Marlon James Eine kurze Geschichte von sieben Morden

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Inhaltsangabe zu „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James

Jamaika, 1976: Sieben bewaffnete Männer dringen in das Haus des Reggae-Musikers Bob Marley ein und eröffnen das Feuer. Marleys Manager wirft sich schützend über ihn und erleidet dabei lebensgefährliche Verletzungen. Marleys Frau Rita wird ebenfalls schwer verwundet, er selbst bleibt mit leichteren Verletzungen an Armen und Brust zurück. Wer waren die Täter? Was waren ihre Motive? Ausgehend von dem Attentat und den Spekulationen, die sich darum ranken, entwirft Marlon James ein vielseitiges Stimmungsbild Jamaikas in den 70er und 80er Jahren voll Gewalt, politischer Willkür, Drogen und Intrigen, ausgestaltet bis ins kleinste Detail.

gutes Buch!

— misanthropy
misanthropy

Ein ausuferndes, komplexes Gesellschaftsporträt über Jamaika, Politik und Drogen - trotz einiger Längen sehr lesenswert

— blauerklaus
blauerklaus

Angelesen und abgebrochen. Zu viel slang um die Lust auf die Fortsetzung der Geschichte zu erhalten. Sogwirkung nicht ausreichend.

— thursdaynext
thursdaynext

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    Eine kurze Geschichte von sieben Morden
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    22. May 2017 um 21:49

