Mark Greengrass

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Lebenslauf von Mark Greengrass

Mark Greengrass ist einer der führenden Historiker der Frühen Neuzeit. Der preisgekrönte Wissenschaftler ist bekannt geworden durch seine Werke zum frühneuzeitlichen Frankreich und zur Reformation. Greengrass studierte und promovierte in Oxford und wurde 1997 Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit in Sheffield. Greengrass hatte Gastprofessuren in Pau, Paris und Tours inne, arbeitete für die EHESS in Paris, war - neben zahlreichen anderen Stationen - Fellow der Royal Historical Society, Visiting Fellow at Trinity College in Oxford und Senior Fellow am Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS).

Quelle: Verlag / vlb

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Neue Rezensionen zu Mark Greengrass

Cover des Buches France in the Age of Henri IV: The Struggle for Stability (Studies in Modern History) (ISBN: 9780582087217)A

Rezension zu "France in the Age of Henri IV: The Struggle for Stability (Studies in Modern History)" von Mark Greengrass

Der hart erkämpfte Frieden. Heinrich IV., König von Frankreich
Andreas_Oberendervor 3 Monaten

Heinrich IV. (1553-1610), der erste König aus dem Haus Bourbon, gehört zu den bekanntesten Monarchen der französischen Geschichte. In Frankreich vergeht kein Jahrzehnt, ohne dass neue Biographien des Königs erscheinen. Die Literatur über Heinrich IV. füllt in Bibliotheken ganze Regalmeter. Die meisten Biographien sind populärwissenschaftlicher Natur. Sie schreiben die altbekannte Geschichte vom leutseligen Volkskönig und sinnenfrohen Schürzenjäger fort. In Heinrich IV. sehen die Franzosen Eigenschaften verkörpert, die sie sich selbst gerne zuschreiben: Draufgängertum, Genussfreude, Lebensgier. Gebildete Franzosen können noch heute die vielen Mätressen und Bastarde des Königs aufzählen. Das historisch interessierte Laienpublikum übersieht allzu oft, dass Leben und Herrschaft Heinrichs IV. auch Gegenstand der akademischen Forschung sind. Jenseits von Fachkreisen finden die wissenschaftlichen Arbeiten über Heinrich IV. zu wenig Aufmerksamkeit. Das gilt erst recht für Werke, die außerhalb Frankreichs entstanden sind. Einer der wichtigsten und wertvollsten Beiträge zur Heinrich-Literatur stammt aus der Feder des britischen Historikers Mark Greengrass. Das Buch "France in the Age of Henri IV" ist zuerst 1984 erschienen. Für die zweite Auflage von 1995 wurde der Text umfassend erweitert und überarbeitet. Weitere Auflagen gab es nicht. Die Ausgabe von 1995 ist mittlerweile ein Vierteljahrhundert alt. Daraus ergeben sich zwei Probleme. Zum einen spiegelt das Buch aufgrund seines Alters nicht den aktuellen Forschungsstand wider. Zum anderen stellt sich die Frage, für wen das inhaltlich recht anspruchsvolle Buch heute noch geeignet ist. Es erschien seinerzeit in der Reihe "Studies in Modern History", die für den universitären Seminarbetrieb gedacht war. Heutigen Studierenden kann man das Buch nicht ohne Weiteres empfehlen. Es ist nur für Leser geeignet, die bereits solide Grundkenntnisse der Geschichte Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert besitzen. Über solche Kenntnisse verfügen heutzutage erfahrungsgemäß nur die allerwenigsten Studierenden.

 Greengrass hat keine Biographie Heinrichs IV. geschrieben und auch keinen narrativ angelegten Überblick der Geschichte Frankreichs an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Die neun Kapitel sind verschiedenen Themen gewidmet. In den ersten drei Kapiteln schildert Greengrass den Verlauf der Religionskriege zwischen 1562 und 1598. Die Reformation erreichte Frankreich vergleichsweise spät. Die konfessionelle Spaltung zwischen Katholiken und Kalvinisten (Hugenotten) stürzte das Königreich in eine schwere, allumfassende Krise, die fast vier Jahrzehnte dauerte. Entsetzt blickte Europa auf die Gewaltexzesse, die sich in Frankreich zutrugen. Als Heinrich III., der letzte König aus dem Haus Valois, 1584 mit dem Tod seines jüngeren Bruders seinen einzigen direkten Erben verlor, spitzte sich die Lage nochmals zu. Nach dem Salischen Gesetz ging das Erbrecht auf den Bourbonen Heinrich von Navarra über, einen Vetter der Valois und Führer der Protestanten. Als Hugenotte war Heinrich aus Sicht vieler Katholiken als Thronerbe nicht tragbar. Die sogenannte Katholische Liga setzte es sich zum Ziel, Heinrich um jeden Preis vom Thron fernzuhalten. Heinrich III. verlor zusehends die Kontrolle über das Land und musste 1588 aus Paris fliehen, wo die Liga die Macht an sich riss und ein Schreckensregiment errichtete. Im Jahr darauf wurde der glücklose und weithin verhasste König von einem fanatischen Dominikanermönch ermordet. Die Krone ging auf Heinrich von Navarra über. Selten hat ein französischer König den Thron unter derart ungünstigen Bedingungen bestiegen. Ähnlich wie Karl VII. (1403-1461) konnte Heinrich IV. sein rechtmäßiges Erbe nicht ungehindert antreten. Er musste sich das Königreich buchstäblich mit der Waffe in der Hand erobern. Eine wichtige Zwischenetappe war Heinrichs Konversion zum Katholizismus im Sommer 1593. Moderate Katholiken stellten sich fortan hinter den neuen König, und bis 1598 gelang es Heinrich unter größten Mühen, das geschundene, zerrissene Land zu befrieden. 

