Markus Flohr

 3.6 Sterne bei 16 Bewertungen

Lebenslauf von Markus Flohr

Markus Flohr wurde 1980 in Hannover geboren. Er hat die Henri-Nannen-Schule für Journalismus besucht, war Redakteur bei Spiegel Online und studierte Geschichte in Hamburg und Jerusalem. »Wo samstags immer Sonntag ist« ist sein erster Roman, erschienen bei Rowohlt.

Alle Bücher von Markus Flohr

Wo samstags immer Sonntag ist

Wo samstags immer Sonntag ist

 (9)
Erschienen am 01.08.2012
Alte Sachen

Alte Sachen

 (7)
Erschienen am 22.01.2016

Neue Rezensionen zu Markus Flohr

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Rezension zu "Alte Sachen" von Markus Flohr

Mir hat es nicht gefallen
robbylesegernvor 3 Jahren

Voller Enthusiasmus habe ich dieses Buch begonnen, dass mir durch das Thema und die guten Bewertungen auffiel. Antisemitismus im dritten Reich, ein Thema , was ich immer wieder interessant finde. Doch ich merkte bei diesem Buch recht schnell, dass der Autor sehr detailverliebt schrieb, was ich auf die Dauer etwas ermüdend fand. Einfache Tätigkeiten wie z.B.  das Bügeln, die man in Kürze abhandeln kann, wurden hier über 2 Seiten beschrieben . Ich hatte häufig da Gefühl, dass der Autor nur die Seiten füllen wollte.

Die Geschichte der Gegenwart , in der Rieke  Lior kennenlernt , fand ich noch sehr ansprechend. Man erfährt nach und nach, warum Lior nach Deutschland kam und seine " Schneiderei betreibt. Doch die Vergangenheitsgeschichte konnte mich nicht mehr überzeugen. Zu zäh wurde hier meiner Meinung nach erzählt, mit schon erwähnter Detailverliebtheit, die mich häufig abschweifen lies vom Text. Ich habe das Buch bis zur Seite 271 gelesen, dann habe ich aufgegeben. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Vielleicht haben ich auf den letzten 230 Seiten ja etwas verpasst , das kann ich jetzt nicht mehr sagen, doch mich hat dieses Buch nicht gereizt weiterzulesen.

Schade um das Geld !!

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Rezension zu "Alte Sachen" von Markus Flohr

Ein Buch, welches gelesen werden sollte, ein Denkmal, ein Mahnmal, ein gutes Stück Romankunst.
Flohvor 3 Jahren

„Juden! Juden! Juden! Schrie er und zerknüllte das Papier. Warum interessiert neuerdings alle, dass wir Juden sind? Es hat mich ja selbst nie interessiert“ (Seite 273)

Markus Flohr
hat einen Roman erschaffen, der nicht nur durch seinem Äußeren besticht, sondern einen wahrhaft starken und aussagekräftigen Kern und Inhalt bietet. Markus Flohrs historischer Roman „Alte Sachen“ erzählt auf bemerkenswerter Weise von der Tragweite und das Ausmaß der “Endlösung der Judenfrage“, wie es im „Haus der Wannsee-Konferenz“ so schön untertitelt wurde. Ein sehr eindringliches, stilistisches und absolut bewegendes Meisterwerk „Alte Sachen“. Wie soll man würdige Worte finden, die all meine Begeisterung und Hochachtung vor diesem Roman ausdrücken? Diese Rezension zu verfassen fällt mir alles andere als leicht, da ich Sorge habe, nicht all meine Eindrücke und Lobeshymnen richtig auszudrücken und die füllenden Worte zu finden… Der Autor Markus Flohr hat sich auf Recherche begeben und bietet durch unausgesprochene Worte und nicht gesagtes ein berührendes und informatives Werk und berichtet vom Schicksal jüdischer Geschäfte im Berliner Modeviertel und der Schwedischen-Viktoria-Gemeinde in Berlin zum zweiten Weltkrieg.
Erschienen im Rowohlt / Kindler Verlag (http://www.rowohlt.de/verlage/kindler)