    Der Titel des Romans, für den Marlon James 2015 den Man Booker Preis verliehen bekommen hat, ist eine einzige Täuschung. Natürlich ist es alles andere als eine kurze Geschichte, die hier auf 853 großformatigen Seiten detailreich und ausufernd dargeboten wird. Und von statt sieben Morden erzählt das Buch von unzähligen gewaltsamen Toden, Hinrichtungen, Massakern, so vielen, dass man das Zählen bald aufgibt. Welche dieser Tötungen es tatsächlich dann in den Titel geschafft haben, bleibt offen. Ja, der Autor erlaubt sich einen ironischen Kniff, indem er einem der Protagonisten, dem Journalisten Alex Price, das Buch „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ quasi unterschiebt. Als der auf die Sieben angesprochen wird, gibt er zu, es seien eigentlich elf Morde gewesen (woher auch immer diese Zahl kommt) von denen er berichten wollte, aber zu vieren davon hätte er nicht genug Informationen gefunden. Zentrales Ereignis des Buches ist das Attentat auf den Reggae-Sänger Bob Marley im Dezember 1976 auf Jamaika. Marley war in seine Heimat gekommen, um auf dem großen Friedenskonzert „Smile Jamaica“ aufzutreten. Initiiert wurde dieses von der regierenden Partei, der People´s National Party PNP, und es sollte die stark verfeindeten politischen Lager beschwichtigen, wenn nicht gar zur Versöhnung aufrufen. Das war nötig geworden, da die Kriminalität ein erschreckendes Ausmaß erreicht hatte. Verfeindete Gangs mit mafiösen Strukturen und jeweiliger Nähe zu einer der politischen Parteien begingen Morde, Überfälle, Brandstiftungen in den gegnerischen Stadtvierteln, es herrschte auf den Straßen Kingstons praktisch Krieg. Der PNP unter Präsident Michael Manley, die einen demokratischen Sozialismus vertrat und die Nähe zu Kuba suchte, stand dabei die stark westlich, sprich an den USA orientierte JLP, die Jamaica Labour Party unter Edward Seaga gegenüber. Nach der anfänglichen Euphorie über die 1962 erklärte Unabhängigkeit von Großbritannien versank das Land, auch infolge einer furchtbaren Dürre in den Jahren 1967/68, in Armut, Chaos, Gewalt und Korruption. Kriminelle Banden übernahmen bald eine Art Herrschaft.Die tobenden Bandenkriege waren eine Sache, die zweite, und das wird in dem Buch ebenfalls thematisiert, waren die von den USA verfolgten Interessen in der Region. Meine Kenntnisse über die damalige Situation in Jamaika sind relativ gering gewesen, aber dass die USA sozialistische „Umtriebe“ vor „ihrer Haustür“, also in der Karibik, sicher nicht gern sahen, liegt auf der Hand und die Kubakrise ist sicher jedem ein Begriff. So mischen auch in Marlon James Roman die CIA kräftig mit. Ihr Ziel ist die Destabilisierung der Regierungspartei PNP. Ihr Mittel ist die Anfeuerung der Bandenkriege, die Torpedierung des Friedensprozesses und damit die Diskreditierung der PNP, zumindest hier bei James. Aber große Zweifel an der Wahrscheinlichkeit des Szenarios kommen beim Leser nicht auf. Das Buch geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt diverse skrupellose CIA-Agenten auch hinter der Anstiftung zum Attentat auf Marley stecken. Dessen Engagement für den Friedensprozess der PNP stand gewiss ihren Interessen entgegen.Diese Situation ist Ausgangspunkt für „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, die am Vortag des Attentats beginnt.Auch wenn das Buch natürlich fiktionalisiert ist, sind die Geschehnisse historisch belegt, einige Figuren, wie Regierungschef Michael Manning werden mit Klarnamen genannt, andere, wie Bob Marley, der nie mit Namen, sondern immer nur „der Sänger“ genannt wird, werden kaum, wieder andere, wie Edward Seaga, wenig verschlüsselt, indem ihnen andere Namen gegeben wurden. Einen interessanten Beitrag zu den realen Personen hinter den Figuren findet man hier.Das Verzeichnis der handelnden Personen umfasst insgesamt 76 Namen, 13 davon erhalten von Marlon James eine eigene Stimme, einer der Erzähler schon seit geraumer Zeit tot ist. