Martin Amis

 3.7 Sterne bei 81 Bewertungen
Autor von Interessengebiet, Pfeil der Zeit und weiteren Büchern.

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Im Vulkan

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Neu erschienen am 12.09.2018 als Hardcover bei Kein & Aber.

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Interessengebiet

Interessengebiet

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Erschienen am 26.04.2017
Pfeil der Zeit

Pfeil der Zeit

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Erschienen am 01.06.2004
Gierig

Gierig

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Erschienen am 13.08.2015
Night Train

Night Train

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Erschienen am 01.02.2001
Haus der Begegnungen

Haus der Begegnungen

 (5)
Erschienen am 20.08.2008
Yellow Dog

Yellow Dog

 (3)
Erschienen am 20.11.2008
Die Hauptsachen

Die Hauptsachen

 (2)
Erschienen am 23.04.2008

Neue Rezensionen zu Martin Amis

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J

Rezension zu "Im Vulkan" von Martin Amis

Engagierte Gelegenheitsarbeiten
jamal_tuschickvor 3 Monaten

Bertolt Brecht konnte nicht schreiben, wenn er erkältet war. Martin Amis nimmt die Frage eines Leserbriefschreibers zum Anlass, sich als Arbeiter am Schreibtisch darzustellen – so abhängig von der Verfassung des Leibes wie jeder, der nur seine Körperkraft im Verein mit einem Können auf den Markt werfen kann. Amis beschreibt seine Produktion als physischen Prozess ohne den Aspekt der Entfremdung. Der Vergleich mit dem Arbeiter humpelt solange, bis man an seiner Stelle einen Athleten auftreten lässt. Der Autor schildert Schreiben als Sport: professionell betrieben auf den Ebenen des Romans; spielerisch-belustigt und angeturnt in Ausnahmesituationen (so wie bei einem London Trip mit Tony Blair im gepanzerten Jaguar auf geräumten Straßen, den Triumphbogen des Constitution Arch tunnelnd und alle roten Ampeln überfahrend) in den Niederungen der Zeitungsprosa. Eine von Daniel Kehlmann herausgegebene Sammlung von Amis‘ Besprechungen und essayistischen Übungen zeigt den hingerissenen und (vom Premier) mitgenommenen Amateur, der ohne professionellen Abstand zu seinen Gegenständen zum Sekretär einer rauschenden Gegenwart wird.

„Nun fällt mir auf, dass der Premierminister nicht angeschnallt ist.“

Amis erklärt Blairs jugendliches Aussehen mit einer Quarantäne: „Zehn Jahre in einer Welt ohne Straßenverkehr.“ Er überliefert, was er zu Blair gesagt hat. Die Reportage „Unterwegs mit Tony Blair“ liest sich, als habe der Staatschef kaum Gelegenheit gefunden, dem Autor gegenüber ausführlich zu werden.

Amis erscheint als Rezensent so engagiert wie Prinz Philipp von Griechenland als Ehemann einer Königin, die zehn Premierminister überlebte und nur bei ihrer Taufe in der Öffentlichkeit auf Contenance verzichtete. Er stürzt sich auf die Titel, Thesen, Termine und Temperamente, die ihm offeriert werden. Er reißt das Thema einer Stunde mit einem intellektuellen Nackenbiss, auf Figuren zur Textaufwertung stets verzichtend. Der Griff einer Frau in ihr Haar, eine obsolete Redewendung oder der verregnete Anblick einer vergessenen Sache lösen Romane aus den Klammern des Vorbewussten. Den Schwung für die Gelegenheitsarbeiten erhält das Golfen auf avancierten Allgemeinplätzen. Der Tod einer traurigen Prinzessin, „die Nachricht erreichte Balmoral Castle um ein Uhr früh am 31. August 1997“, zwang Königin Elisabeth zu Vorspiegelungen, die Amis eine Chance boten, das Haus Windsor introspektiv einzunehmen.

„Die Rede der Königin“ entstand 2002. Im Text kehrt der Autor zurück zum Anfang eines Endes. Er malt sich den jungen Philipp in der Rolle des Verehrers als Habenichts mit „sensationellem Stammbaum“ aus. Er geht steil: „Freud persönlich riet Philipps Mutter, da sie sich einbildete, die Geliebte von Buddha und Jesus zu sein, zu einer Bestrahlung der Eierstöcke, um das Einsetzen des Klimakteriums zu beschleunigen“.