Inhalt:
„Die Zeit nach dem Abitur: wochenlanges Feiern, Wetten auf die Zukunft, Klubstreifzüge. Rieke lässt sich durch die Tage tragen. An einem Morgen nach durchtanzter Nacht lernt sie Lior kennen, einen jungen Israeli. Er hat eine Änderungsschneiderei. Bald bemerkt Rieke, dass dieser Mann, dessen Kopf immer in irgendeinem Takt wippt und der nach Kaffee und noch etwas anderem riecht, kaum Begabung für sein Handwerk besitzt. Er muss einen anderen Grund gehabt haben, nach Berlin zu kommen. Langsam stellt sich heraus, dass es um seine Familie geht, die einst das Modegeschäft «Mäntel Rettig» in Kreuzberg besaß. Als Rieke aber Lior und seiner Geschichte wirklich nahekommt, verschwindet er ohne Warnung...“

Handlung:
In zwei geschickt ausgearbeiteten Handlungssträngen, die zunächst in der Gegenwart beginnen, erleben wir die Abiturientin Rieke mit ihrer flippigen Freundin Iza. Die Schule ist aus, das Leben kann beginnen! Doch wo fängt man an, was will man überhaupt? Sind es wirklich nur Partys, Feiern, Tanz und Sex was das Leben zu bieten hat? Als Rieke wieder einmal nach einer durchfeierten Nacht durch die Berliner Straßen streift, allein, denn Iza hat sich einen Typen geangelt, bleibt sie vor einer Schneiderei stehen, in der eine Motte an einer Modepuppe auf dem Stoff sitzt. Ungeschickt will sie die Motte vertreiben und weckt Liors Aufmerksamkeit. In diesen frühen Morgenstunden saß Lior in seinem Laden und bearbeitete ein Kleid. Er bietet Rieke eine Dusche und was zu Trinken an und beide kommen ins Gespräch. Lior, der junge Israeli, wirkt unglücklich in Berlin, dennoch will er bleiben und diese Schneiderei führen. Zusammen mit Uri kam er nach Deutschland und hat seine Wurzeln in Berlin. Diese Wurzeln erzählen eine Geschichte, die Lior zu erzählen beginnt doch plötzlich verschwindet Lior aus Riekes Leben. Rieke merkt, wie sehr sie diesen sympathischen und exotischen jungen Mann liebgewonnen hat. Liebe? Sie beginnt ihn nachzuspüren und trifft auf eine unglaubliche Geschichte…
Um 1934 die Vorkriegsjahre und der zweite Weltkrieg. Die Juden in Berlin. Wir erleben Ottos Geschichte. Otto ist ein junger Teenager, der mit seiner Mutter allein lebt. Von einem Tag auf den anderen soll Otto die Schule wechseln, seinen Freund Ralf zurücklassen und in ein anderes Viertel ziehen. Die Mutter arbeitet nun bei Mäntel Rettig, die Gegend ist wohlhabend und Otto und seine Mutter wohnen ab sofort bei Meister Rettig und seinem Sohn Nils sowie Tochter Selma. Die Zeiten ändern sich, während Otto sich in Selma verliebt, seine Gefühle kennenlernt, reifer wird und seine Jugend genießen und erleben will, brodelt der Krieg im Hintergrund. Die Kluft zwischen Juden und Nicht-Juden wird größer. Es verschwinden Leute, Läden und Geschäfte werden besprüht, zerstört und zerschlagen, Aufträge bleiben fern, immer mehr Männer und auch Schüler tragen braune Hemden, Beschimpfungen, Flucht und Angst… Der Krieg nagt sich nach vorn. Für Otto geht sein Weltbild verloren, Selma ist verschwunden, seit Monaten schon. Wann wird er sie wiedersehen? Wohin werden die Juden gebracht? Was ist so falsch an ihrer Religion und an ihrem Leben? Was ist mit der Schneiderei? …

Ein Buch, welches die grauenhaften Kriegserinnerungen in die Gegenwart adaptiert und die realen Fakten zum Boykott, sowie der Zerschlagung der jüdischen Geschäfte und die Rettung der „Schwedischen-Viktoria-Gemeinde“ mit viel Hintergrund, Bezügen und Wissen erzählt. Zwei Liebesgeschichten, die auf historischen Säulen zueinander finden.