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen versehen, so dass sich der Leser recht gut orientieren kann. Nur im letzten der insgesamt fünf Bücher, in die der Roman aufgeteilt ist, sind die Kapitel lediglich nummeriert. Bis dahin hat man aber die verschiedenen Sprecher bereits ganz gut kennengelernt und erkennt ihren Sound recht schnell. Denn Marlon James schafft es, den Figuren recht eigene, authentische Stimmen zu verleihen. Ihre Auftritte sind unterschiedlich häufig, der ein oder andere erlebt auch das Ende des Romans nicht.Es sind ein alternder, ermüdender Bandenchef, seine aufstrebende, absolut kaltblütige rechte Hand, kleine und größere Gangmitglieder, CIA-Mitarbeiter, ein für den Rolling Stone arbeitender Journalist und eine junge Jamaikanerin, die durch Zufall Zeugin des Marley-Attentats wurde und danach aus Angst nach New York flieht, die aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln von dem Attentat, ihrem Leben in Jamaika, speziell in den Vierteln Kingstons, und später aus New York berichten. Der Roman umspannt die Zeit von Dezember 1976 bis März 1991. Er erzählt von Gewalt, Rassismus, Kriminalität, Korruption, von Sex, Homophobie und Misogynie, von Drogen, Armut und Hoffnungslosigkeit. Es ist ein vielstimmiger Chor, radikal, brachial, brutal. Immer wieder musste ich pausieren von dieser Menschenverachtung, die sich schon in der Sprache der Erzähler niederschlägt, von dieser explizierten Homophobie, die sich gleichzeitig intensiver gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte bedient - überhaupt dieses ständige Kreisen um Sex und Gewalt, die ineinander verschmelzen, Sex als Ausdruck von Gewalt, Ventil für Aggressionen und Machtinstrument. In Jamaika sind Homophobie und auch physische Gewalt gegen Homosexuelle wohl weit verbreitet. Regelrecht verstörend fand ich, dass selbst die momentane bürgerlich-konservative Regierungspartei JLP noch 2001 einen sogenannten „Battyman-Tune“, einen an den Reggae angelehnten Song, der die „Verbrennung und Ermordung von Schwulen feiert“, zum Wahlkampfsong wählte.Marlon James bedient sich über weite Stellen des jamaikanischen Slangs, des Patois, inwieweit das gut ins Deutsche übertragen werden konnte, kann ich nicht beurteilen. Fünf Übersetzer haben sich der gewiss nicht einfachen Aufgabe angenommen. Am Ende schwirrte mir der Kopf vor Bombocloth und Pussyhole, vor Brethren und Sistren, vor Sufferah und Battymen. Das hat einen gewissen Rhythmus, auch wenn der eindeutig nicht so flockig und hoffnungsvoll rüberkommt wie bei vielen Reggaesongs, die das ganze Buch begleiten. Der Roman ist brutal, wild und anstrengend, gleichzeitig aber auch ungemein fesselnd, aufschlussreich und genial. Er präsentiert ein gnadenloses, gewaltgesättigtes Bild von Jamaika, führt es fort nach New York, wo sich die jamaikanischen Bandenbosse ein neues Geschäft mit Drogen im großen Stil aufbauen, wo die Kontakte zum kolumbianischen Medellín-Kartell geknüpft werden und Kriminalität und Bandenkrieg einfach fortgesetzt. Hierhin fliehen aber auch die, die in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen. Zum Beispiel die jamaikanische Zeugin, hier lebt auch der Journalist Alex Price. Die beiden werden allmählich zu den heimlichen Hauptprotagonisten des Romans. Sie sind auch die einzigen beiden Figuren, die ein wenig Identifikationsfläche bieten. Zumal für den Autor. Alex Price versucht, die Geschehnisse rund um das Marley-Attentat, die Ursachen der Bandenkriege und die die politischen Verstrickungen in seinem Buch zu erfassen und erweist sich als gefährlicher Zeuge. Die Jamaikanerin Nina hat, wie der homosexuelle Autor Marlon James, Jamaika aus Angst vor Verfolgung verlassen, sie lebt in einer Art Exil. Aber: „Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Alle Personen werden früher oder später von ihr eingeholt. Marlon James bemüht das berühmte Faulkner Zitat nicht zufällig, gehört dieser doch zu seinen großen Vorbildern. Auch was den Aufbau und die komplexe Stimmenführung dieses Romans angeht.Ein monumentales Werk hat er geschaffen. Ein Kritikpunkt sei aber noch erwähnt. Bei all der Stimmenvielfalt und Komplexität des Romans leidet er doch daran, dass sich Marlon James zu sehr auf ein bestimmtes Milieu beschränkt, aus dem seine Figuren stammen. Da unterscheidet sich der skrupellose CIA-Agent kaum vom kleinkriminellen Drogenkonsument (auch wenn sie durchaus andere Sprachen sprechen). Mit Ausnahme der zwei erwähnten Figuren mit zaghaft positiver Ausrichtung, entstammen sie alle finstersten Ecken. Das verringert ein wenig die Tiefe, die Vielfalt und die Reibungsfläche, die der Roman hätte haben können und gewiss auch trotzdem hat. Auch hat der Leser manchmal das Gefühl, der Autor berauscht sich geradezu selbst an seinem Gettoslang, an den ständigen Gewalt- und Sexfantasien oder auch Praktiken seines Personals. Da wäre für mich weniger eindeutig mehr. Nichts desto trotz ein beeindruckender, ein anstrengender, aber auch lohnender Roman.

