Mark Jones

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Am Anfang war Gewalt

Am Anfang war Gewalt

 (5)
Erschienen am 12.05.2017
Battle of Britain

Battle of Britain

 (0)
Erschienen am 18.06.2015

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Rezension zu "Am Anfang war Gewalt" von Mark Jones

Wirklich "Ein neuer Blick auf die Revolution von 1918/19"?
Matzbachvor 3 Monaten

Mark Jones beschreibt in seiner Studie "Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik" die Gewaltexzesse der Freikorpstruppen, die im Auftrag der neuen Reichsregierung gegen die Spartakisten eingesetzt wurden, wobei vor allem die Ereignisse in Kiel, Berlin und München in den Fokus gerückt werden. Ein besonderes Anliegen ist ihm dabei, zu schildern, wie sich aus einer Spirale von tatsächlichen Gräueltaten der Spartakisten, Gerüchten und Autosuggestion die besondere Gewalt entwickelt hat, die nahezu alle Linken zu Freiwild für die Regierungstruppen gemacht hat, was nun wiederum deren Gräueltaten hervorrief, für die es weiß Gott genug Beispiele gibt. Das alles ist Jones auch weitgehend gelungen, wenngleich er sich meiner Ansicht nach bisweilen auf etwas dünnes Eis begibt, wenn er Gewalttaten der Linken als nicht beweisbare Gerüchte deklariert, die von anderen Historikern durchaus nicht in Frage gestellt werden. Aber wie soll nach 100 Jahren da die Wahrheit noch gefunden werden?

Aber andere Aspekte stören mich weit mehr:

1. Auch wenn Jones es selbst bisweilen relativiert, so zieht er doch eine gerade Linie von den Vorgängen 1918/19 zu den um vielfach gesteigerten Gewaltexzessen während des Dritten Reiches. Unbestritten und durchaus nicht neu ist die Tatsache, dass viele der ehemaligen Freikorpssoldaten von 1933 bis 1945 noch eine wichtige Rolle spielten (als Beispiel sei hier der im Buch gar nicht erwähnte Lagerkommandant von Auschwitz, Höss, erwähnt). Doch ist deren Gewaltbereitschaft tatsächlich erst durch die Wirren der Republikgründung entstanden? Meiner Ansicht nach vernachlässigt Jones da doch die Entmenschlichung und Verrohung, die der Erste Weltkrieg bei vielen Frontsoldaten hinterlassen hat.

2. Jones beschreibt die tatsächliche Gefahr, die von der extremen Linken ausging, als relativ gering. Ob das zutrifft oder nicht, mögen andere entscheiden, aber Tatsache ist, dass Liebknecht, Luxemburg und andere in der beschriebenen Phase in Punkto Verbalradikalismus sich nicht hinter den Regierungsverlautbarungen verbergen mussten. Immer wieder riefen sie zur Vollendung der Revolution und zum Sturz der Arbeiterverräter Ebert und Scheidemann auf. Konnte in der damaligen unübersichtlichen Situation wirklich jemand erkennen, wer sich durchsetzen würde? Jones Vorwurf an die SPD, sich mit dem Teufel eingelassen zu haben, um den (eingebildeten) Beelzebub zu verjagen, trifft zu, aber gab es andere Optionen? Das Beispiel der russischen Revolution war damals ja noch ganz frisch, und die Art und Weise, wie die Bolschewisten die anfangs auch bürgerliche Revolution pervertierten, stand den damals Handelnden ja deutlich vor Augen, und das waren ja beileibe keine Phantasmagorien. In diesem Kontext geht im Übrigen Jones Vorwurf an deutsche Historiker, den Streit um die Legitimität der Gewalt in der Gründungsphase der Weimarer Republik im "besten Fall bruchstückhaft" zu untersuchen und "im schlimmsten Fall auf eine kritiklose Apologie der Gründerväter der ersten deutschen Demokratie" hinauszulaufen zu lassen, an der Realität vorbei. Das mag vielleicht für die Zeit der Fünfziger und sechziger Jahre gelten, als die deutsche Geschichtsschreibung von eher nationalkonservativen Historikern bestimmt wurde, doch seitdem wird der sogenannte Ebert-Groener-Pakt, der Beschluss der Zusammenarbeit der neuen Reichsregierung mit der Reichswehr, indirekt also die Grundlage der späteren Gewaltexzesse, durchaus kritisch gewürdigt, was sich auch in jedem mir bekannten Oberstufenlehrwerk wiederfindet.

3. Noch unhaltbarer ist die Generalkritik  an der Geschichtsschreibung im Punkt des "Schießbefehls" Noskes, der den Freikorpsverbänden quasi einen Freibrief für die Jagd auf die Linken ausstellte. Jones schreibt auf Seite 255: "Die Erinnerung an Noskes Schießbefehl ist in den letzten zwei Jahrzehnten (seit der Wiedervereinigung, Matzbach) eher noch unpopulärer geworden, da Historiker die Existenz historischer Vorspiele und Weichenstellungen für den Nationalsozialismus herunterzuspielen versuchen". Ich weiß ja nicht, welche Historiker Jones da im Auge hat, aber einen Vorwurf kann man der deutschen Historiographie sei 1968 definitiv nicht machen, nämlich den, dass sie sich nicht dieser Thematik stellt. Stellvertretend für viele sei hier der der programmatische Titel "Hitler war kein Betriebsunfall" von Fritz Fischer, der im Übrigen ein Vor 68ere war, genannt.

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wandablues avatar

Rezension zu "Am Anfang war Gewalt" von Mark Jones

Keine Revolution ohne Blut und Tränen !!
wandabluevor einem Jahr

Keine Revolution ohne Blut und Tränen!
Untertitel: Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik.