„Gedanken fielen ihr wie Bauklötze durch den Kopf. Keinen konnte sie auffangen, sie knallten mit der Kante gegen die Schädeldecke.“ (Seite 29/30)

Der Autor:
„Markus Flohr, geboren 1980 in Hannover, ist Journalist. Er studierte Geschichte in Hamburg und Jerusalem, besuchte anschließend die Henri-Nannen-Schule, war Redakteur bei Spiegel Online. 2011 wurde er mit dem Buchpreis Hirzen ausgezeichnet. Heute arbeitet er als Autor für Spiegel, Merian und Die Zeit. Außerdem unterrichtet er Journalistisches Schreiben an der Universität Hamburg. Sein großes Interesse gilt der dritten Generation nach der Schoah. "Alte Sachen" ist sein erster Roman. Markus Flohr lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Hamburg und Tallinn.“

Äußeres / Cover:
„Ein elegant erzähltes Buch über Verfolgung, Flucht und die Kraft der Liebe in wunderschöner Ganzleinen-Ausstattung.“ … So wird das Buch angepriesen, und genau so darf man es erleben und erfahren. Das Buch liegt als Hardcover vor. Es ist sehr hochwertig verarbeitet, und in einem Leinenkleid gebunden. Diese Haptik ist sehr edel, Der Titel ist mit einem Stofffetzen aufgedruckt. Eine tolle und mehr als stimmige Idee. Die Seiten weisen eine angenehme Dicke auf, das Schriftbild ist sehr angenehm.
Das Buch berichtet im Wechsel aus der Gegenwart und der Vergangenheit, wir finden zudem Aufzeichnungen und Briefe an die Nachwelt.