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  • "Wenn's nicht so war, dann war's so ähnlich" (jamaikanisches Sprichwort)

    Eine kurze Geschichte von sieben Morden
    blauerklaus

    blauerklaus

    30. April 2017 um 14:20

    "Fürs Töten braucht man nicht unbedingt einen Grund. Wir sind hier im Getto. Reiche Leute haben Gründe. Wir haben den Wahnsinn." (Seite 26)Als Leser sollte man sich vom Titel des Romans nicht in die Irre leiten lassen. Das 2015 mit dem englischen Man Booker Prize ausgezeichnete Werk von Marlon James ist weder kurz, noch sind es „nur“ sieben Morde, die in dem Roman geschildert werden. Auf 864 Seiten gibt uns der Autor einen Einblick in die dramatische Geschichte des Inselstaats Jamaika. Geschichtlicher HIntergrundUm die Ereignisse schon am Anfang des Romans richtig einordnen zu können ist es hilfreich ein paar Fakten über die Geschichte Jamaikas zu kennen: Die Insel war bis 1962 eine britische Kolonie. Nach der Unabhängigkeit übernahm die konservative „Jamaican Labor Party“ (JLP) die Regierungsgeschäfte, führte das Land aber aufgrund von Misswirtschaft in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale. Korruption greift in großen Teilen der Politik um sich, es herrscht eine ständig steigende Arbeitslosigkeit und insbesondere in der Hauptstadt Kingston nimmt die Verelendung immer größere Ausmaße an. Die Straßen in den riesigen Gettos der Insel werden von rivalisierenden Gangs beherrscht, die in ihren Gebieten mit brutaler Gewalt gegen ihre Gegner vorgehen. Täglich kommt es zu Todesopfern bei diesen Bandenkriegen. Dabei werden sie von den verschiedenen politischen Gruppierungen unterstützt. Ab 1968 wird die Not in der Bevölkerung so groß, dass es zu Demonstrationen und gewaltsamen Unruhen kommt. Zu dieser Zeit entwickelt sich auch der Reggae und sein bekanntester Vertreter Bob Marley wurde auch international sehr populär. Als politischer Gegenpol zur JLP organisierte sich die „People’s National Party“ (PNP) und gewinnt 1972 die Wahlen. Die vom Parteiführer Michael Manley verfolgte Politik des demokratischen Sozialismus nach kubanischem Vorbild ist den USA jedoch ein Dorn im Auge. Neben Fidel Castro möchte man keinen weiteren kommunistischen Führer auf Jamaika haben. Der Anschlag auf Bob MarleyUm ein Zeichen für den Frieden auf seiner Heimatinsel zu setzen lässt sich Bob Marley davon überzeugen ein Gratiskonzert zu geben. Das unter dem Motto „Smile Jamaica – Help my people, help them right!” stehende Konzert soll am 5. Dezember 1976 stattfinden. Bob Marley selber betont in den Vorbereitungen immer wieder, dass das Konzert, wie auch seine sonstige Arbeit, absolut unpolitisch zu verstehen ist. Dies wird jedoch durch die überraschende Ankündigung von Neuwahlen durch die Regierungspartei konterkariert. Bereits am 20. Dezember 1976 sollen Neuwahlen stattfinden, das angekündigte Friedenskonzert erhält dadurch den Eindruck einer politischen Veranstaltung. Am Abend des 3. Dezember 1976 dringen sieben schwer bewaffnete Männer in das Haus von Bob Marley ein und schießen wild um sich. Seine Frau Rita und sein Manager werden schwer verletzt, können sich aber im Krankenhaus anschließend erholen. Bob Marley selber wird nur leicht verletzt. Die bis heute nicht vollständig geklärten Hintergründe dieser Tat versucht Marlon James mit seinem Roman zu erklären. Unzählige Charaktere, viele Erzähler Die geschichtlichen Hintergründe zu kennen ist für diesen Roman deshalb wichtig, weil der Autor auf einen allwissenden Erzähler komplett verzichtet, die Zusammenhänge muss sich der Leser selber erschließen. Das Buch wird vollständig aus der abwechselnden Sicht von dreizehn Personen erzählt und beginnt am Vorabend des Anschlags, dem 2. Dezember 1976. Der Leser erfährt, wie einige der beteiligten Personen diesen Tag verbracht haben. Das Figurenpersonal ist dabei sehr vielfältig und reicht von der Erzählung eines Gangsterbosses und von Gang-Mitgliedern über einen Reporter des amerikanischen Rolling-Stone-Magazins und dem örtlichen CIA-Chef bis zu einer jungen Jamaikanerin, mit der Bob Marley kürzlich eine Affäre gehabt hatte. Da wird der Leser recht unvorbereitet in die jeweilige Handlung geworfen, nach den ersten Kapiteln hat man sich daran jedoch schnell gewöhnt. Das dem Buch vorangestellte vierseitige Personenverzeichnis ist am Anfang des Buches sehr hiflreich. Die Schwierigkeit in der gewählten Erzählform liegt für den Autor darin, den Protagonisten eine jeweils eigene, authentische Stimme zu geben, damit sich diese auch klar unterscheiden. Das ist dem Autor im vorliegenden Fall aus meiner Sicht gut gelungen, die Gang-Mitglieder hören sich anders an als ein (verstobener) Politiker, der Rolling-Stone-Reporter anders als die junge Jamaikanerin. Das führt allerdings auch zu ungewöhnlichen Textpassagen, wenn beispielsweise ein Gangmitglied im Drogenrausch ein ganzes Kapitel ohne Punkt und Komma erzählt. Zahlreiche (nicht übersetzte) jamaikanische Slang-Ausdrücke fließen in den Text ein, das angehängte Glossar erklärt diese jedoch sehr gut. Die Jahre nach 1976Die ersten beiden der insgesamt fünf Teile des Buches widmen sich dem Anschlag auf Bob Marley und die Vorbereitungen dazu. In den drei anderen Teilen des Buchs verfolgen wir das Schicksal einiger Protagonisten in den Jahren 1979, 1985 und 1991. Der Handlungsort verlagert sind in diesen Teilen des Buches von Jamaika nach New York, wo einige der jamaikanischen Gangster groß in das Drogengeschäft eingestiegen sind. In diesem Teil des Buches weist der Roman einige Längen auf, da einige Kapitel nicht oder nur unwesentlich zum Handlungsverlauf beitragen. Allerdings folgen auf solche Kapitel auch wieder Abschnitte, die spannend zu lesen sind und deren absurd-brutalen Beschreibungen den Text merklich auflockern. Da kommt bei all der geschilderten Gewalt ein großes Stück Tarantino-Feeling auf. Und wenn der in den ersten Kapiteln eingeführte Reporter in New York über einen mehrfachen Mord in einem Crack-Haus berichtet und seine Reportage „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ nennt, schließt sich auch der Kreis, den der Autor zu Anfang dieses gewaltigen Romans begonnen hat. FazitSelten fiel es mir nach einer Romanlektüre so schwer zu einem eindeutigen Urteil zu kommen. Marlon James erzählt eine komplexe und ausufernde Geschichte und beleuchtet kritisch die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe auf seiner Heimatinsel Jamaika. Ein Gesellschaftsporträt, das ein Bild des Inselstaates zeichnet, das sehr weit entfernt ist von dem weit verbreiteten Klischee des glücklichen Sonnenstaates Jamaika. Die Menschen dort leiden unter staatlicher und polizeilicher Willkür. Ausufernde Gewalt, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie gehören zum Alltag der Bevölkerung. Das Lebensgefühl dieser Menschen zu schildern gelingt dem Autor hervorragend. Auch die Beschreibung des kritisch zu sehenden Einflusses, den die USA auf den Inselstaat haben, hat mir sehr gut gefallen. Allerdings weist das Buch auch deutliche Längen, insbesondere im Mittelteil der Erzählung auf, da ist vom Leser etwas Durchhaltevermögen gefordert. Durch die Verwendung der Ich-Perspektive fehlt ein allwissender, erklärender Erzähler, es wäre daher ratsam sich etwas Hintergrundwissen über Jamaika anzulesen. Der wikipedia-Artikel sollte hierfür aber genügen. Leser, die ein komplex konstruiertes Gesellschaftsporträt lesen möchten werden von dem Roman begeistert sein. Wer einen einfach gestrickten Kriminalroman mit einem spannenden Plot sucht wird wohl eher enttäuscht sein. Von mir daher eine eingeschränkte Empfehlung für dieses monumentale Epos.

