„Und jetzt queer!“ von Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand und Tobi Schiller ist ein umfassendes und schön (mit farbenfrohen Illustrationen von Jasmina El Bouamraoui) gestaltetes Sachbuch über queere Literatur. Thematisch werden hier sowohl die Definition als auch die Geschichte der queeren Literatur, die verschiedenen Genres, Autor*innen und Verlage abgedeckt. Die Autor*innen gehen der Frage nach, weshalb der klassische Literaturkanon nur einen Bruchteil der Weltliteratur abbildet, und sie zeigen auf, dass queeres Schreiben und queere Autor*innen schon immer fester Bestandteil der Literaturgeschichte waren.
Sehr interessant fand ich auch, dass das Buch einen starken Fokus auf die aktuelle politische Lage weltweit legt sowie auf „banned books“ sowie Diskriminierung damals und heute.
„Mehr als ein Comeback müssen wir Zensur als eine historische Konstante verstehen. Lange bevor der Buchdruck Wissen allmählich demokratisierte, entschieden wenige Machthaber darüber, was gelesen werden durfte. Die Katholische Kirche hat seit jeher versucht, bestimmte Sachverhalte oder Erzählungen nicht an die breite Bevölkerung durchdringen zu lassen.
Von Gelehrten oder Priestern – jene also, die Lesen und Schreiben erlernen durften – ging die Deutungshoheit aus. Und das bedeutete Macht. Bücher spielten eine entscheidende Rolle dabei, diese zu untergraben. Der Buchdruck sorgte dafür, dass wissenschaftliche Schriften von immer mehr Menschen gelesen werden konnten. Dadurch wurde die klerikale Weltordnung zunehmend infrage gestellt. Um sich nicht noch angreifbarer zu machen, begannen meist mächtige Männer bereits im 16. Jahrhundert Bücher zu verbieten.
Eines der folgenreichsten Verbote versammelte der Index Librorium Prohibitori kurz Index Romanus. Dieser listete all jene Werke, die nach Ansicht der Kirche ihre Macht zu schwächen drohten – und hielt sich bis 1965. Heute existiert dieser Index nicht mehr; die langen Listen verbotener Bücher tragen nun neue Namen. Die Logik bleibt dieselbe: Was nicht in das Weltbild der jeweiligen Regierungen und Mächtigen passt, muss verschwinden. Je autoritärer ein Staat, desto länger ist die Liste der verbotenen Bücher.“
Die vorgestellten queeren Genres trafen nicht alle meinen persönlichen Lesegeschmack; sehr positiv fand ich aber auf jeden Fall das Kapitel über queere Kinder- und Jugendliteratur. Gerade im Bereich der Schullektüren besteht hier ein großer Bedarf an moderneren, vielfältigeren Leselisten!
Abgerundet wird das Buch durch ein Glossar, eine ausführliche Literaturliste und hilfreiche Weblinks.
„Die Frage, warum nicht-queere Menschen queere Literatur lesen sollten, amüsiert und frustriert mich gleichermaßen. Die Antworten darauf sind offensichtlich und vielfältig. Andersherum gefragt: Welche Gründe könnte es geben, keine queere Literatur zu lesen? Wenn wir Queerness als ein Spektrum menschlicher Realität begreifen, wieso sollten wir uns ausgerechnet damit nicht beschäftigen wollen? Warum sollte unsere menschliche Neugierde hier ein Ende finden? Fürchten wir etwa, uns mit den Figuren nicht identifizieren zu können? Ich halte das für ein fadenscheiniges Argument. Immerhin können wir uns mit allen möglichen Fabelwesen oder Superheld*innen identifizieren, ebenso wie mit Normalsterblichen, die plötzlich Großes vollbringen. In der Regel haben unsere gewöhnlichen Leben wenig mit diesen Geschichten gemeinsam. Dank der Kraft der Fiktion und unserer Imagination können wir uns trotzdem in ihnen verlieren. Ich wiederhole: Weshalb sollten wir uns nicht auch mit queeren Menschen identifizieren können?“
„Und jetzt queer!“ ist ein Buch, das ich allen Lesenden empfehlen möchte – ein tolles Nachschlagewerk und eine Einladung an alle, die ganze Vielfalt der Literatur kennenzulernen!
„Wie in diesem Buch hoffentlich deutlich wird, ist queere Literatur mehr als ein bestimmtes Thema, nicht nur eine Perspektive oder ein Genre. Queerness ist eine offene Bewegung. Sie bedeutet ein Hinterfragen von Normen und die Suche nach Freiheiten, die unser Leben bereichern können. Und davon können wir alle profitieren – auch nicht-queere Menschen.“
Vielen Dank an den Leykam Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚




