Martín Kohan Sekundenlang

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Inhaltsangabe zu „Sekundenlang“ von Martín Kohan

Knapper ging es nicht: Leiche in Hotelzimmer gefunden. Eine winzige Zeitungsnotiz aus Buenos Aires, September 1923. Sollte das die beiden argentinischen Provinzjournalisten, die fünfzig Jahre später nach einem griffigen Sujet für einen Jubiläumsartikel ihres Blatts suchen, mehr interessieren als der mythische Boxkampf Luis Ángel Firpo gegen Jack Dempsey New York September 1923, bei dem der argentinische Herausforderer skandalös um den Sieg gebracht wurde? Mehr als das Gastspiel von Richard Strauss im selben Monat im Teatro Colón mit der bereits legendären Aufführung von Gustav Mahlers 1. Symphonie? Sportredakteur Verani jedenfalls ist überzeugt, daß der Tod des Unbekannten mit dem Boxkampf zu tun hat. Die Versuche seines Kollegen vom Feuilleton, ihm Parallelen zwischen Boxkampf und Symphonien zu erläutern, läßt er stoisch über sich ergehen. Auch der subtile Clinch zwischen dem erfolgreichen Techniker Richard Strauss und dem genialisch tastenden Neuerer Gustav Mahler berührt ihn nicht sonderlich. Es müßte doch verdammtnochmal herauszukriegen sein, warum der Mann im Hotel, offenbar ein Ausländer, aufgeknüpft an der Decke hing. Hatte er sich bei dem Boxkampf fatal verwettet? Die Wirklichkeit – aber das erfährt der Leser erst sehr viel später von einem hellwachen Greis in Buenos Aires – ist um einiges zugespitzter.

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  • Rezension zu "Sekundenlang" von Martín Kohan

