Martin Amis Interessengebiet

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Inhaltsangabe zu „Interessengebiet“ von Martin Amis

Es ist Liebe auf den ersten Blick, die Golo Thomsen wie ein Blitz trifft, als er
Hannah Doll begegnet. Was wie eine oft erzählte Liebesgeschichte beginnt,
nimmt einen ungewohnten Verlauf – denn Schauplatz ist Auschwitz, Thomsen
arbeitet für die Buna-Werke, und Hannah ist die Frau des Lagerkommandanten.
Martin Amis wirft in seinem grandiosen Roman ein grelles Licht auf das Tätermilieu. Die überraschenden Züge, die dadurch hervortreten, beschreiben ein
Universum der Widersprüche, das auf Amis’ moralischer Neugier für das menschliche Wesen fußt. Können wir uns noch in die Augen blicken, nachdem wir gesehen haben, wer wir wirklich sind? Ein beunruhigender, meisterhaft geschriebener
und unendlich trauriger Roman.

Wovon soll hier erzählt werden? Das Buch (samt Nachwort des Autors) bleibt eine Antwort schuldig. Für mich zu plakativ!

— leselea

Ein Blick in die Köpfe der Täter - sehr interessant, manchmal überraschend und gänzlich ohne in Klischees abzutauchen

— SteffiWausL

Realsatirischer Humor im KZ mit der nötigen Portion Ernst und Recherche. Wie wurden die Menschen in den Lagern zu Tätern und Opfern?

— Ein LovelyBooks-Nutzer

Sehr verstörend und die Intentionen des Autors bleiben mir streckenweise verschlossen. Dennoch ein berührendes Werk.

— miro76

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    Interessengebiet

    leselea

    30. October 2016 um 17:10

    Martin Amis‘ Roman Interessengebiet schlug schon vor seinem Erscheinen hohe Wellen: Sein deutscher Verlag, der Hanser-Verlag, schlug die Publikation des Buches aus. Der Kein & Aber-Verlag entschloss sich schließlich zur Veröffentlichung und druckte in kluger Voraussicht ein Zitat aus Der Welt auf den Klappentext: „Vergessen Sie alles, was Sie über diesen Roman gelesen haben. Lesen Sie ihn selbst.“ Das habe ich und andere getan: Im Feuilleton fiel der Roman über weite Strecken durch, im Literarischen Quartett gingen die Meinungen auseinander, hier bei LovelyBooks findet man hingegen durchaus auch positive Bewertungen. Woran liegt diese Polarisierung? Nun, laut Klappentext geht es im Interessengebiet um eine Liebesgeschichte – eine Liebesgeschichte, die nicht nur während des Nazi-Regimes spielt, sondern direkt im Zentrum seiner Grausamkeit: in Auschwitz! Der SS-Offizier Golo Thomsen verliebt sich in Hannah Doll, die Frau des Lagerkommandanten Paul Doll. Während meiner Recherche nach der Lektüre dieses Buches stieß ich immer wieder auf die Meinung, es sei diese Diskrepanz zwischen Liebesgeschichte und Ort des Massenmordes, die den Roman so verstörend machte und Probleme bei den Lesern hervorrufen würde. Hier kann ich direkt sagen: Das war nicht mein Problem! Wäre tatsächlich eine Liebesgeschichte erzählt worden, wäre hier tatsächlich von Romantik, ersten Blicken, zaghaften Küssen berichtet geworden – und das im Mitten des höchsten Grauens, das wir uns (nicht) vorstellen können, ich wäre, sofern das bei dieser Thematik geht, begeistert gewesen und hätte den Mut des Autors bewundert, diese beiden Gegensätze vereinen zu wollen. Doch meiner Meinung nach geht es hier nicht um Liebe, sondern um Sex! Auf gefühlt jeder zweiten Seite wird vom Ficken und Vögeln, von Körperteilen diverser Frauen, von Fingern in den Körperöffnungen ebendieser Frauen, von den Bedürfnissen des nationalsozialistischen Mannes an sich geschwafelt. Das Buch ist (für meine Verhältnisse und ich bin eigentlich nicht zartbesaitet) obszön und zwar gewollt. Amis setzt auf Provokation, indem er von sexuellen Gelüsten redet, während ein paar Seiten später jüdische Häftlinge erschossen, ins Gas geschickt, zu Tode geprügelt werden. Er setzt – und das ist mein Problem bei diesem Buch – auf Sex, Drugs und Holocaust! Das Ganze ist makaber und das soll es auch sein! Der Holocaust wird hier in seiner, von vielen Tätern wohl so empfundenen Belanglosigkeit dargestellt, die nüchterne Industrialisierung diesen Massenmordes wird auf jeder Seite greifbar. Das mag der Realität entsprechen, das mag die grausame Wirklichkeit sein, die in vielen Büchern ausgespart wird – doch es bleibt grenzwertig. Bei fiktiven Romanen über den Holocaust, geschrieben von Autoren, die diese Zeit nicht erlebt haben, muss sich jeder – Schreiber wie Leser – die Frage stellen, wie darüber geschrieben werden kann, was darüber gesagt werden sollte. Hier kommt jeder zu einem anderen Fazit. Mein persönliche Bewertung zu Interessengebiet lautet: Das geht nicht! Für mich ist diese Art des Schreibens im Angesicht der Millionen von Opfer nicht angebracht! Neben dieser moralischen und dabei zweifelslos persönlichen und emotionalen Bewertung gibt es aber auch „handwerkliche Mängel“, die ich zu kritisieren habe: Die Sprache des Romans ist mir zu gespreizt, die Figuren bleiben blass, klischeehaft und reine Schablonen (der Mitläufer Thomsen, der überzeugte Nationalist Doll, das Opfer Szmul, das zum „Täter“ wird). Es fehlt hier an Tiefe, obwohl ich dem Autor zugestehe, dass dies sicherlich eine Herausforderung ist. Hinzu kommt, dass in diesem Buch – abgesehen nun mal von dem Offensichtlichen – nichts passiert: Die im Klappentext angekündigte Liebesbeziehung verpufft bevor sie angefangen hat, ansonsten hat das Buch keine Handlung, keine Entwicklung. Vielleicht ist das bei diesem Ort des Geschehens auch nicht möglich, dann stellt sich mir aber die Frage, warum dieses Buch geschrieben worden ist. Positiv zu bewerten ist hingegen der ständige Perspektivwechsel der drei oben genannten Figuren, durch die die Geschichte an Dynamik erfährt, fortgeschrieben wird und sogar hin und wieder zu überraschen weiß. Insgesamt lässt mich Interessengebiet ratlos, angewidert, aufgebracht und zugleich gelangweilt zurück. Worüber hier eigentlich erzählt werden sollte, wird mir bis zum Schluss nicht klar. Das Buch stellt keine Fragen, es bietet keine Antworten. So bleibt bei mir der schale Geschmack zurück, dass hier jemand einfach nur schockieren wollte, über diesen Effekt hinaus sich jedoch kaum Gedanken um die Geschichte und ihre eventuelle Botschaft gemacht hat. Interessengebiet fällt deswegen bei mir durch! 2 von 5 Sternen.

