Rezension zu "Paranoia" von Mark Costello
Ich las das Buch vor Jahren zum ersten Mal bei seinem Erscheinen und es gefiel mir trotz vieler guter Passagen nicht so richtig, weil ich es der Werbung folgend als Thriller las und dementsprechend enttäuscht war. Paranoia ist ein Sittengemälde der US-Gesellschaft und die Tatsache, dass viele der Figuren zum Secret Service gehören und den Vize-Präsidenten schützen müssen, macht noch keinen Thriller. Das Buch lässt sich treffender als eine Mischung aus Robert Altmans Short Cuts und In the line of fire mit Clint Eastwood beschreiben.
Es handelt von Vi Asplund, einer junge Agentin des Secret Service, und ihrem Bruder Jens, einem Computergenie, das an einem Internetrollenspiel namens BigIf mitarbeitet.
Nach der Lektüre des Klappentextes könnte man annehmen, dass es sich bei Vi um die Hauptfigur handelt, aber sie ist nur Mitglied eines großen Ensembles, das aus ihren Arbeitskollegen und ihrer Familie besteht. In jedem Kapitel nimmt sich das Buch eines anderen Chrakters an. So wird zwar ein breites Gesellschaftsspektrum abgedeckt, doch gelegentlich vermisst man eine durchgängige Identifikationsfigur oder würde gerne von grandiosen Figuren wie Lloyd Felker mehr erfahren.
Das Privatleben der Agenten wird dem aufreibenden Berufsleben gegenübergestellt. Die ständige Anspannung, die sich nie richtig löst, die Frustration, all das wird auf beklemmende Weise gezeigt. Manche trösten sich mit Affären, andere mit ausgefallenen Hobbys. Amouröse Abenteuer untereinander bzw. mit den Ehepartnern der Kollegen wirken sich als zusätzliche Belastungen aus.
Auf dem Umschlag kann man Lobeshymnen von David Foster Wallace und Jonathan Franzen lesen. Beides gute Freunde des Autors, aber trotzdem handelt es sich nicht um Gefälligkeiten. Costello hat mit den beiden viel gemein: Sein Blick für die Details, das genaue Hinsehen bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die intelligente Analyse gesellschaftlicher Zustände und nicht zuletzt deren satirische Überhöhung.