Leider schreibt Greengrass nichts über Heinrichs Leben bis 1589. Daher wird nicht klar, wie sich Heinrichs beachtliche Fähigkeiten als Politiker und Heerführer entwickelten. Der König ließ sich von widrigen Umständen nicht entmutigen. Zäh und beharrlich arbeitete er auf sein großes Ziel hin, Frankreich aus dem Chaos herauszuführen, Frieden zu schaffen und geordnete Verhältnisse herzustellen. Ihm kam entgegen, dass große Teile der Bevölkerung in den 1590er Jahren kriegsmüde waren. Viele Städte und prominente Adlige, die sich der Liga angeschlossen hatten, stellten nach langwierigen Verhandlungen ihren Kampf gegen Heinrich IV. ein. Greengrass zeigt Heinrich IV. als selbstbewusst, autoritär und durchsetzungsstark auftretenden Monarchen. Der Umgang mit den Hugenotten sowie rebellischen Städten und Aristokraten erforderte eine Kombination von Härte und Unnachgiebigkeit auf der einen, Entgegenkommen und Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite. Mit dem Edikt von Nantes (Mai 1598) gewährte Heinrich IV. seinen früheren protestantischen Glaubensgenossen die freie Religionsausübung. Greengrass plädiert dafür, das Edikt nicht überzubewerten. Die Rechte der Hugenotten bewegten sich in einem sehr eng gefassten Rahmen. Es kann keine Rede davon sein, dass 1598 ein hugenottischer "Staat im Staate" entstand. In den Kapiteln 5 und 6 behandelt Greengrass die Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen und den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Der König und sein ideenreicher, tatkräftiger Minister Sully erzielten in diesem Bereich bedeutende Erfolge, die umso bemerkenswerter sind, als Heinrich IV. nur 12 friedliche Regierungsjahre vergönnt waren. Bevor er sich im neunten und letzten Kapitel der Außenpolitik zuwendet, untersucht Greengrass Heinrichs Beziehungen zu drei gesellschaftlich bestimmenden Gruppen – Adel, Geistlichkeit und Amtsträger im Justiz- und Steuerwesen. Gegenüber diesen Gruppen musste der König ein Höchstmaß an Fingerspitzengefühl aufbringen, waren sie doch unverzichtbare Stützen seiner Herrschaft. 

 Die Bilanz, die Greengrass am Ende zieht, fällt gemischt aus. Die große historische Leistung Heinrichs IV. bestand in der Befriedung Frankreichs, in der Wiederherstellung geordneter, stabiler Verhältnisse. Aber der König war kein Neuerer und Reformer. Er zementierte die angestammte Ständegesellschaft mit ihren starren Hierarchien und ihrer ungerechten Verteilung der Steuerlasten. Reformpläne aus den Jahren der Religionskriege verschwanden schnell in der Schublade, sobald der Frieden eingekehrt war. Für ein regelmäßig tagendes Repräsentativorgan, das Steuern bewilligen und Gesetze beschließen sollte, hatte Heinrich IV. nichts übrig. Folgt man Greengrass, so war der König beiweitem nicht so volksnah und volksverbunden, wie es die Franzosen bis heute gerne glauben. Heinrich erwartete von seinen Untertanen widerspruchslose Unterordnung. In einem starken Königtum mit ungeteilter Machtfülle sah er den einzigen Garanten für inneren Frieden. Die Adligen und die Amtsträger mit ihren vielfältigen Privilegien waren die Nutznießer dieser prononciert konservativen und veränderungsresistenten politischen Ordnung. Diese beiden Gruppen trugen und stützten die Bourbonen-Monarchie bis zum bitteren Ende, bis zur Revolution. Trotz seines recht hohen Alters ist das Buch von Mark Greengrass auch heute noch lesenswert. Es ist all jenen zu empfehlen, die nicht an Anekdoten über Heinrichs amouröse Eskapaden interessiert sind, sondern sich ernsthaft mit dem König beschäftigen und die Zeit, in der der lebte und regierte, besser verstehen wollen. Greengrass lässt keinen Zweifel daran, dass sich Frankreich während der Religionskriege an einem Tiefpunkt seiner Geschichte befand. Da er sich gegen den biographischen Ansatz entschieden hat, kann Greengrass anschaulich zeigen, wie die Bevölkerung die Jahrzehnte des Konfessionskonfliktes erlebte und durchlitt. Heinrich IV. beruhigte die aufgewühlten religiösen Leidenschaften und legte damit den Grundstein für eine lange Friedensphase. Greengrass weist aber auch darauf hin, dass der erste Bourbone Weichenstellungen vornahm, die Frankreich auf lange Sicht in eine Sackgasse führten.

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