Ich weiß nicht, ob ich jemals vorher ein 191-Seiten-Buch in einem Rutsch an einem Tag gelesen habe. Ich bin ein langsamer Leser. Aber „Elektrizität und Himmelsfische“ eines ukrainischen Schriftstellers und einer ukrainischen Teenagerin, die mit ihren Alter Egos ebenfalls die Ich-Erzählenden der Geschichte sind, war einfach wahnsinnig flüssig zu lesen.
Der Roman handelt von der Flucht einer Großfamilie aus der Ukraine im Februar 2022 – obwohl die Worte „Ukraine“, „Russland“ oder tatsächliche Orte nie genannt werden. Die Schilderungen einer Jugendlichen von einem plötzlich ausgebrochenen Krieg sollen zeitlos und allgemeingültig sein.
Jedenfalls sprüht die in moderner Jugendsprache verfasste Odyssee durch endlose Staus und von Motel zu Motel (ich vermeide hier einen Spoiler) nur so vor skurrilen Ideen, spritzigen Formulierungen, philosophischen Betrachtungen und jeder Menge (vor allem verbaler) Action in der im Auto eingepferchten Familie.
Ich bin trotzdem unsicher, ob ich das Buch empfehlen soll. Die Hauptfigur Marzia, die die Flucht als nie endenden Februar 2022 erlebt, ist eigentlich toll. Im Gegensatz zu ihrer hysterischen Familie ist das Mädchen mit den grünen Haaren introvertiert, sprachgewandt und macht sich unglaublich viele Gedanken über das Leben – auch mit literarischen Referenzen, Metaphern und teilweise als unzuverlässige Erzählerin, die in mysteriöse Ereignisse vielleicht mehr hineinphantasiert.
Der Schriftsteller, der in der Rahmenhandlung ihre auf einer absurden Bauanleitung notierten Gedanken veröffentlicht, steht dem in nichts nach und revidiert im Epilog immer wieder die tatsächlichen Geschehnisse. Marzia unterstellt er z. B., wahrscheinlich eine imaginäre Freundin gehabt zu haben.
In all dem ist sehr viel Selbstreferenz auf den Schriftstellerberuf und womöglich die persönlichen Fluchtgeschichten der Autorin und des Autors. Ich hätte wahrscheinlich gerade von Personen, die das selbst erlebt haben, eine realistischere Geschichte erwartet (oder mir gewünscht) – wobei durchaus der Schrecken des Krieges immer wieder durchscheint. Aber es sind auch viel hinterfragende Lebensbetrachtung einer Teenagerin und ungeklärte Mystery-Aspekte.
Dazu kommt, dass dies für ein Jugendbuch sehr intellektuell wirkt. Es steht viel zwischen den Zeilen. Oft habe ich gedacht: „Was für eine coole, hintergründige Idee.“ Und noch öfter war ich einfach nur lost, was jetzt mit einem Gedankengang gemeint war. Schwierig. Ich glaube, als Schullektüre würde ich das Buch erst ab Klasse 10 einsetzen. Ich jedenfalls hätte mit 14 wahrscheinlich noch nicht viel damit anfangen können.
Schließlich noch ein Problem: das Lektorat der Übersetzung. Die Übersetzung an sich ist klasse. Wie schwer muss es sein, das russische Original so treffend in deutsche Jugendsprache zu übertragen?
Aber die Durchsicht davon hat einfach zu viel übersehen (oder ich verstehe die Subtilitäten der Sprache nicht genug, aber dann werden das die Jugendlichen erst recht nicht tun). In der Erzählung wechseln ständig Präsens und Präteritum. Es scheint, als wäre der Text zuerst im Präsens geschrieben, dann komplett überarbeitet worden, aber sehr nachlässig, sodass 25% der Fälle schlicht durchgerutscht sind. Dazu kommt ein Motel, das mal „Ruhe sanft“ und mal „Ruhebank“ heißt, sowie ein paar Kleinigkeiten. Das hätte bei einem derart WICHTIGEN Buch – der literarischen Aufarbeitung des Ukraine-Kriegs und von Flucht für Jugendliche – nicht passieren dürfen, dazu noch bei einem renommierten Verlag wie dtv. So schade für den Einsatz im Unterricht!
Alles in allem ein unterhaltsames Buch, das mir aber etwas zu intellektuell und zu wenig lebensnah angelegt ist. Ein weiterer Stern Abzug für den allgegenwärtigen Fehlerteufel.




