Im Vulkan

von Martin Amis 
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Im Vulkan
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Hervorragender literarischer Journalismus

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Inhaltsangabe zu "Im Vulkan"

Martin Amis porträtiert mit unnachahmlicher Offenheit Salman Rushdie, Steven Spielberg oder Donald Trump, schreibt mit frischer Leichtigkeit über Kafka oder Cervantes, immer brillant über die schwarzen Löcher und toten Winkel unserer Gesellschaft. Seine Stimme bekommt eine sentimentale Tiefe, wenn er von der Königsfamilie erzählt, er begleitet Tony Blair zu Angela Merkel, beobachtet das gleichzeitige Heranströmen von Oktoberfestbesuchern und Flüchtlingen in München, schreibt mit sprachlicher Schärfe über nukleare Aufrüstung und den Krieg gegen das Klischee, stets die Zwischenräume, Auslassungen und Verzerrungen unseres Denkens im Blick. Martin Amis nimmt einen in seinen Texten mit, als wären es Abenteuer, die man am besten zu zweit genießt.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783036957883
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:320 Seiten
Verlag:Kein & Aber
Erscheinungsdatum:12.09.2018

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    jamal_tuschickvor einem Monat
    Kurzmeinung: Hervorragender literarischer Journalismus
    Engagierte Gelegenheitsarbeiten

    Bertolt Brecht konnte nicht schreiben, wenn er erkältet war. Martin Amis nimmt die Frage eines Leserbriefschreibers zum Anlass, sich als Arbeiter am Schreibtisch darzustellen – so abhängig von der Verfassung des Leibes wie jeder, der nur seine Körperkraft im Verein mit einem Können auf den Markt werfen kann. Amis beschreibt seine Produktion als physischen Prozess ohne den Aspekt der Entfremdung. Der Vergleich mit dem Arbeiter humpelt solange, bis man an seiner Stelle einen Athleten auftreten lässt. Der Autor schildert Schreiben als Sport: professionell betrieben auf den Ebenen des Romans; spielerisch-belustigt und angeturnt in Ausnahmesituationen (so wie bei einem London Trip mit Tony Blair im gepanzerten Jaguar auf geräumten Straßen, den Triumphbogen des Constitution Arch tunnelnd und alle roten Ampeln überfahrend) in den Niederungen der Zeitungsprosa. Eine von Daniel Kehlmann herausgegebene Sammlung von Amis‘ Besprechungen und essayistischen Übungen zeigt den hingerissenen und (vom Premier) mitgenommenen Amateur, der ohne professionellen Abstand zu seinen Gegenständen zum Sekretär einer rauschenden Gegenwart wird.

    „Nun fällt mir auf, dass der Premierminister nicht angeschnallt ist.“

    Amis erklärt Blairs jugendliches Aussehen mit einer Quarantäne: „Zehn Jahre in einer Welt ohne Straßenverkehr.“ Er überliefert, was er zu Blair gesagt hat. Die Reportage „Unterwegs mit Tony Blair“ liest sich, als habe der Staatschef kaum Gelegenheit gefunden, dem Autor gegenüber ausführlich zu werden.

    Amis erscheint als Rezensent so engagiert wie Prinz Philipp von Griechenland als Ehemann einer Königin, die zehn Premierminister überlebte und nur bei ihrer Taufe in der Öffentlichkeit auf Contenance verzichtete. Er stürzt sich auf die Titel, Thesen, Termine und Temperamente, die ihm offeriert werden. Er reißt das Thema einer Stunde mit einem intellektuellen Nackenbiss, auf Figuren zur Textaufwertung stets verzichtend. Der Griff einer Frau in ihr Haar, eine obsolete Redewendung oder der verregnete Anblick einer vergessenen Sache lösen Romane aus den Klammern des Vorbewussten. Den Schwung für die Gelegenheitsarbeiten erhält das Golfen auf avancierten Allgemeinplätzen. Der Tod einer traurigen Prinzessin, „die Nachricht erreichte Balmoral Castle um ein Uhr früh am 31. August 1997“, zwang Königin Elisabeth zu Vorspiegelungen, die Amis eine Chance boten, das Haus Windsor introspektiv einzunehmen.

    „Die Rede der Königin“ entstand 2002. Im Text kehrt der Autor zurück zum Anfang eines Endes. Er malt sich den jungen Philipp in der Rolle des Verehrers als Habenichts mit „sensationellem Stammbaum“ aus. Er geht steil: „Freud persönlich riet Philipps Mutter, da sie sich einbildete, die Geliebte von Buddha und Jesus zu sein, zu einer Bestrahlung der Eierstöcke, um das Einsetzen des Klimakteriums zu beschleunigen“.

    Amis beruft sich auf Orwell in seiner Erklärung, warum die repräsentative Monarchie das XX. Jahrhundert überlebt hat. Angeblich gibt es einen Trutz der Zuneigung, der „fast so alt ist wie die Geschichte. Die Idee, dass der König (die Königin) und das gemeine Volk eine Allianz gegen die herrschende Klasse bilden.“

    Manches erscheint so exaltiert, als habe sich ein Troll an der Übersetzung vergriffen. Das gilt zumal für die Titelgeschichte „Im Vulkan“ - in Anspielung auf Malcolm Lowrys Hauptwerk „Unter dem Vulkan“. Ich weiß nicht, ob Amis seine wilden Feststellungen auf der Grundlage einer Biografie traf, die Gordon Bowker unter dem Titel „Pursued by Furies“ veröffentlichte, oder ob er, als Sohn von Kingsley Amis fürstlich informiert, über jeden Zweifel erhabenen Betriebstratsch in die Konsumentensphäre streute. Ich finde die Ladung so überspannt, dass ich das Original vom 12.12.1993 googele. „Demons under the volcano: A new life of Malcolm Lowry shows the 'internal romance' of the boozy, bragging drifter“ liefert dem Text die herabsetzende Überschrift. Die Übersetzung trifft aber jeden Punkt einer irrwitzig engagierten Auseinandersetzung.

    „Lowry war zusätzlich mit einem besonders kleinen Penis ausgestattet, was geholfen haben dürfte.“

    Wobei denn?

    Die Bemerkung wird von negativen Zuschreibungen gerahmt. Der „fünfunddreißig Jahre lang (nahezu ununterbrochen) beschickerte“ Lowry sei unzuverlässig gewesen, ein zwanghafter Lügner und Aufschneider vielmehr.

    „Um als Alkoholiker wirklich erfolgreich zu sein, um bis zum Ende durchzuhalten, muss man (noch) eine Reihe anderer Eigenschaften haben: Man muss … vor kaum etwas zurückschrecken, solipsistisch leben, unsicher und unermüdlich.“  Der Satz bricht da ab. Gleichwohl überliefert er den blutleeren Exzess eines Mannes, der sein Leben an die Sucht delegierte, nicht anders als William Seward Burroughs, den Amis unterschlägt.

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