Es ist April 1945. Die letzten Tage des zweiten Weltkrieges sind angebrochen, und auch im Osten von Österreich weiß das im Grunde jeder. Die sowjetische Armee hat schon weite Teile des östlichen Flachlandes eingenommen, doch nun bewegt sie sich überraschenderweise seit Wochen nicht weiter. Klar ist fast allen, der Krieg wird demnächst enden. Selbst die größten Fanatiker zweifeln daran, dass die versprochene Wunderwaffe im letzten Moment noch zum Einsatz kommen würde. Wer pragmatisch ist, will diese letzte Zeit nur noch überleben. Nicht unnötig im Volkssturm sein Leben opfern oder auf eine andere Art den letzten Kriegstagen zum Opfer fallen.
Doch auch in dieser Zeit gibt es jene, die unbarmherzig morden, bis zum letztmöglichen Moment, aus persönlicher Rache, aus Ideologie, aus Unterwürfigkeit, weil sie es können, warum auch immer. Die ihre Feinde am liebsten öffentlichkeitswirksam und als Verräter gebrandmarkt hängen und die Leichen zur Abschreckung tagelang baumeln lassen. Wer ins Visier der HJ und der sonstigen verbleibenden Nazis gekommen ist, egal wie minder das eigene angebliche Vergehen, der muss um sein Leben fürchten. Selbst Polizisten, Kranke oder Verwundete sind nicht sicher vor dem Vorwurf, sich dem Volkssturm nicht angeschlossen zu haben oder die Wehrmacht zu zersetzen. Jegliche Akte der Menschlichkeit etwa gegenüber früheren Kriegsgefangenen oder Menschen aus anderen Ländern machen einen der Kollaboration verdächtig. Und manchmal braucht es auch gar nichts außer Pech, um gefangen genommen und gehängt zu werden. Nicht einmal halbe Kinder sind davor sicher.
Die Gerichtsakten der Täter aus dem Jahr 1947, als sie wegen Kriegsverbrechen schließlich selbst zum Tode verurteilt wurden, sind erhalten geblieben. Und darin wird nachlesbar, wie sie sich rauszureden versuchen, nichts zugeben wollen, die Schuld auf andere oder die Umstände schieben oder nichts gewusst und nichts mitbekommen haben wollen, sich an nichts erinnern wollen, solange es nicht schwarz auf weiß bewiesen werden kann.
Es ist einigen mutigen Menschen zu verdanken, dass diese Gerichtsakten und damit auch die Geschichten all der unschuldigen Opfer der Mörder der letzten Tage erhalten geblieben sind. Lange gab es auch in der Gemeinde Reichenau an der Rax, am Rande der Alpen - da, wo die Sowjetarmee erst etwas später hingekommen ist - wie an so vielen anderen Orten wenig Interesse an Dokumentation und Aufarbeitung. Doch einer hat mutig die Informationen aus den Gerichtsakten geordnet und gesammelt, ein anderer sie kopiert und archiviert, und am Ende wurde der Schriftsteller Martin Prinz gebeten, daraus etwas zu machen.
Das Ergebnis finden wir hier. Als "Roman" würde ich diese Ansammlung an Gerichtsprotokollen, ab und zu unterbrochen durch kurze literarische Einschübe in der Du-Form, die sich an die Ermordeten richten, nur unter einer sehr weiten Auffassung dieses Begriffes bezeichnen. Es sind Gerichtsakten und die lesen sich wie solche - durchaus nüchtern und trocken, doch gerade durch das Bewahren der ursprünglichen Sprache wird so viel von der Feigheit der Täter unmittelbar spürbar. "Eine Sprache, die immer wieder in jenem Konjunktiv landet, der die Wirklichkeit jeder Tat zur bloßen Annahme aushöhlt", wie der Autor seine Vorgangsweise im Nachwort begründet.
Das Buch war für mich aufgrund dieser sperrigen Sprache, und auch, weil es zwar durchaus chronologisch die Ereignisse der letzten Kriegstage wiedergibt, aber nicht in der üblichen bekannten Form den Spannungsbogen einer durchgängigen Erzählung aufweist, sondern viele Einzelschicksale kurz porträtiert, sehr herausfordernd zu lesen. Es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, diese Anstrengung auf mich zu nehmen, da ich dadurch auf authentische Weise einen Eindruck von den Denk-, Sprech- und Handlungsweisen der Täter, aber auch von der Atmosphäre der letzten Kriegstage im Osten von Österreich bekommen habe - und weil dadurch der Schicksale der Opfer gedacht wird. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich mit diesem düsteren Thema zu befassen und sich dafür auf ein sperriges Buch einzulassen, das im Gedächtnis bleiben wird.