
    Teilen
    SomeBodys avatar
    SomeBodyvor 9 Monaten
    Meine Meinung zu "Die Kieferninseln" von Marion Poschmann

    Zum zweiten Mal in diesem Monat begebe ich mich auf eine Reise in's mystische Japan, diesmal mit den "Kieferninseln" von Marion Poschmann, einem kurzweiligen Roman von der Shortlist des vergangenen Deutschen Buchpreises. Trotz ausdrucksvollem Stil und manch fast schon unheimlich anspruchsvoll verschachteltem Satz, konnte mich die eigentliche Handlung des Buches leider nicht so durchgängig unterhalten wie erhofft. Obwohl die Reise des grundverschiedenen Protagonisten-Duos auf den Pfaden der Dichtkunst und mit suizidaler Absicht eigentlich sehr interessant ist und die Beschreibungen der Landschaft wirklich malerisch anmuten, fehlte mir persönlich leider letztendlich dann doch der Biss.

    Kommentieren0
    1
    Teilen
    BlueSirens avatar
    BlueSirenvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Sprachlich schön, poetisch, schnell zu lesen. Aber mir ist Unterhaltungsliteratur lieber. Konfuse, blass bleibende Charaktere.
    Sprachlich schön, etwas flache Geschichte

    Malerisch und poetisch erzählt Marion Poschmann von Gilbert, Yosa, Japan, seiner Kultur, von Bärten und Bäumen. Schnell und angenehm zu lesen, sprachlich hochwertig und dennoch eine interessante Geschichte. Mir persönlich etwas zu blass. Ausführliche Rezension auf meinem Blog.

    Kommentare: 1
    2
    Teilen
    dasannaleins avatar
    dasannaleinvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Tolles Buch das einem Japan und seine Kultur näher bringt!
    mystisches, faszinierendes Japan

    "Die Reise, die dazu diente, sich zu entfernen von, sich anzunähern an, war nichts als die Konzentration auf den Raum der dadurch entstand"

    Der Bartforscher Gilbert Silvester träumt, dass seine Frau ihn betrügt und packt völlig überstürzt seine Koffer und reist nach Japan. Am Bahnhof von Tokyo lernt er den jungen Studenten Yosa Tamagotchi kennen, der kurz davor ist sich das Leben zu nehmen. Gilbert nimmt sich seiner an. Die beiden machen sich auf zu einer Reise durch das mystische, uns als so fremde Japan.

    Gilbert unterteilt die Erde in sogenannte Tee- und Kaffeeländer: "In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielte sich alles unter einem Schleier der Mystik ab:"
    Unter diesem Schleier der Mystik verfolgen wir auch Gilberts Reise. So folgen wir auch den Spuren des Dichters Basho, dadurch werden immer wieder schöne Haikus eingeflochten

    Mich hat dieses kleine Büchlein von Anfang an in seinen Bann gezogen. Die Sprache ist fein und sehr lyrisch. Die Beschreibungen der Landschaft und der Gefühle sind märchenhaft schön. "Seine Fähigkeit, Raum einzunehmen, Luft zu verdrängen, um mit seinem Körper an ihre Stelle zu treten, schien seltsam beeinträchtigt:" Manche Sätze könnte ich wieder und wieder lesen.

    Durch das Buch habe ich mich etwas näher mit der Geschichte der Haikus in Japan, dem "Suizidkult", der japanischen Geographie und Flora und Fauna beschäftigt und fand das für mich sehr bereichernd.

    Tolles Buch das einem Japan und seine Kultur näher bringt!

    Kommentieren0
    3
    Teilen

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks