Martin Gregor- Dellin Verkappte Religionen

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Inhaltsangabe zu „Verkappte Religionen“ von Martin Gregor- Dellin

Hrsg. Gregor-Dellin, Martin 257 S.

Erschienen 1924, von Carl Christian Bry, ist es ein zeitloses Buch, heute so aktuell wie damals. Untertitel: Kritik des kollektiven Wahns

— Hildur
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  • Sperrig und zeitlos!

    Verkappte Religionen

    Hildur

    18. September 2015 um 01:07

    Das Buch „Verkappte Religionen – Kritik des kollektiven Wahns“ von Carl Christian Bry erschien 1924 bei Perthes in Gotha. Der Autor war damals 31 Jahre alt und starb 1926. Er hat „in über vierhundert Feuilletons ..über Literatur, Kunst und Politik seiner Zeit berichtet,“ so im Vorwort des Herausgebers Martin Gregor-Dellin, „und die hellsichtige, zum Teil sogar prophetische Kritik … hätte ihn aber das Jahr 1933 in Deutschland kaum überleben lassen.“ Martin Gregor-Dellin ist es zu verdanken, dass das Buch 1988 bei Greno neu aufgelegt wurde und so erhalten geblieben ist. Es geht um „verkappte Religionen“ im Gegensatz zu den „echten Religionen“. Unter diesen Begriff fasst Bry alles zusammen, was an sich scheinbar nichts miteinander zu tun hat: „Esperanto, Eurythmie, Übermensch, Faustexegese, ‚Shakespeare ist Bacon‘, die Theosophie Steiners, Gesundbeten, Kommunismus, Psychoanalyse, Pazifismus, Brechung der Zinsknechtschaft, Antialkoholismus, Nacktkultur, Bibelforschung, …. (aus dem Klappentext). Dabei geht es weniger um die Inhalte dieser „Lehren“, sondern um die Art und Weise, wie sie vertreten werden. Definiert sich der Religiöse daraus, für etwas zu sein, so definiert sich nach Bry der verkappt Religiöse daraus, gegen etwas zu sein. Sieht der Religiöse in jedem kleinsten Ding die ganze Größe der Schöpfung, so schrumpft für den verkappt Religiösen jedes Thema, jeder Gegenstand und sei es eine noch so große Idee zu einer Bestätigung seiner engen Perspektive zusammen. Diese Grundgedanken führt er an zahlreichen Beispielen und Theorien aus.    Man muss sich auf die Sprache und die Begriffe einlassen, die erst mal Distanz schaffen. Doch dann hat das Buch plötzlich eine frappierende Realität. Und dann macht es großen Spaß, z. B. über die verkappten Religionen zu lesen, die den Willen in irgendeiner Form zum Mittelpunkt machen. „Sie reichen von den Wie-werde-ich-energisch-Büchern bis zum Übermenschen, von dem Angestellten, der sein Gehalt verbessern will, bis zum Philosophen, der die Frage nach dem Zweck des Menschengeschlechts beantworten will.“ Das „Wie werde ich energisch“ entwickelte sich schon damals zur Scherzfrage, aber „verkleidet in neuem Rocke“, erwähnt er die „Willenschule“, „die Kunst der Konzentration“, „die Überwindung von Hemmungen“, „das Tatmenschentum“, „die Kunst, die 24 Tagesstunden richtig auszunutzen“ und vieles andere mehr. Oder wenn ein „Heiratsgesuch in der ‚Vegetarischen Warte‘“ zitiert wird: „Lebensreformer, Anfang der Dreißiger, gebildet, wünscht mit gebildetem deutschen Mädel zwecks Heirat in Verbindung zu treten. Bedingungen: Alter etwa 17 bis 22 Jahre, arisch-germanischer Rasse, blondes Haar, langschädelig, gezeugt und geboren von streng vegetarisch lebenden Eltern, an Mutterbrust gestillt, vegetarisch ernährt und in lebensreformerischem Sinn erzogen …“ Und wird plötzlich sehr ernst, wenn Bry das Hinterwäldlertum der Rassegläubigen beschreibt, wenn er 1924 (!)den so weit verbreiteten Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen und seiner Widersprüchlichkeit beschreibt: „Da ist zuerst der bedingungslose und grenzenlos gläubige Antisemit. … Er beschuldigt den Juden zugleich des Ritualmordes und des blutleeren Intellektualismus. Der Jude ist nach seiner Schilderung ein geiziges Geldungeheuer, das doch unsere Kunst durch seine snobistisch hohen Preise verdirbt. Er ist ein krasser Egoist und chloroformiert doch Staat und Gesellschaft durch caritative Einrichtungen. …“ Und abschließend zu dem – leider sehr falschen Schluss kommt: „Die Antisemiten von 1924 wissen nicht recht, was sie nach der Erringung der Macht mit dem Juden anfangen sollen. Selbst die wildesten unter ihnen denken doch nur an Konzentrations-Gefangenenlager für Juden; und wahrscheinlich wären sie in außerordentlicher Verlegenheit, was sie weiterhin mit ihren Gefangenen beginnen sollen.“ Auch dieses Thema ist aber nur eines der vielen, an denen Bry die Kennzeichen der verkappten Religionen beschreibt. In der Neuauflage von 1988 sind auch die Aufzeichnungen von Bry nach Erscheinen seines Buches redaktionell aufgearbeitet und wiedergegeben. Darin geht es um die Resonanz auf das Buch, Missverständnisse und noch offene Fragen wie z. B. die, warum denn die Kirchen das Auftauchen der verkappten Religionen nicht vermeiden oder unterbinden konnten.   Manche der Themen, die Bry behandelt, haben mich nicht interessiert, oder sind schon lange überholt, und doch war es für mich immer wieder spannend, seine scharfsinnige Entlarvung der manchmal sehr verkappten Religionen nachzuvollziehen und mir dann selbst ein Urteil zu bilden. Und irgendwann beim Lesen zu erkennen, dass es nicht ein bestimmtes Thema ist, das eben eine verkappte Religion ist, sondern dass es darum geht, wie mit diesem Thema umgegangen wird. Und dass selbst die edelste Religion – ich würde lieber den Begriff „Glaube“ verwenden - nicht dagegen gefeit ist, von einzelnen ihrer Vertreter zu einer verkappten Religion – ich würde den Begriff „Ideologie“ verwenden – gemacht zu werden. Und, noch schlimmer, dass ich selbst auch hier und da in Gefahr stehe, ein Thema, das mich gerade sehr beschäftigt, in eine verkappte Religion zu verwandeln und mich da immer wieder einjustieren muss. Dazu ist dieses Buch sehr hilfreich.   Fazit: Ein sperriges, zeitloses Buch, Anwendung mehrmals wöchentlich in kleinen Portionen unbedingt zu empfehlen!

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