Amis beruft sich auf Orwell in seiner Erklärung, warum die repräsentative Monarchie das XX. Jahrhundert überlebt hat. Angeblich gibt es einen Trutz der Zuneigung, der „fast so alt ist wie die Geschichte. Die Idee, dass der König (die Königin) und das gemeine Volk eine Allianz gegen die herrschende Klasse bilden.“

Manches erscheint so exaltiert, als habe sich ein Troll an der Übersetzung vergriffen. Das gilt zumal für die Titelgeschichte „Im Vulkan“ - in Anspielung auf Malcolm Lowrys Hauptwerk „Unter dem Vulkan“. Ich weiß nicht, ob Amis seine wilden Feststellungen auf der Grundlage einer Biografie traf, die Gordon Bowker unter dem Titel „Pursued by Furies“ veröffentlichte, oder ob er, als Sohn von Kingsley Amis fürstlich informiert, über jeden Zweifel erhabenen Betriebstratsch in die Konsumentensphäre streute. Ich finde die Ladung so überspannt, dass ich das Original vom 12.12.1993 googele. „Demons under the volcano: A new life of Malcolm Lowry shows the 'internal romance' of the boozy, bragging drifter“ liefert dem Text die herabsetzende Überschrift. Die Übersetzung trifft aber jeden Punkt einer irrwitzig engagierten Auseinandersetzung.

„Lowry war zusätzlich mit einem besonders kleinen Penis ausgestattet, was geholfen haben dürfte.“

Wobei denn?

Die Bemerkung wird von negativen Zuschreibungen gerahmt. Der „fünfunddreißig Jahre lang (nahezu ununterbrochen) beschickerte“ Lowry sei unzuverlässig gewesen, ein zwanghafter Lügner und Aufschneider vielmehr.

„Um als Alkoholiker wirklich erfolgreich zu sein, um bis zum Ende durchzuhalten, muss man (noch) eine Reihe anderer Eigenschaften haben: Man muss … vor kaum etwas zurückschrecken, solipsistisch leben, unsicher und unermüdlich.“  Der Satz bricht da ab. Gleichwohl überliefert er den blutleeren Exzess eines Mannes, der sein Leben an die Sucht delegierte, nicht anders als William Seward Burroughs, den Amis unterschlägt.

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leseleas avatar

Rezension zu "Interessengebiet" von Martin Amis

Umstritten - zu Recht!
leseleavor 2 Jahren

Martin Amis‘ Roman Interessengebiet schlug schon vor seinem Erscheinen hohe Wellen: Sein deutscher Verlag, der Hanser-Verlag, schlug die Publikation des Buches aus. Der Kein & Aber-Verlag entschloss sich schließlich zur Veröffentlichung und druckte in kluger Voraussicht ein Zitat aus Der Welt auf den Klappentext: „Vergessen Sie alles, was Sie über diesen Roman gelesen haben. Lesen Sie ihn selbst.“ Das habe ich und andere getan: Im Feuilleton fiel der Roman über weite Strecken durch, im Literarischen Quartett gingen die Meinungen auseinander, hier bei LovelyBooks findet man hingegen durchaus auch positive Bewertungen.

Woran liegt diese Polarisierung? Nun, laut Klappentext geht es im Interessengebiet um eine Liebesgeschichte – eine Liebesgeschichte, die nicht nur während des Nazi-Regimes spielt, sondern direkt im Zentrum seiner Grausamkeit: in Auschwitz! Der SS-Offizier Golo Thomsen verliebt sich in Hannah Doll, die Frau des Lagerkommandanten Paul Doll. Während meiner Recherche nach der Lektüre dieses Buches stieß ich immer wieder auf die Meinung, es sei diese Diskrepanz zwischen Liebesgeschichte und Ort des Massenmordes, die den Roman so verstörend machte und Probleme bei den Lesern hervorrufen würde. Hier kann ich direkt sagen: Das war nicht mein Problem!

Wäre tatsächlich eine Liebesgeschichte erzählt worden, wäre hier tatsächlich von Romantik, ersten Blicken, zaghaften Küssen berichtet geworden – und das im Mitten des höchsten Grauens, das wir uns (nicht) vorstellen können, ich wäre, sofern das bei dieser Thematik geht, begeistert gewesen und hätte den Mut des Autors bewundert, diese beiden Gegensätze vereinen zu wollen. Doch meiner Meinung nach geht es hier nicht um Liebe, sondern um Sex! Auf gefühlt jeder zweiten Seite wird vom Ficken und Vögeln, von Körperteilen diverser Frauen, von Fingern in den Körperöffnungen ebendieser Frauen, von den Bedürfnissen des nationalsozialistischen Mannes an sich geschwafelt. Das Buch ist (für meine Verhältnisse und ich bin eigentlich nicht zartbesaitet) obszön und zwar gewollt. Amis setzt auf Provokation, indem er von sexuellen Gelüsten redet, während ein paar Seiten später jüdische Häftlinge erschossen, ins Gas geschickt, zu Tode geprügelt werden. Er setzt – und das ist mein Problem bei diesem Buch – auf Sex, Drugs und Holocaust!

