Bayrische Trilogie

von Martin Sperr 
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Bayrische Trilogie
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Inhaltsangabe zu "Bayrische Trilogie"

»Martin Sperr besaß das Talent, mit pointiert gesetztem Dialekt an einer neuen, sozialistischen Heimatsaga zu schreiben. Er war, noch vor seinem Landsmann Franz Xaver Kroetz, ein Wiedererfinder des realistisch-poetischen Volksstücks: Nachfahre Ödön von Horvaths und der damals gerade wiederentdeckten Marieluise Fleißer.« Der Tagesspiegel

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518365281
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:176 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:31.01.1972

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    Kopf-Kinos avatar
    Kopf-Kinovor 3 Jahren
    Ein Panoptikum des Bösen

    Es ist noch niemand hinter ihm her. Aber er weiß, daß die Jagd beginnt.

    Die Bewohner des Dorfes Reinöd in Niederbayern versuchen, nach dem zweiten Weltkrieg, wieder in ihren gewohnten Alltag zurückzukehren – doch die Idylle trügt, die dörflichen Kleinkriege gehen hinter der Kulisse weiter. Bald schon eskaliert die Lage und entlädt sich in einer organisierten Jagd voller Hass.

    Sie erzählen auch vom Umbringen und von Wunden. Manche können sich nur schwer daran gewöhnen, daß der Krieg aus ist. Daß das Leben weitergeht: Ohne Feind und ohne die anderen Kerle und das, was sie Kameradschaft nennen. Der Krieg wird Anlaß für die Anekdoten der Lebenden.

    Ich beziehe mich im Folgenden lediglich auf das Antivolksstück 'Jagdszenen aus Niederbayern' aus dem Jahre 1967 - ein schmales Büchlein mit lediglich 120 Seiten. Es beschreibt zwischen den Zeilen die dumpfe Provinzmentalität, die Keimzelle für Vorurteile, grobschlächtige Witze und die Mechanik der Brutalität. Wer sich fernab der Normen und unausgesprochenen Regeln der Engstirnigkeit bewegt und somit seine 'Andersartigkeit' unterstreicht, hat es schwer, wird gemieden, denunziert und aus der Gemeinschaft ausgestoßen.

    Abram sitzt im Wirtshaus meistens schweigend da und hört sich die Geschichten an, die die anderen erzählen. Wenn die andern über Weiber reden, kann er nicht mitreden. Wenn sie vom Krieg erzählen, will er nicht mitreden. Gefährlichen Situationen, zum Beispiel Schlägereien, weicht er aus. Aber die Männerfreundschaften, die in den Kriegserzählungen vorkommen, faszinieren ihn. Gegen seinen Willen. Er mag es nicht, wenn er an Männer denkt.

    Die beklemmende Atmosphäre gipfelt schließlich in einer Massenhysterie, die Entmythisierung der verlogenen Heimatidylle, und zeigt das Phänomen des Faschismus, wie es sich im Verborgenen, im Kleinen verhält und weiterlebt.

    Die Eindrücklichkeit und Brutalität wird lediglich mit groben Strichen skizziert. Im harten Kontrast zum Inhalt steht die grausam nüchterne, schnörkellose Sprache, die das Innenleben der handelnden Figuren vermeidet, sondern lediglich den Verlauf grob schildert, was ich umso beklemmender fand. Gesprochen wird nur wenig. Meist waren es die kleinen, leisen Szenen, die mich erschütterten, die nicht weiter kommentiert werden:

    Kein Mensch hat eine Ahnung, wie teuer Dummheit ist. Kurz vor Kriegsende war sie das letzte Mal mit ihm beim Arzt. Der Arzt sagt, die Angst würd den Rovo dumm machen. Jetzt will sie für den Rovo kein Geld mehr ausgeben, sie reibt ihn jetzt mit Brennesseln ab. Das ist ein altes Hausmittel und ist billig, das hat auch geholfen. Danach war er still.

    Die Sprache, die manchmal stakkatoartig daherkommt, ist sehr schlicht gehalten, passt sich der Einfachheit der Dörfler an. Je nachdem, wer oder was gerade im Fokus des Geschehen steht, verändert sie sich minimal. So reduziert sie sich beispielsweise massiv bei Rovo, dem „Dorfdepp“:

    Er hört, wie die Tiere schreien. Er hört zu. Er weiß, welches Tier schreit. Er ist unruhig. Mutter will wieder heiraten. […] Die Tiere schreien. Immer in gewissen Abständen. Jetzt wo der Hof leer ist, weil die Mutter und Volker auf dem Feld sind, schreit Rovo mit. […] Dann zuckt er ein wenig und Speichel läuft aus seinem Mund, und dann liegt er still. Rovo will fliegen. Zu seinem Vater. Mutter macht Vater tot.

    Das symbolhafte Dorf Reinöd ist als Parabel zu verstehen. Dazu muss ich jedoch erwähnen, dass ich leicht zu schockieren bin, was gewiss nicht auf jedermann zutrifft. Mancher könnte sich mit dieser Lektüre langweilen, mir hinterließ es ein Kloß im Halse. Somit beende ich die Rezension schweigend mit einem treffenden und furchtbaren Zitat:

    Sowas wäre unter Hitler nicht passiert.

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