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    Eine kurze Geschichte von sieben Morden
    Havers

    Havers

    22. March 2017 um 18:58

    Jamaika. Sonnenschein, strahlend blauer Himmel und total entspannte Menschen, die sich zu Reggae-Klängen, mit einem Joint in der Hand, im weißen Sand aalen. Diese Assoziationen werden wohl die meisten Leute haben, wenn sie den Namen dieser karibischen Insel hören. Aber diese Vorstellungen vom Paradies auf Erden haben mit der Realität herzlich wenig zu tun, was spätestens nach der Lektüre des 2015 mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichneten Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ klar sein dürfte. Der Autor Marlon James wurde 1970 in Kingston geboren, und diese Ende siebziger/Anfang der neunziger Jahre bilden den zeitlichen Rahmen für seine alles andere als kurze Geschichte. Und wenn wir schon dabei sind – die Anzahl der Morde ist mit sieben auch eher tiefgestapelt. Mitte der siebziger Jahre ist das Leben auf Jamaika geprägt von den Auseinandersetzungen der Anhänger zweier politischer Gruppierungen. Auf der einen Seite die sozialistisch geprägte People’s National Party, auf der anderen die pro-westliche Jamaica Labour Party. Politische Willkür, Korruption und Gewalt sind an der Tagesordnung, und die verschiedenen Gangs mischen munter mit, es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Als die Wahlen bevorstehen, soll auf Initiative der PNP ein Friedenskonzert, bei dem auch die Reggae-Ikone Bob Marley auftreten soll, ein Zeichen für ein friedliches Miteinander setzen. Dazu wird es aber nicht kommen, denn zwei Tage vor dem Konzert dringen Unbekannte in das Haus des Sängers ein und scheißen wild um sich. Sein Manager und Marleys Frau werden schwer verletzt, er selbst trägt nur leichte Blessuren davon und kann seinen Auftritt wie geplant absolvieren. Aber noch immer ist die Karibikinsel vom Frieden weit entfernt. Rund um dieses Ereignis konstruiert Marlon James das vielschichtige Porträt der jamaikanischen Gesellschaft und nutzt dazu die Stimmen und Perspektiven der unterschiedlichsten Charaktere. Vom Journalisten, über Politiker, Gangster, Ausreisewilligen, Lebenden und Toten, dem Sänger und dem ständigen Sound des Reggae – alles ist vertreten und zeigt auf lebendige Art die verschiedensten Aspekte der Karibikinsel. James schreibt lebendig, aber dennoch ist die Lektüre manchmal zäh und anstrengend, weil man ob der Vielzahl der Personen und Perspektiven sehr konzentriert zu Werke gehen muss. „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist ein monumentales Werk, allein der Umfang mag den einen oder anderen Leser im Vorfeld schon abschrecken. Aber die 860 Seiten lohnen sich, gerade deshalb, weil man unglaublich viele Informationen und Denkanstöße erhält. Es ist allerdings von Vorteil, wenn man sich zumindest vor dem Lesen Basisinformationen beschafft, damit man die Schilderungen auch korrekt einordnen kann – der Wikipedia-Artikel über Jamaika ist ausreichend.

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