Schreibstil:
Dieser historische Roman zum Zweiten Weltkrieg und der Judenfrage wirkt unheimlich intensiv und von ganz neuer und eigener Note. Der Autor Markus Flohr versteht es durch Ungesagtes die größte Aussagekraft zu besitzen. Er spricht zwischen den Zeilen. Das Nichtgesagte ist dass, was den meisten Kern bietet. Dieses Stilmittel ist unheimlich intensiv und sehr intelligent gelöst. Markus Flohr schreibt in kurzen Sätzen, er schreibt durch Bilder, die er erzeugt. Er bietet den Duft des Berliner Stadtlebens, er lässt den Wannsee glänzen, der würzt den Kaffee mit einem besonderen Duft, ein Blick gen Himmel lässt Wolken ziehen, tiefes intensives Blau, die Schneiderei, die Schaufenster, die Spreequelle, Ottos kleines Zimmer mit Nils, die Hafenstraße 15, Rieke im Standarchiv am Wannsee, Uri und Lior mit ihren Wurzeln, die Lederjacke, die nach Wachs und mehr riecht…. Trotz der kurzen Sätze, beweist es Markus Flohr mit jeder Zeile immer wieder: Er hat einen einmalig nahen und sehr authentischen Schreibstil, der diesen historischen Roman so eindringlich und unvergesslich werden lässt. Als hätte der Autor all die einzelnen Schicksale selbst erlebt und am eigenen Leib erfahren. Durch erstklassige Recherche bringt er all die Emotionen und Gefühle an die leser. Doch hier ist es lange Ottos Arglosigkeit und seine Jugend, die das was in Berlin und der Welt gerade passiert gar nicht so wahrnimmt. Autor M. Flohrs Wechsel der Erzählperspektiven bringt Frische und Schwung in die Gegenwart und Vergangenheit, wobei es dann mit jeder gelesenen Seite aus Zeiten des Krieges und der Lebensgeschichte von Otto und den Juden Rettigs beklemmender und eindringlicher wird. Markus Flohr hat einen wunderbaren und unverwechselbaren Schreibstil, er hat Wiedererkennungswert. Dieses Buch setzt ein Denkmal! Durch seine intensive Recherche tritt der Autor selbstbewusst und überzeugend auf. Er hat das heutige Berlin samt Moderne und Historie stimmig vereint und schafft so ein Bild der Begebenheiten, die uns bis in unsere heutige Zeit begleiten. Das Buch durziehen Begriffe vieler Sprachen und Anekdoten sowie typische Rituale und Machenschaften, zum einen natürlich Jiddisch und Hebräisch mit bestimmten jüdischen Festen und Glaubensfesten. Die Worte und Begriffe sind verständlich, auch ohne Sprachkenntnisse, weil sie entweder im darauffolgenden Satz oder im Zusammenhang erläutert werden. Somit erreichen alle Charaktere eine ausgesprochene Authentizität, da durch die Verwendung ihrer Sprache auch ein Hauch ihrer Identität und ihres Glaubens mitspringt.
Das Buch liest sich sehr gut, trotz der emotionalen Schwere der Thematik, die Sätze sind sehr kurz, was dennoch anspruchsvoll und stimmig wirkt. Es ist ein Kunstwerk an sich, wie es der Autor schafft durch Unausgesprochenes so viel Aussage in die Zeilen zu legen. Das Buch wird von so vielen wunderbaren Zitaten und Botschaften durchzogen, die die bildhafte und eindringliche Sprache und Aussage von Markus Flohr unterstreichen.
Die Wortwahl der Charaktere lässt auch auf ihren Stand und ihre Ethik, sowie Ambitionen schließen, beziehungsweise die Art der Wörter, die sie sich von sich geben. Beispielsweise wirkt Rieke zunächst sehr naiv und treibend. Doch schnell bewegt sich etwas in ihr, je näher sie Lior kommt. Hier ist oft das Gespräch über das Schneiderhandwerk. Gerade in den Passagen um Otto und der Schneiderei Mäntel Rettig. Das Gefühl von Stoff, Leder und Garn… Auch hier überzeugt der Autor mit Recherche, Sachkenntnis und viel Intelligenz. Während die Gedanken und Gefühle in Zeiten der Mobilmachung und des Genozids eher Grau und von Kälte und Hunger geprägt sind, schafft es der Autor dennoch unvergessliche Bilder und Erinnerungen durch Worte zu zeichnen. Flohr schafft es, das alles authentisch rüberzubringen und den Leser in die Welt des zweiten Weltkriegs und des dritten Reiches zu holen und ihn mit einer gnadenlos bewegenden Geschichte mitfühlen zu lassen. Ein besonderer Schreibstil, sprachlich ist auch dieses Buch von Markus Flohr ein Meisterwerk, thematisch ist es ein Denkmal. Flohr beherrscht die Kunst, eine gute Balance zwischen Dialog, Gedanken und Eindrücken hervorzubringen und auch in den Dialog mit dem Leser zu treten. Markus Flohr liebt die Details, trotz seiner wenigen, oder gerade wegen der wenigen Worte. Das Gefühl von Wasser auf der Haut, der Blick über die Spree, der Duft von Honig, Kaffee und etwas anderem. Kardamom? Der Spätsommer, die Hitze, die altertümliche Schrift „Wannsee“ in der U-Bahn-Station mit den alten Kacheln, der Geruch von Haut und Haar, das große Gefühl…. Ja, ich schwärme immer noch für dieses Buch und beider Geschichten darin. Und der großen Poesie der Worte. Bilder durch wenige Worte gemalt…

„Die Raben flatterten durch die Luft, gerade angekommen aus dem Norden, wo der Herbst sie langsam von den Äckern schubste.“ (Seite 57)

