Der Roman Auflösungen. New York von Marlene Streeruwitz führt ins New York des März 2024, wenige Monate vor der Wiederwahl von Donald Trump. Die Wienerin Nina Wagner, Gastdozentin für Literatur, sucht dort einen Neuanfang in einer Stadt, die sie aus früheren Aufenthalten zu kennen glaubt. Doch der Ton ist von Beginn an düster: Am Immigration-Schalter des Flughafens liegt eine reglose Person, niemand greift ein – auch Nina nicht. Schon diese Szene markiert den moralischen und emotionalen Abstieg, der den Roman durchzieht.
Nina versucht, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen: von den lieblosen Eltern, dem längst geschiedenen Ehemann, der Tochter Franzie, die zum Vater „desertiert“ ist, und einem Liebhaber, der nach einer gemeinsamen Nacht verschwindet. Schritt für Schritt entfaltet sich ein Gefühl der Auflösung – im Privaten wie im gesellschaftlichen Umfeld.
Obwohl Nina eine gebildete Akademikerin ist, fühlt sie sich ebenso wie ihre homosexuellen Künstlerfreunde zunehmend fremd in der Stadt. New York erscheint als ein Ort, der durch seine extreme Teuerung zunächst frustriert und schließlich verdrängt. Die Metropole wird zum Sinnbild eines Lebensraums, der seine Bewohner nicht mehr trägt.
Formal spiegelt die Sprache diese Zerrissenheit: kurze, fragmentierte Sätze, Einschübe, manchmal nur einzelne Wörter zwischen Punkten. Der daraus entstehende Stakkato-Rhythmus wirkt unruhig, fast wie ein permanenter innerer Alarm. Ninas Gedanken zu Politik, Geschlechterfragen und Alter fließen assoziativ ineinander, ohne klare Abschlüsse zu finden.
Auflösungen. New York ist kein leichter, kein gefälliger Roman und sicher nicht für alle Leserinnen und Leser zugänglich. Gerade in seiner Radikalität und formalen Konsequenz bleibt er jedoch ein bemerkenswertes und durchaus lesenswertes Buch.



