Das Ganze ist makaber und das soll es auch sein! Der Holocaust wird hier in seiner, von vielen Tätern wohl so empfundenen Belanglosigkeit dargestellt, die nüchterne Industrialisierung diesen Massenmordes wird auf jeder Seite greifbar. Das mag der Realität entsprechen, das mag die grausame Wirklichkeit sein, die in vielen Büchern ausgespart wird – doch es bleibt grenzwertig. Bei fiktiven Romanen über den Holocaust, geschrieben von Autoren, die diese Zeit nicht erlebt haben, muss sich jeder – Schreiber wie Leser – die Frage stellen, wie darüber geschrieben werden kann, was darüber gesagt werden sollte. Hier kommt jeder zu einem anderen Fazit. Mein persönliche Bewertung zu Interessengebiet lautet: Das geht nicht! Für mich ist diese Art des Schreibens im Angesicht der Millionen von Opfer nicht angebracht!

Neben dieser moralischen und dabei zweifelslos persönlichen und emotionalen Bewertung gibt es aber auch „handwerkliche Mängel“, die ich zu kritisieren habe: Die Sprache des Romans ist mir zu gespreizt, die Figuren bleiben blass, klischeehaft und reine Schablonen (der Mitläufer Thomsen, der überzeugte Nationalist Doll, das Opfer Szmul, das zum „Täter“ wird). Es fehlt hier an Tiefe, obwohl ich dem Autor zugestehe, dass dies sicherlich eine Herausforderung ist. Hinzu kommt, dass in diesem Buch – abgesehen nun mal von dem Offensichtlichen – nichts passiert: Die im Klappentext angekündigte Liebesbeziehung verpufft bevor sie angefangen hat, ansonsten hat das Buch keine Handlung, keine Entwicklung. Vielleicht ist das bei diesem Ort des Geschehens auch nicht möglich, dann stellt sich mir aber die Frage, warum dieses Buch geschrieben worden ist. Positiv zu bewerten ist hingegen der ständige Perspektivwechsel der drei oben genannten Figuren, durch die die Geschichte an Dynamik erfährt, fortgeschrieben wird und sogar hin und wieder zu überraschen weiß.

Insgesamt lässt mich Interessengebiet ratlos, angewidert, aufgebracht und zugleich gelangweilt zurück. Worüber hier eigentlich erzählt werden sollte, wird mir bis zum Schluss nicht klar. Das Buch stellt keine Fragen, es bietet keine Antworten. So bleibt bei mir der schale Geschmack zurück, dass hier jemand einfach nur schockieren wollte, über diesen Effekt hinaus sich jedoch kaum Gedanken um die Geschichte und ihre eventuelle Botschaft gemacht hat. Interessengebiet fällt deswegen bei mir durch! 2 von 5 Sternen.

Kommentare: 4
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SteffiWausLs avatar

Rezension zu "Interessengebiet" von Martin Amis

Ein Blick in die Köpfe der Täter
SteffiWausLvor 3 Jahren

Obwohl der Klappentext des Buches die "unmögliche Liebe" zwischen dem SS Offizier Golo Thomsen und der Frau des Lagerkommandanten Hannah beschreibt, so habe ich diese Liebesgeschichte wenn überhaupt nur sehr am Rande wahrgenommen. 
Vielmehr haben sich in diesem Buch die Sichtweisen dreier Männer abgewechselt, die alle mehr oder weniger Täterrollen im KZ Auschwitz inne hatten:
Der Lagerkommandant Paul Doll war vom Charakter her noch am ehesten vorhersehbar; die meiste Zeit über kaltblütig, dabei dumm und blind der Sache ergeben. Interessant waren seine Ängste und Schwächen, allen voran die Unfähigkeit auf Augenhöhe mit seiner Ehefrau Hannah zu sein. Sie beschrieb ihn am Ende als einen furchterregenden kleinen Jungen, der bei etwas Abscheulichem erwischt wurde und noch versuchte zu lächeln - das trifft es tatsächlich ganz gut.
Der Charakter des Obersturmführers Golo Thomsen hat sich mir lange Zeit nicht erschlossen. Zunächst trat er als notorischer Schürzenjäger auf, weshalb mir die Zuneigung zu Hannah als nicht echt erschien, vielmehr hatte ich den Eindruck, sie wäre eine weitere Trophäe in seiner Sammlung.
Auch seine politische und menschliche Einstellung war lange Zeit eher undurchsichtig.
Und auch der Sonderkommandoführer Szmul, der eigentlich Opfer war, und gleichzeitig zum Täter gemacht wurde, gibt Einblicke in seine Gedankenwelt. Seine diabolische Beziehung zum Lagerkommandanten endet in einem tragischen und doch heroischen letzten Akt der Selbstbestimmung und Erhalt seiner Menschlichkeit.

Das Buch ist anders als andere Romane zum Thema Nationalsozialismus, weil die Täter hier im Vordergrund stehen und so intensiv und vielfältig beleuchtet werden. Es ist eine Charakterstudie unter Extrembedingungen. Dieses Buch kann man wahrscheinlich mehrmals lesen, und es werden sich immer weitere Aspekte erschließen.
Ich bin gespannt auf die Besprechung beim Literarischen Quartett nächste Woche.

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