Schauplätze:
Das Buch spielt in der Gegenwart und in der Vergangenheit um 1934 bis 1944 in Berlin. Dort lebt Rieke, und auch Lior und Uri. Doch der Kern der Geschichte, die Erzählung von Otto und seiner Mutter bei den Rettigs mit dem Meister, Nils und Selma findet in Zeiten des beginnenden zweiten Weltkriegs statt. … Die Zeit der Judenverfolgung, der Flucht, der Anschläge, des Hasses, der Hitlerjugend und der Nazis. Die Vertreibung, das Getto, die Züge voller Menschen, die Selektierung, die Gräueltaten, die Flucht… Aber auch zwischen all dem Leid gibt es ein Bild der Hoffnung, helfende Hände, Lichtblicke, etwas Wärme und die Welt der kleinen Gesten. In der Zeit vor und nach dem Krieg erleben wir eine familiäre Atmosphäre, der Duft von Stoffbahnen, den später in der Gegenwart Lior mit ihrem Handwerk wieder aufleben lässt. Die Orte und Schauplätze werden so beschrieben, wie die Protagonisten sie sehen und wahrnehmen. Man sieht und erlebt dieses Buch mit den Augen des jeweiligen Erzählers. Die Beschreibung der Orte erfolgt mit allen Sinnen, visuell als auch organoleptisch, geschmacklich, etc. Hier wird der Duft der Nähstube ganz wunderbar beschrieben, aber auch die Leichtigkeit eines Sommers in Berlin am Wannsee, die Hochbahn, die namhaften Gebäude, die verwinkelten Straßen, das Stadtleben, die Clubs, der Spätkauf… Berlin, wie man es heute kennt.

„Wie gut sich das anfühlte. Tropfen wie Perlen vor den Augen. Schneller Atem, Haar im Mund, Gänsehaut. Überall das Wasser, das sie zusammenband, mal waren sie darüber, mal darunter. Da war ein Bein, ein Knie, sie drücken sich aneinander. Ein paar Baumwipfel, das Mondlicht durch den wogenden Spiegel gebrochen.“ (Seite 86)

Charaktere:
Durch intensive Recherche und vielen Quellen hat der Autor Markus Flohr ein sehr stimmiges und authentisches Bild an Charakteren und Personen geschaffen. Die Hauptprotagonistin des Buches ist ganz klar Rieke, die mit ihrer unbedarften Art auf Lior trifft und damit in eine Geschichte eindringt, die nach außen will. Ein Teil der Geschichte wird im auktorialem Stil aus ihrer Sicht erzählt. Aber auch Otto mit den Rettigs besitzt einen ganz wichtigen Part im Buch, denn ohne diese damalige Geschichte wäre es Rieke nie in den Sinn gekommen mit Lior über seine Wurzeln und der Schneiderei zu sprechen.
Rieke, Iza, Lior und Uri beschäftigen uns in der Gegenwart. Zwischen Rieke und Lior herrscht eine ganz besondere Spannung. Kann man von Liebe sprechen? Doch warum meldet sich der junge Israeli nicht mehr? Was ist so anziehend an ihm? Sein Duft? Seine Augen oder die warme getönte Haut? Ist Rieke zum ersten Mal verliebt? So richtig?
Von Otto und seiner Mutter erfahren wir dann, wie sie als nicht Juden in einer jüdischen Schneiderfamilie viel zu schnell erwachsen werden mussten. Die Ungerechtigkeit, die Stigmatisierung, ihr Kampf ums Überleben, ihre Menschlichkeit, ihre Hoffnung, die harte Arbeit… Der Mittelteil des Buches erzählt diese Geschichte, stellvertretend für die wenigen Juden, die überlebt und für so viele, die es nicht geschafft haben.
Nebencharaktere wie Iza, Uri, Ralf, Nils, Seidel und Co … runden die ganze Geschichte stimmig ab. Diese Charaktere erweitern die Botschaft und Aussage der Geschichte um ein Vielfaches.

„Keine Freude, nur Rausch. Bier, Wurst, Techno, Schweiß, Marschmusik, Rammstein.“ (Seite 110)

