In der öffentlichen Debatte ist Moral immer wieder überall. Sie ist irgendwie subjektiv aber auch ein absolutes Muss. Man kann Menschen ohne Moral nicht vertrauen. Aber was ist das am Ende denn genau?
Markus Gabriel will mit seinem Buch zeigen, dass Moral weder Geschmackssache ist noch ein kulturelles Konstrukt, noch die bloße Summe von Gefühlen, sondern dass es moralische Tatsachen gibt.
Gabriel, Jahrgang 1980, ist Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn und einer der meistgelesenen deutschen Philosophen der Gegenwart. Er schafft es – zumindest meiner Meinung nach – anspruchsvolle Philosophie zugänglich zu machen und seine Leserschaft mitzunehmen - auf einen zugegebenermaßen anspruchsvollen aber gut verständlichen Weg. Das muss man dann aber eben auch wollen.
Wenn jemand ein ertrinkendes Kind im flachen Wasser sterben lässt, weil er seinen Feierabenddrink nicht aufgeben will, dann ist das nicht bloß unangenehm oder gesellschaftlich unerwünscht. sondern es ist objektiv falsch. Diese moralische Tatsache existiert, unabhängig davon, ob jemand sie anerkennt. Gabriel nennt diese Position moralischen Realismus, und er verwurzelt sie in seinem weiteren philosophischen Projekt des Neuen Realismus: Die Wirklichkeit erschöpft sich nicht in dem, was die Naturwissenschaften beschreiben. Es gibt viele Sinnfelder. Die Physik ist beispielsweise eines davon, die Moral ein anderes. Moralische Fakten sind in diesem Sinn genauso real wie Fakten über die Schwerkraft, nur in einem anderen Bereich der Wirklichkeit verortet. Gabriel zieht daraus eine doppelte These: ontologisch, dass moralische Tatsachen existieren; epistemologisch, dass Menschen sie erkennen können. (Ja, ich sag ja: Das Buch ist nicht ganz einfach.)
Für ihn lässt sich Moral nicht im Labor messen und deshalb muss die Philosophie ihr Recht auf eigene Erkenntnisbereiche zurückfordern. Das ist ein altes Argument, und Gabriel führt es mit großer Energie. Er arbeitet sich durch Kant und dessen Erben, entwickelt, was er eine konkrete Ethik nennt Also eine Ethik, die moralische Tatsachen nicht als abstrakte Prinzipien versteht, die dann auf Fälle angewendet werden, sondern als in konkreten Situationen verankert, in denen von allen Menschen dasselbe Handlungsmuster gefordert wird.
Also unterm Strich: Es ist schwere Kost, die unser Hirn definitiv fordert und ein Buch, das man nicht einfach mal so durchliest. Man muss sich mit der Materie beschäftigen. Anders funktioniert das hier nicht.
Empfehlen würde ich dieses Buch deshalb auch nur Menschen, die sich mit solchen intellektuellen Themen beschäftigen wollen und bereit sind, tiefer in die Moralphilosophie einzutauchen. Wer dagegen eine leichte Einführung in die Ethik sucht oder philosophische Strenge als hinderlich empfindet, sollte mit dem Buch gar nicht erst anfangen. Dieses Buch verlangt Konzentration und gibt sie zurück als einen deutlich geschärfteren Blick auf die Welt nach der Lektüre.



