    Sekundenlang
    HeikeG

    HeikeG

    22. May 2007 um 13:10

    Wie ein Schwergewichtsboxer ein Symphonieorchester dirigiert oder die Verdichtung der Zeit Beginnt ein neuer Stern am lateinamerikanischen "Literatenhimmel" zu leuchten? Der argentinische Autor und Literaturprofessor Martín Kohan, geboren 1967 in Buenos Aires, hat mit seinem deutschsprachiges Debüt von "Sekundenlang" etwas Geniales vorgelegt. Äußerst interessant konstruiert Kohan seine Story in diesem spannenden und intellektuell intelligenten Roman. Zum Inhalt: Kohan versetzt den Leser ins Jahr 1990, in die argentinische Provinz Patagonien, in ein Städtchen südlich von Buenos Aires mit Namen Trelew. Rückblickend erinnert sich der Ich-Erzähler Alfaro Roque an Erlebnisse vor siebzehn Jahren (man merke sich diese Zahl!) im Jahr 1973, wo er - "noch keine zwanzig Jahre alt" - unbeabsichtigterweise in Geschehnisse hineingezogen wird, die er jetzt endgültig zu klären versucht. Damals stand das 50jährige Jubiläum der Zeitung - bei der er als Archivar arbeitete - an, was mit einer Sonderbeilage mit dem Titel "Ferne Zeiten" gefeiert werden sollte. Dazu wurden die Redakteure der einzelnen Ressorts aufgefordert, jeweils einen Artikel über ein besonders hervorzuhebendes Ereignis aus dem Jahre 1923 - dem Gründungsjahr der Zeitung - beizusteuern. Ledesma und Verani, der Feuilleton- und der Sportredakteur - tauchen bei Roque auf, um sich ein entsprechend zu würdigendes Geschehnis des damaligen Jahres auszusuchen. Man wird schnell fündig. Der gebildete, intellektuelle, kultur- und kunstbeflissene Schöngeist Ledesma wird den Artikel dem Gastspiel der Wiener Philharmoniker, unter der Leitung von Richard Strauss im Teatro Colon mit der bereits legendären Aufführung von Gustav Mahlers 1. Symphonie, widmen. Und dass sein immer etwas einfältig wirkender Kollege Verani über den im selben Monat stattgefundenen mythischen Boxkampf Luis Angel Firpos gegen den amtierenden amerikanischen Weltmeister Jack Dempsey, bei dem der argentinische Herausforderer skandalös um den Sieg gebracht wurde, berichtet, steht für ihn außer Frage. Doch Verani entdeckt eine andere kleine Zeitungsnotiz, in der von einer unbekannten Leiche in einem Hotelzimmer in Buenos Aires berichtet wurde. Dieser Artikel lässt ihn nicht mehr los und unbeirrt verfolgt er die Idee, dass es zwischen dem Tod dieses Unbekannten und den beiden historischen Großereignissen irgendeine mysteriöse Verbindung geben könnte. Stoisch lässt er die Belehrungs- und Erklärungsversuche Ledesmas, sei es über die Hintergründe der eigenartigen Freundschaft zwischen Gustav Mahler und Richard Strauss, das Eheleben der Mahlers, dessen Hilfeersuchen bei Siegmund Freud oder aber sogar sporttechnische Ausführungen, über sich ergehen. Ihn interessiert allein der ungeklärte Mord? oder Selbstmord? dieses Ausländers, der just in dem Augenblick eingetreten war, als der skandalöse Sieg Dempseys bekannt gegeben wurde. War das Opfer in einen Wettskandal verstrickt? Gab es Zusammenhänge zwischen den beiden Großereignissen? Immer tiefer dringt Verani mit Hilfe eines Freundes von Roque in den Fall ein. Aber endgültig gelöst wird er mit einem grandiosen Paukenschlag erst auf den letzten Seiten des Buches und zwar 1990 von Roque selbst. Aufbau und das Grundgerüst dieses Romans sind nahezu genial komponiert. Kohan teilt seine Geschichte in siebzehn (da haben wir sie wieder, diese magische Zahl) Kapitel ein, stellvertretend für die siebzehn denkwürdigen Sekunden im Boxkampf Dempsey - Firpo. Ab Kapitel Zehn! werden sie mit Ausrufezeichen versehen, als ginge es darum, den skandalträchtigen Zählvorgang im Ring zu wiederholen. Die Kapitel wiederum (zumindest bis zum Kapitel Zehn!) sind in zehn Absätze gegliedert, welche in wechselnder Folge jeweils den Boxkampf aus unterschiedlichen Sichten, die Streitgespräche zwischen Ledesma und Verani sowie Erinnerungen und Gegenwartserlebnisse von Roque betrachten. Des Weiteren steht die Zahl Drei für verschiedenste Konstellationen: einmal das Dreiergespann Ledesma, Verani und Roque. Dann werden während des Boxkampfes drei unterschiedliche Personen betrachtet (der Champ Dempsey selbst sowie der Ringrichter Gallagher und der Fotograf Mitchell). Alles spielt sich in drei ständig wechselnden Ebenen ab (1923, 1973 und 1990). Diese drei Ebenen offenbaren wiederum einen genialen Konstrukt: Während die Ebene 1923 im Sekundentakt von den siebzehn! legendären Sekunden des Boxkampfes in New York erzählt, rückt die Uhr im Jahr 1990 bei Roques siebzehn!stündigem Aufklärungsversuchen pro Kapitel jeweils stundenweise vor. Die Erinnerungen an das Jahr 1973 erfolgen dagegen in siebzehn! Tageseinheiten. Und es gibt noch jede Menge mehr Gleichnisse. Das alles hört sich sehr kompliziert und verworren an. Zugegeben, das Buch erfordert ein erhöhtes Maß an Konzentration, einmal aufgrund der stets wechselnden Zeit- und Erzählebenen und zum anderen wegen teilweise langer Schachtelsätze, die jedoch durch ihren intelligenten Sprachwitz und der von Seite zu Seite aufgebauten Spannung zu bewältigen sind. Man gerät geradezu in einen Sog der Spannungsabhängigkeit. Vage Andeutungen des Ich-Erzählers und teilweise wunderbar humorvolle Beschreibungen - vor allem der Streitgespräche Verani - Ledesma - tun ihr Übriges und tragen zu erhöhtem Lesegenuss bei. Außerdem ist dieses Buch geradezu ein Pool an Wissenswertem in Bezug auf Gustav Mahler, Richard Strauss und deren Musik (wer weiß schon, dass die Anfangstakte der argentinischen Nationalhymne eine Komposition Richard Strauss' sind). Köstlich, wie aus winzigen Zeiteinheiten - Bruchteilen von Sekunden - einige Buchseiten werden. Man geht mental mit zu Boden, so detailliert werden Vorgänge des Knockouts beschrieben. Und... Ein Konzertführer, mit einem Autor Ledesma, würde Mahlers wunderbare Musik sicher einem breiteren Publikum zugängig machen ;-) Fazit: Martin Kohan durchdringt in diesem postmodernen Roman Zeit und Raum und erschafft ein kunstvolles Gebilde, in welchem er geistreich und humorvoll die Lebensgeschichten völlig unterschiedlicher Menschen genial zu bündeln weiß - denn "alles hat mit allem zu tun", das Konzert, der Boxkampf, der Tote im Hotel. Gleichzeitig erfährt der gewillte Leser eine Fülle höchst aufschlussreicher und interessanter geschichtlicher Informationen, sei es zu Mahler und Strauss, den Aufbau einer Symphonie oder aber den Ablauf eines Boxkampfes. Es mag für den ein oder anderen Leser eine konzentrations- und geduldintensive Herausforderung werden, aber der Weg ist das Ziel. Was anfänglich verwirrend scheint, wird nach und nach entflochten und zwar mit einer derart "großen Klarheit, Konzentration und Ehrfurcht vor dem Augenblick, dass man als Leser selbst ganz demütig wird angesichts der Fülle der Wahrnehmung". "Es gibt Boxkämpfe - oder Symphonien -, die nach dem Höhepunkt noch nicht zu Ende sind." (aus "Sekundenlang" von Martín Kohan) Martin Kohan ist eine erfrischende und lohnende Neuentdeckung, der die große Tradition der lateinamerikanischen Literatur auf neue Weise fortsetzt.

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