Meine Meinung:
Ich bin von diesem Buch so sehr angetan, dass ich nicht weiß, ob ich die treffenden und würdigen Worte finden kann. Es ist definitiv mein absolutes Lesehighlight 2016 bisher! Ich war, nein bin es noch immer, von dem Buch auf eine besondere Weise angetan. Das Cover hatte eine magische Anziehungskraft auf mich, die Gestaltung ließ schon anmerken, dass es sich hier um ein ganz besonderes Stück Literatur handelte und die Thematik ist eine, der ich mich schon seit längerer Zeit widmen wollte. „Die Judenfrage“ ist ein Stück Deutsche Geschichte, die man sich immer wieder ins Leben berufen sollte, um gleiche Fehler nicht noch einmal zu machen und den vielen Opfern zu gedenken. Ich bewundere, mit welcher Eindringlichkeit und Intensität der Autor hier seine Leser ohne viele Worte und Verschachtelungen erreicht und bewegt. Dieses Buch, Liors und Ottos Geschichte, hat mich sehr berührt und nachdenklich gestimmt. Es ist keine leicht zu verdauende Kost, doch der Autor versteht es durch Bilder und Atmosphäre ein Berlin zu zeichnen, welches man so wirklich in der Gegenwart und vor dem Krieg wirklich erleben und spüren kann. Interessant und lobenswert finde ich die Perspektivenwechsel der Erzählpersonen , aber auch der Vergangenheit und Gegenwart. Das lockert auf und bringt neben der ernsten Thematik auch eine Nebenhandlung im frischen und amüsanten Stil zum Vorschein. Rieke und die langsam wachsende Anziehung zu Lior, Otto und seine Gefühle zu Selma Rettig.
Ich bewunderte die Schreibkunst des Autors, das Buch war von solch einer Emotionsgewalt, Tragik und Erschütterung durchsäht, dass trotzdem noch ein atemberaubendes Berlin bietet,wie es einst war und wie es heute pulsiert. Der Stil ist wirklich neu und mutig, dennoch sehr aufwühlend und bewegend. Das Buch hat es geschafft, mich zu fesseln und viele Emotionen aufkommen zu lassen. Es hat mich zum Nachdenken und Träumen gebracht, es hat mich informiert und sehr bewegt. Das nicht gesagte Wort erzählt hier die Geschichte. WOW. Es beruht auf einer wahren Begebenheit, das heißt, der Autor Flohr musste sich an das Ultimatum wagen, sich an Eckdaten und handfeste Fakten zu halten, aber gleichzeitig den Leser nicht zu enttäuschen und ihn nicht zu langweilen. Obwohl das Buch auf einer wahren Begebenheit beruht, muss man sich vor Augen halten, dass nicht alles, so wie es im Buch beschrieben ist, unbedingt wahr sein muss. Mir kam alles sehr authentisch vor, das muss ein historischer Roman, der auf ein großes Stück Weltgeschichte beruht auch sein, allerdings ist es auch wichtig zu wissen, dass historisch nicht immer alles überliefert ist. Schließlich gab es damals kein Facebook & Co., viele Dokumente sind unter Verschluss oder vernichtet, vieles wurde mit ins Grab getragen und es gibt immer weniger Zeitzeugen, die diese deutsche Vergangenheit aufrecht erhalten können. Das heißt, dass fehlende Fakten ausgedacht werden mussten, diese aber zu den Fakten und Eckdaten passen mussten - eine schwierige Angelegenheit. Ich muss sagen, dass Markus Flohr dieses mit Bravur gemeistert hat. Mir erschien keine der Handlungsstränge zweifelhaft oder falsch. Alles wurde wie bereits erwähnt sehr authentisch erzählt.
Das Buch ist definitiv ein weltbewegendes Stück Literatur und mein persönliches Lesehighlight 2016 bisher!

Bezug auf die Gegenwart:
Das Thema Zweiter Weltkrieg, Judenhass, Holocaust, Judenfrage und Verfolgung sollte immer wieder zur Sprache kommen, allein als Denkmal und zu Gedenken der viel zu vielen Opfer. Das Buch ist ein Mahnmal, es rüttelt auf und lässt Nachdenken. Leider passieren auch in der heutigen Zeit ähnliche Genozide und die aktuelle Flüchtlingswelle lässt sich sehr gut mit der Not und der Verfolgung und den Krieg des Holocaust und den Zeiten des Dritten Reichs erklären. Dieses Buch ist ein Appell an die Gesellschaft und die heutige Lage in einigen Krisenländern.

