Marja-Liisa Vartio

 3.6 Sterne bei 26 Bewertungen

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Männer wie Männer, Frauen wie Frauen

Männer wie Männer, Frauen wie Frauen

 (26)
Erschienen am 18.08.2014

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Rezension zu "Männer wie Männer, Frauen wie Frauen" von Marja-Liisa Vartio

Viel besser als erwartet
Sonntag16vor 3 Jahren

Nach der Leseprobe hatte ich den Eindruck, dass hier eine Geschichte erzählt würde, die schon tausend Mal erzählt worden war. Besonders das erste Kapitel kam mir sehr kitschig und naiv vor und ich hatte das Vorurteil, dass ich die folgenden Geschehnisse erahnen kann und das Buch langweilig werden könnte. So war es jedoch gar nicht. Klar eine Geschichte wie die eines jungen Mädchens, dass schwanger wird und dadurch folglich Probleme resultieren, hat jeder schon einmal gehört. Aber darum geht es in diesem Buch nicht. Der Autor bringt diesen Inhalt des jungen schwangeren Mädchens auf eine literarische Ebene. Der Schreibstil ist dabei sehr angenehm zu lesen und beschreibt klar und deutlich Wesentliches ohne romantische oder überdramatisierte Ausschmückungen, die dieses Buch keinesfalls bedarf! So wird der Mann der Leena, die Protagonistin, schwängert, stets als "der Mann" bechrieben, er wird nie beim Namen genannt. Durch diese Namenslosigkeit wird der Mann zum Symbol für alle Männer die ein junges Mädchen in eine dergleichen brenzlige Situation bringen. Des Weiteren wird die Geschichte in einer personalen Erzählform geschrieben, dennoch hat man durch die vermittelte Innenperspektive auf Leena das Gefühl, dass die Geschichte beinahe in der Ich-Perspektive geschrieben sein könnte. Der Autor verbindet, wie hier deutlich wird, elegant die persönliche Situation von Leena, die stellvertretend für alle jungen ungewollt schwanger gewordenen Mädchen steht, und die geselslchaftlichen Sichtweisen und Einstellungen, die Einfluss auf das junge Mädchen nehmen. Folgendes Zitat unterstreicht dieses: "Ja, die Welt endet nicht mit uns, wenn man es so betrachtet. Und wahrscheinlich empfinden die Menschen dieselben Dinge immer gleich." (S. 75). Ferner wird herausgestellt, dass Leena mit allen Problemen alleine zurecht kommen muss, sie kann sich niemandem anvertrauen und über ihre Schwangerschaft oder "den Mann" reden. So wird beim Leser das Gefühl einer ausweglosen Sitation geweckt und Emotionen von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit erzeugt. Ein Thema dieses Buches ist es also mit Herausforderungen im Leben umzugehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch empfindet der Leser Wut darüber, wie die Familie Leena behandelt und wie die gesellschaftlichen Umstände ihr das Leben schwer machen. Schließlich nimmt Leena eine Stelle als Haushaltshilfe in einer anderen Stadt an. Dort redet ihre Chefin stets in der dritten Person mit ihr, obwohl sie Leena direkt anspricht. Dies wirkt als wäre Leena nicht wirklich anwesend und als dürfte sie nicht selbst über ihr eigenes Leben entscheiden, so, als wäre sie eine Spielfigur, die von verschiedenen Personen, die stellvertretend die Gesellschaft symbolisieren, hin und her geschoben wird. Folgendes Zitat unterstreicht dies: "Als wäre sie in der ganzen Angelegenheit wieder einmal eine Nebenfigur, die der Frau einen willkommenen Anlass zur Vergnügung geliefert hätte." (S. 238-239). Dies beantwortet auch ein wenig die Frage, warum Leenas Chefin unbedingt eine schwangere Haushaltsangestellte anstellt und sich so sehr für Leenas Umstände und den Vater des Kindes interessiert.

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Rezension zu "Männer wie Männer, Frauen wie Frauen" von Marja-Liisa Vartio

Leena und das Leben
Herbstrosevor 3 Jahren

Leena ist verliebt, ein bisschen jedenfalls, und auch ein bisschen neugierig wie das so ist, das Leben und so. Sie ist jetzt 18 Jahre alt und war bisher immer die brave Tochter, die fleißig auf dem Bauernhof der Eltern mithalf. Zur Schule durfte sie nur zwei Jahre gehen, dann war der Vater der Meinung, dass es nun genug sei. Jetzt hat sie einen Mann kennen gelernt, einen Straßenarbeiter, doppelt so alt wie sie und dazu noch verheiratet. Leena ist verwirrt, weiß nicht was sie tun soll. Der Mann weiß es umso besser, auch wenn er danach meint, er „hätte es nicht tun dürfen“ und Leena glaubt, sie „hätte gar nicht erst herkommen dürfen“. Trotzdem treffen sie sich heimlich immer wieder. Als Lena merkt dass sie schwanger ist, verdrängt sie zunächst alle Gedanken daran und versucht, mit anstrengender Arbeit und heißen Saunagängen das los zu werden, was einfach nicht sein darf. Doch irgendwann lässt sich ihr Zustand vor den Eltern nicht mehr verbergen. Mutter macht sich Gedanken darüber, was die Leute im Dorf sagen werden, und für Vater ist Leena einfach nicht mehr existent. So fasst sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen eigenen Entschluss. Sie nimmt eine Stelle als Haushaltshilfe an und zieht in die Stadt …

