Dieses Jahr wäre Thomas Mann 150 Jahre alt geworden, und das wird hierzulande entsprechend gefeiert. Ich hatte auch kurz die Vision, endlich einmal mehr von ihm zu lesen und vielleicht sogar regelmäßig an einem Thomas-Mann-Lesekreis teilzunehmen. Das hat leider bisher nicht geklappt, ich habe gerade mal den Tod in Venedig sowie eine weitere Kurzgeschichte geschafft (und vor Jahren schon die Buddenbrooks, immerhin). Aber noch ist das Jahr nicht vorbei …
Dafür habe ich ein Buch über Thomas Mann gelesen, konkret eins über seine Jahre im kalifornischen Exil. Der Titel führt ein wenig in die Irre, denn Heimweh hat der Autor Mann eigentlich nicht, zumindest nicht nach Deutschland. Das ist nach eigener Aussage ja sowieso dort, wo er sich befindet. Und darüber, ob Kalifornien wirklich ein Paradies ist, lässt sich vermutlich streiten, spielen da doch viele Faktoren eine Rolle. Für Thomas Mann mag es eins gewesen sein, er hatte sowohl Geld, Anerkennung und eine Aufenthaltsgenehmigung, seine Meinung war gefragt und sein Einfluss groß. Doch so ging es nicht allen Menschen im Exil, auch wenn die Nachbarschaft viele bekannte Namen beherbergte, darunter Vicki Baum, Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno und Arnold Schönberg. Es herrschten Geldmangel und Bedeutungsverlust, ein Kampf mit der neuen Sprache und der fremden Kultur. Nur Thomas Mann konnte einfach da weitermachen, wo er in Europa aufgehört hatte, als inzwischen überzeugter Demokrat und Gegner Hitlers durfte er sogar Reden an die deutsche Bevölkerung schreiben, die dann von der BBC ausgestrahlt wurden. Martin Mittelmeier nähert sich Manns Jahren im Exil literarisch an, er stützt sich unter anderem auf Briefe und Tagebucheinträge und lässt dadurch eine Nähe entstehen, die uns als Leser*innen fast mit am Tisch sitzen lässt. Es geht um Begegnungen und Gespräche, aber auch um die Romanprojekte, die in diesen Jahren entstehen: „Doktor Faustus“ und der vierte Band der „Joseph“-Tetralogie. Besonders spannend fand ich aber die Einbettung Manns in die Exilgemeinde, die in all ihren Unterschieden und Zwistigkeiten dargestellt wird. Thomas Mann ist der ungekrönte König der deutschen Flüchtlinge in Kalifornien – eine Rolle, die er als gegeben ansieht und die trotzdem nicht von allen gutgeheißen wird. Er ist privilegiert, ohne dies infragezustellen, und dadurch durchaus blind für seine Umgebung. Der Schriftsteller ist mir als Mensch nicht unbedingt sympathischer geworden, umso spannender fand ich jedoch die Schilderung der deutschen Community und Manns Rolle als antifaschistische Galionsfigur. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die mehr über Thomas Mann erfahren wollen und/oder sich für die Verflechtungen der deutschen Kulturschaffenden interessieren, die vor den Nazis in die USA geflohen sind.


