Kritikpunkte:
Ein sehr krasser Cut entsteht, als der erste gravierende Perspektivenwechsel von der schönen Geschichte um Lior und Rieke abbricht und wir über 100 Seiten zunächst nur in der Vergangenheit um Ottos Kindheit in der Schneiderfamilie weilen. Man verliert Rieke und Lior aus den Augen und wünscht sich zunächst endlich wieder von diesem Knistern und Gefühl des exotischen Paares zu lesen. Doch spätere Perspektivenwechsel werden häufiger, was es sehr sehr angenehmer macht zu lesen und beide Geschichten der Historie und der Moderne zu folgen. Aber ansonsten habe ich absolut keinerlei Kritik an diesem Roman von so wichtiger Thematik und so vorzüglicher Umsetzung. Das Ende lässt etwas offen, was man mit einer Fortsetzung bedienen könnte.

Fazit:
Dieses Buch ist ein thematisch schwer zu verdauendes Buch. Emotional sehr aufwühlend und von ganz ganz ausgezeichneter Sprache und Stil. Ein Buch, welches gelesen werden sollte, ein Denkmal, ein Mahnmal, ein gutes Stück Romankunst. Mein Lesehighlight 2016!!!

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Rezension zu "Wo samstags immer Sonntag ist" von Markus Flohr

Rezension zu "Wo samstags immer Sonntag ist" von Markus Flohr
Birkhennevor 8 Jahren

Markus, ein deutscher Student in Jerusalem, entdeckt das Leben in Israel und die Liebe zu Noa, einem jüdischen Mädchen.

Markus Flohr erzählt gekonnt, spannend und anrührend zugleich sein Studienjahr in Israel. Er macht Erfahrungen mit den unterschiedlichen jüdischen Mentalitäten und mit anderen jüdischen Studenten in seiner WG in Jerusalem und lässt sich auf den sehr verschieden gelebten jüdischen Glauben ein. Offen und unverkrampft, aber doch respektvoll nimmt er Kenntnis von den Menschen in dem kleinen Land mit der großen Vergangenheit. Der Bericht über seinen Aufenthalt während des ersten Gazakonfliktes, den er hautnah miterlebt, lässt uns an den vielfältigen Problemen des Heiligen Landes teilhaben.
Dem Pastorensohn aus Hamburg wird eine Liebe zu diesem Land eingepflanzt und auch zu dem Mädchen Noa, das aus dem persischen Judentum stammt und mit einem Europäer, einem Deutschen zumal, nichts zu tun haben darf und das sich doch ganz und gar in Markus verliebt hat.
Soviel zum angekündigten Inhalt vom Buchhandel.

07.07.2011
Alltag im Gelobten Land

Inzwischen habe ich dieses Buch endlich fast ausgelesen und werde nach meiner heutigen Rezi meine Sternevergabe korrigieren, obwohl ich schon 6 Herzchen dafür erhalten habe.
Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut.
Gerade weil ich so eine Reisetante bin und noch nie in Israel war.
Man erfährt jedoch in "Wo samstags immer Sonntag ist" nur sehr wenig über das Land und das normale Leben seiner Bewohner, vielmehr über M.Flohrs persönliche Liebeserlebnisse mit einer Jüdin und seinem seltsamen Freundeskreis.
Von seinem Leben als Geschichtsstudent an der Jerusalemer Uni erfährt man nichts.
Auch das Religionswissen eines Pastorensohnes läßt leider zu Wünschen übrig. M.Flohr schreibt in seinem Buch, die Gründonnerstagsprozession gäbe es, weil an diesem Tag Jesus in Jerusalem eingezogen ist.
Ein Pastorensohn, auch wenn er vielleicht nicht unbedingt sehr gläubig ist, sollte wissen, daß Jesus am Palmsonntag in Jerusalem eingezogen ist (daher auch die Palmwedel, die er treffend beschreibt).
Auch die Schilderung seiner Kriegserlebnisse am Gazastreifen bei der Oma seiner jüdischen Freundin Noa konnte mich nicht wirklich überzeugen.
Nur mit Mühe und Ausdauer habe ich mich bis zum Ende des Erlebnisberichtes durchgekämpft.
Vielleicht sollte man 30 Jahre alt und männlichen Geschlechtes sein, um dieser Geschichte etwas positives abzugewinnen.

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