Wie können wir unsere Natur und den Planeten retten? Martin Häuser schreibt hier ein emotionales teils wütendes und gleichzeitig sachlich fundiert recherchiertes Buch zum Thema Ökozid und die Sphären Klima, Luft, Wasser, Boden und Biodiversität. Er klagt die Täter an und macht sich auf die Suche nach diesen und gibt Ihnen ein Gesicht. Die CEOs und Top-Manager der Großkonzerne. Es geht um nichts weniger als die Anklage dieser vor Gerichten. „Unsere Gesellschaft wird von Verrückten geführt für verrückte Ziele.“ John Lennon.
Das Buch ist im stabil broschierten Softcover herausgegeben. Die Illustrationen durch Romina Rosa sind modern, frech anklagend und mit Schaubildern sowie Grafiken untersetzt. Grün, Rot und Gelb dominieren sehr beeindruckend. Das Cover ist beispielgebend für die Illustrationen im Buch und zeigt eine Menschenmenge von jung bis alt die an einem Tau gegen zwei Männer zieht und protestiert. Die Sprache ist durch die vielen Fakten fordernd und sehr klar wertend und dann teils derb positionierend. Es gibt Interviews mit vielen Wissenschaftlern und fünf Kapitel über die Öko-Sphären sowie Einleitung und Schluss-Appell. Darauf folgen die unbeantworteten Fragen an die CEOs sowie zwölf Seiten Quellenhinweise und eine kurze Vorstellung des Autors sowie der Illustratorin. Ein Buch, was gehört werden will und eine klare Botschaft sendet. „Darf man Parallelen ziehen zwischen den Tätern von Genoziden und den Tätern des aktuell laufenden Ökozids?“ Häusler beantwortet die Frage klar mit JA und zieht dementsprechend u.a. mit dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte auch die klaren Konsequenzen daraus. Eine krasse Botschaft, der jedoch klare Handlungen jenseits von Protesten und Demonstrationen folgen.
„7,3 Billionen Dollar in Ressourcen werden der Natur jedes Jahr geraubt.“ Über 30 Klimakonferenzen, über 15 Artenschutzkonferenzen, der Wissenschaftsbetrieb ist sich nahezu einig, dass alles bisher Unternommene sowohl viel zu spät kommt als auch viel zu kurz greift. Die Artenvielfalt wird immer poröser. Häusler beschreibt das totale Dilemma der Welt von seiner Heimat in Leverkusen wie aus einem Brennglas. „Der Kampf, sich der Konzerne zu entledigen, mag unmöglich erscheinen, aber es ist für unser Überleben absolut notwendig. Es ist wohl kaum radikal vorzuschlagen, jemanden aufzuhalten, der im Begriff ist, uns zu töten.“ Radikal und klar formuliert beginnt Häusler hier die Anklage und untersetzt diese mit Fakten und zieht dazu Anwälte, Wissenschaftler und Politiker heran. Es geht um den Ausverkauf irdischer Sphären: Klima, Luft, Wasser, Boden und Biodiversität. „Erst wird ausgebeutet, den Dreck gibt’s Retour. Dazwischen liegt der Profit.“ Noch 1988 durfte Bayer täglich legal 2.000 Tonnen Chemieabfälle in den Rhein leiten. Die Biomasse aller wild lebenden Säugetiere liegt bei 2%. Die Biomasse der Nutztiere ohne Geflügel liegt bei 63%. Die Chemikalie, die die Nazis in den Gaskammern ihrer Konzentrationslager nutzten, das Insektizid Zyklon B, wird immer noch produziert und z.B. zur Holzbehandlung eingesetzt.
Es sind rund 100 CEOs, die das Schicksal des Planeten in der Hand haben. 100 Top-Manager haben in den vergangenen 25 Jahren für 71 Prozent der Treibhausgasemissionen gesorgt. Es geht Häusler nicht darum, was der Einzelne für die Natur tun kann, sondern es geht um das große Ganze. „Neun Millionen Menschen sterben jedes Jahr verfrüht an den Folgen von Umweltverschmutzung!“ Häusler fordert Kampagnen und Medienpräsenz dieser Folgen wie Berichte aus Kriegsgebieten. „Ein Mensch aus dem reichsten Prozent der Erden verursacht in einem Jahr so viel Treibhausgas wie ein armer Mensch in 1.500 Jahren oder anders: die jährlichen globalen Emissionen des superreichen einen Prozents der Weltbevölkerung macht die Kohlenstoffeinsparungen von fast einer Million Onshore-Windturbinen zunichte.“ Häusler meckert nicht nur, sondern hat klar die Lösungen parat und benennt diese: Tief greifend, sofort und alle umzusetzen.
Konzernbosse nennt er Palliativbegleiter und Lobbyisten als Medikamentenbeschaffer. „Warum schenken wir wenigen Konzernbossen mehr Glauben als vielen Wissenschaftlern?“ Er beschreibt ein System von Geld und Lobby, denen gemeinnützige Organisationen fast nichts entgegenzusetzen haben. Es geht um materielle, soziale und mentale Ressourcen.
Cargill, Bayer, Abhängigkeiten, Bauernverband, usw. sind die Player – trotz der vielfach angekündigten Transformationen bleiben die Fußabdrücke der Großkonzerne auf die globalen Ökosysteme riesig. In den USA wurden bereits 154.000 Klagen gegen Bayer/Monsanto angestrengt. Bayer ist nur noch 54 Mrd. Euro wert. Zum Vergleich, die Übernahme von Monsanto kostete Bayer 58 Mrd. Euro.
Glyphosat, Pestizide und weitere Abfälle sind die Killer. Bis zu 80% der Insekten in deutschen Schutzgebieten sind verschwunden.
„Wir wissen, wer für die Nationen spricht. Aber wer spricht für die Menschheit? Wer tritt für die Erde ein?“ Wo das Geld liegt, liegt die Lösung. Da wo die Milliardengewinne landen, da liegt die Lösung. Falsche Subventionen, Konzessionen und Zulassungsverlängerungen hochbedenklicher Produkte und Geschäftsmodelle müssen politisch umgeleitet werden. „Einige Leute träumen davon, aus dem Mars eine zweite Erde zu formen. Wir formen jedoch gerade aus der Erde einen zweiten Mars.“ Enric Sala, Explorer-in-Residence bei der National Geographic Society. Wir müssen unsere Definition von Krieg ausweiten.
Radikal und doch irgendwie konkret real. Ein sehr spannendes Buch mit krassen Lösungsansätzen. Anklage im großen Stil. Die Zeit der Großmanager ist abgelaufen – nicht unsere, nicht die der Erde.
5 Plädoyers für die Erde. Ein lesenswertes Buch, bei dem es um das große Ganze geht. Und zwar jetzt.
„Reine Luft, reines Wasser und weniger Lärm dürfen keine papierenen Forderungen bleiben. Es ist bestürzend, dass diese Gemeinschaftsaufgabe, bei der es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, bisher fast völlig vernachlässigt wurde.“ Willy Brandt, 1961
„Nichts kommt von selbst und nur wenig ist von Dauer.“ Willy Brandt, 1992.
Anklagen jetzt! Unsere entscheidenden Jahre.