„Die Auswüchse mörderischer Gewalt, die die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert prägten, nahmen ihren Anfang nicht 1933, 1939 oder 1941. Vielmehr schlug ihre Geburtsstunde schon in der Gründungsphase der Weimarer Republik; hier schwenkte Deutschland auf den Kurs ein, der später in die Horror-Exzesse des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges mündete. … in den Frühjahrsmonaten 1918/19 hielten Formen von Gewalt Einzug, die bis dahin … niemals vorgekommen waren … . Dieses Buch will erklären, wie und wa-rum es dazu kam.“ (Vorspann).

Da im Geschichtsunterricht selbst der Gymnasien dieses Kapitel deutscher Geschichte oft stiefmütterlich behandelt wird, bzw. überhaupt nicht vorkommt, nehme ich dieses Buch zur Hand, geschrieben von Mark Jones, Jahrgang 1981, einem amerikanischen Historiker mit dem Forschungsschwerpunkt „Zusammenhang von Gewalt und politischer Kultur in Deutschland im 20. Jahrhundert“. Es ist nicht verkehrt, den Gesichtspunkt eines nicht so unmittelbar Betroffenen, jedoch eines Fachmanns d.i. eines Historikers kennenzulernen.

Mark Jones erläutert, dass es keinerlei politischen Revolution(en) gibt, die nicht blutig verlaufen und das Leben vieler Unschuldiger kosten. Das mag nicht seine erste Lehrintention gewesen sein, aber das ist bei mir hängen geblieben. Als Quintessenz sozusagen.

Warum ist nun alles so gekommen, wie es gekommen ist? Nämlich dass brutale Gewalt mittels militärischer Einsätze gegen Teile des eigenen Volkes legalisiert und allgemein akzeptiert wurde?

In schnöden kurzen Worten: weil die Medien durchdrehten. Weil die Gerüchteküche kochte und weil es keine objektiven Beobachter gab. Weil es gelungen war, eine Handvoll Idealisten, oder Umstürzler, je nachdem wie man es sehen möchte, nämlich die Spartakisten, so zu verteufeln, dass die Massen jedes noch so ungerechte und gewaltsame Vorgehen gegen sie (oder wer dafür gehalten wurde) gut hießen. So wurden im Zuge der Niederschlagung ihres Aufstandes viele, viele Menschen auf brutalste Weise umgebracht, ohne dass es ein Verfahren gegeben hätte oder nach dem Maßstab der Verhältnismäßigkeit gefragt wurde. Kriegsverbrechen waren das, die auch nach der Zeit des Geschehens nicht oder nur ungenügend geahndet und aufgearbeitet worden sind.

Mark Jones arbeitet wie es Historikern eigen ist, dankbarerweise akribisch. Er durchforstet Archiv um Archiv, fördert Zeitungsartikel um Zeitungsartikel zutage. So besteht kein Zweifel an der Authentizität der Ereignisse. Er verschweigt auch nicht, wo es Wisssenslücken gibt.

Leider liest sich das Buch so trocken wie sich Akten und Zeitungsberichte eben lesen. Und falls man alle Zeitungszitate in Fussnoten stopfte, was bliebe von dem Buch noch übrig? Nicht sehr viel. Wobei es sowie so schon seitenweise Fußnoten gibt.

Fazit: Eine bemerkenswerte, akribische Arbeit über die ins Visier genommene Zeit. Eine sicher grandiose Leistung eines Historikers. Die Lesbarkeit ist allerdings nicht genau so hoch zu veranschlagen.

Kategorie: Sachbuch
Verlag: Propyläen, 2017

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seschats avatar

Rezension zu "Am Anfang war Gewalt" von Mark Jones

Gelungene Studie
seschatvor einem Jahr

Der promovierte Historiker Mark Jones hat mit seinem Sachbuch "Am Anfang war Gewalt" eine engmaschige Studie über die Gründungsphase der Weimarer Republik, der ersten demokratischen Grundordnung in Deutschland, vorgelegt. 

Faktenreich und spannend taucht er in diese mehr als umtriebige Zeit der deutschen Geschichte ein. Für sein 453-seitiges Werk hat er aufwendige Recherchearbeiten betrieben. Ob noch unerschlossene Archivquellen, original Augenzeugenberichte oder Zeitungsartikel aus den damaligen Gazetten Vorwärts und Rote Fahne, Jones' Vorgehensweise ist höchst wissenschaftlich und bleibt dabei immer lesbar. Darüber hinaus bietet seine reiche Fußnotensammlung genügend Informationen für vertiefende Forschungen.

Betrachtet man das Ergebnis seiner Studie, so fällt auf, dass die hehren Sozialdemokraten alles andere als zimperlich in der Umsetzung ihrer Regierungs- bzw- Politikinteressen waren. Der KPD bzw. dem Spartakusbund allein die Schuld an den Umstürzen bzw. Gewaltausbrüchen in Berlin und München zu geben, war eine mehr als unfaire Aktion, die auf einer großen Angst vor dem roten Bolschewismus fußte. Die Gewaltexzesse zwischen sozialdemokratischen und linken Gruppierungen trafen vermehrt Unschuldige, wie Jones ausführlich belegt - eine Tatsache, die zu denken geben sollte. Auch das pauschale Schwarz-Weiß-Denken ist in der Zeit ab der Gründung der Weimarer Republik im November 1918 bis zum Abschluss des Versailler Vertrags im Juni 1919 nicht angebracht, weil trotz reichen Quellenmaterials einige Vergehen und Akte bis heute nicht 100%ig aufgeklärt werden können.

FAZIT
Ein spannendes wie aufschlussreiches Sachbuch, das die Jahre 1918/1919 in Deutschland detailreich untersucht. 

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