Um dieses Buch richtig zu verstehen sollte man sich zunächst darüber im Klaren sein, dass die Geschichte Mitte der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts spielt, zu einer Zeit also, in der eine ledige Schwangere noch als Nutte bezeichnet wurde, ihr Kind folglich ein Hurenbalg war. Unter diesen Aspekten lässt sich die Gefühlswelt, die Panik und innere Zerrissenheit der Protagonistin besser nachfühlen.

Der Schreibstil ist sehr distanziert, die Autorin spart mit Worten und drückt doch alles aus. Zu Beginn mag man ihn als passiv und gleichgültig empfinden, doch hat man sich erst daran gewöhnt fühlt man die Kraft und Stärke, die von den knappen und ruhigen, mit viel Feingefühl verfassten Worten ausgeht. Die Kargheit der finnischen Landschaft und die Trostlosigkeit des elterlichen Hofes empfindet man sehr eindringlich, die Charaktere der meist namenlosen Personen sind gut nachvollziehbar. Erscheint Leena anfangs noch sehr naiv und unreif, ändert sich das mit ihrem Auszug aus dem Elternhaus allmählich. Ihre Gedanken werden strukturierter, sie akzeptiert das Unvermeidliche und erkennt nach und nach ihre Möglichkeiten.

Das Ende bleibt offen und macht die Geschichte für mich unvollständig. Leenas Problem endet doch keineswegs damit, dass sie eine Entscheidung weiterhin vor sich herschiebt. Sie bringt einen gesunden Jungen zur Welt, und damit beginnen meiner Meinung nach erst die richtigen Schwierigkeiten für sie. Doch leider ist darüber nichts mehr zu lesen, nichts ist geklärt, keines ihrer Probleme ist gelöst. Sie macht sich ans Wäschewaschen – im Buch bleiben acht leere Seiten …

Fazit: Ich habe dieses Buch gerne gelesen und mich nicht damit gelangweilt, dennoch entlässt es mich ein wenig ratlos.

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gsts avatar

Rezension zu "Männer wie Männer, Frauen wie Frauen" von Marja-Liisa Vartio

Ein eigenartiges Leseerlebnis
gstvor 3 Jahren

Marja Liisa Vartio gilt in Finnland als die moderne Klassikerin der Prosa. Geboren 1924 verstarb sie bereits mit 41 Jahren an den Folgen eine Fieberkrankheit. Obwohl das schon 1966 war, gilt sie in ihrem Heimatland noch heute als Bestsellerautorin. Dieses Buch erschien bereits 1959, doch übersetzt wurde es erst jetzt.

Es handelt von der 18jährigen, ein wenig einfältigen Bauerntochter Leena. Sie trifft sich mit einem Straßenarbeiter und erwartet schon bald ein Kind von ihm. Doch diese Tatsache wird erst nach ungefähr der Hälfte des Buches verbalisiert. Vorher findet man nur Andeutungen. Es scheint, dass sie es vor sich selbst nicht zugeben will, obwohl sie versucht, das Kind abzutreiben...

Der Vater des Kindes, ein Wanderarbeiter, ist verheiratet. Gefühle werden in diesem Buch nicht benannt, sondern auf eine ganz besondere Art beschrieben – auch Namen spielen keine große Rolle. Von dem Mann erfahren wir Leser nur den Anfangsbuchstaben „K“, Leena selbst spricht in der dritten Person von sich. Der Vater, die Mutter und die Schwester spielen zwar wichtige Rollen, werden aber auch mit Abstand betrachtet.

Trotzdem (oder gerade deshalb?) übte das Buch einen gewissen Reiz auf mich aus. Beim Lesen fiel der Bezug zu der vergangenen Zeit auf, in der die Familie noch mit dem Pferd unterwegs war und Autostraßen sich auf dem Land im Bau befanden.

Als Leser können wir miterleben, wie Leena ihre Situation nach und nach annimmt. Sie findet in der Stadt eine Stelle als Haushaltshilfe an und wird ganz langsam selbständig ... 


Der Titel dieses Buches passt übrigens hervorragend: Der Autorin ist es gelungen, die unterschiedliche Art, wie Männer und Frauen mit Problemen umgehen, darzustellen. 

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