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    • 5
  • Ein Blick in die Köpfe der Täter

    Interessengebiet

    SteffiWausL

    05. December 2015 um 10:25

    Obwohl der Klappentext des Buches die "unmögliche Liebe" zwischen dem SS Offizier Golo Thomsen und der Frau des Lagerkommandanten Hannah beschreibt, so habe ich diese Liebesgeschichte wenn überhaupt nur sehr am Rande wahrgenommen.  Vielmehr haben sich in diesem Buch die Sichtweisen dreier Männer abgewechselt, die alle mehr oder weniger Täterrollen im KZ Auschwitz inne hatten: Der Lagerkommandant Paul Doll war vom Charakter her noch am ehesten vorhersehbar; die meiste Zeit über kaltblütig, dabei dumm und blind der Sache ergeben. Interessant waren seine Ängste und Schwächen, allen voran die Unfähigkeit auf Augenhöhe mit seiner Ehefrau Hannah zu sein. Sie beschrieb ihn am Ende als einen furchterregenden kleinen Jungen, der bei etwas Abscheulichem erwischt wurde und noch versuchte zu lächeln - das trifft es tatsächlich ganz gut. Der Charakter des Obersturmführers Golo Thomsen hat sich mir lange Zeit nicht erschlossen. Zunächst trat er als notorischer Schürzenjäger auf, weshalb mir die Zuneigung zu Hannah als nicht echt erschien, vielmehr hatte ich den Eindruck, sie wäre eine weitere Trophäe in seiner Sammlung. Auch seine politische und menschliche Einstellung war lange Zeit eher undurchsichtig. Und auch der Sonderkommandoführer Szmul, der eigentlich Opfer war, und gleichzeitig zum Täter gemacht wurde, gibt Einblicke in seine Gedankenwelt. Seine diabolische Beziehung zum Lagerkommandanten endet in einem tragischen und doch heroischen letzten Akt der Selbstbestimmung und Erhalt seiner Menschlichkeit. Das Buch ist anders als andere Romane zum Thema Nationalsozialismus, weil die Täter hier im Vordergrund stehen und so intensiv und vielfältig beleuchtet werden. Es ist eine Charakterstudie unter Extrembedingungen. Dieses Buch kann man wahrscheinlich mehrmals lesen, und es werden sich immer weitere Aspekte erschließen. Ich bin gespannt auf die Besprechung beim Literarischen Quartett nächste Woche.

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