Martina Paul

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Cover des Buches Narziss Goebbels (ISBN: 9783205784111)

Narziss Goebbels

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Erschienen am 17.09.2009

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Cover des Buches Narziss Goebbels (ISBN: 9783205784111)A

Rezension zu "Narziss Goebbels" von Peter Gathmann

Joseph Goebbels auf der Couch
Andreas_Oberendervor 2 Jahren

Die sogenannte "Psychogeschichte" oder "Psychobiographik" (psychohistory, psychobiography) hat sich in der deutschen Geschichtswissenschaft nie richtig durchgesetzt. Anders als etwa in den USA wurde und wird sie von deutschen Historikern kaum praktiziert. Zu groß sind noch immer die Bedenken und Hemmungen, psychoanalytische Methoden anzuwenden, um das Verhalten und Handeln von Menschen der Vergangenheit zu untersuchen - und eventuell besser zu verstehen, als es der konventionellen Biographik möglich ist. Viele Historiker lehnen die Psychogeschichte nicht bewußt ab; sie wenden sie nur nicht an, weil es ihnen an psychoanalytischen Kenntnissen mangelt. Wie man dieses Problem umgehen kann, zeigt das vorliegende Buch über den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Zwei Autoren haben sich zusammengetan und ihre jeweils fachspezifischen Kenntnisse kombiniert: Der Psychologe Peter Gathmann und die Historikerin Martina Paul. Gathmann hat bereits psychohistorische Studien über Kaiserin Elisabeth von Österreich und ihren Sohn, den Kronprinzen Rudolf, vorgelegt. Er ist somit kein Neuling auf dem Gebiet der Psychogeschichte bzw. Psychobiographik.

Das Hauptproblem der Psychobiographik besteht darin, daß in der Regel Menschen untersucht werden, die bereits verstorben sind, die nicht so analysiert werden können, wie es in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht zwischen Therapeut und Patient möglich ist. Die Überzeugungskraft einer psychobiographischen Studie hängt entscheidend davon ab, welche Quellen zur Verfügung stehen, um einen Menschen posthum psychologisch zu analysieren. Im Falle Joseph Goebbels' ist die Ausgangslage vergleichsweise günstig, denn Goebbels hat umfangreiche Tagebücher hinterlassen, in denen er detailliert und mit großer Offenheit seine politischen und privaten Aktivitäten, aber auch seine seelische Befindlichkeit beschrieb. Diese Tagebücher, die die Jahre 1923 bis 1945 umspannen, bilden zusammen mit Goebbels' privater Korrespondenz das Untersuchungsmaterial, auf dem Gathmanns und Pauls psychobiographische Deutung beruht. Gathmann diagnostiziert bei Goebbels eine "narzisstische Persönlichkeitsstörung". Leider findet sich im ganzen Buch keine gründliche, systematische Definition einer solchen Persönlichkeitsstörung. Insgesamt hinterläßt die Studie keinen zufriedenstellenden Eindruck. Sie zeigt nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen des psychobiographischen Ansatzes auf.

Ein Narzisst ist ein Mensch, der in Kindheit und Jugend schwere Verletzungen seines Selbstwertgefühls erlitten hat. Im späteren Leben setzt ein solcher Mensch alles daran, seinen Minderwertigkeitskomplex zu kompensieren, etwa durch beruflichen und sozialen Aufstieg, durch das rastlose Streben nach glänzenden Erfolgen, die ihm die Bewunderung seiner Umwelt einbringen. Narzissten sind ich-bezogen und egozentrisch; sie dürsten nach Ruhm, Erfolg, Beifall, emotionaler Zuwendung. Andere Menschen sind für einen Narzissten nur unter dem Blickwinkel von Bedeutung, wie sie zur Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse und seines Geltungsdranges beitragen, vor allem durch Beifall und kritiklose Bewunderung. Die Diagnose, Goebbels habe an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gelitten, ist unmittelbar einleuchtend: Goebbels war körperbehindert (verkrüppeltes Bein nach einer Knochenmarksentzündung) und scheiterte überdies als junger Mann mit seinen hochfliegenden Plänen, sich als Dichter oder Journalist zu etablieren. Seine Behinderung isolierte ihn, hob ihn von gesunden Menschen ab. Sein Scheitern als Schriftsteller nährte in ihm Ressentiments, seine Umwelt enthalte ihm das vor, worauf er Anspruch zu haben meinte - Anerkennung, Bestätigung, Bewunderung.

Wie sich bei der Lektüre des Buches zeigt, kann der psychobiographische Ansatz Goebbels' Persönlichkeit und politisches Wirken nur zum Teil erklären. Im Grunde lässt er sich nur auf Goebbels' Privatleben anwenden, genauer gesagt auf sein Verhältnis zu Frauen. Als behindertes Kind wurde Goebbels von seiner Mutter verwöhnt und verhätschelt. Zeitlebens suchte er Beziehungen zu Frauen, die ihm die gleiche selbstlose Fürsorge angedeihen ließen wie einst seine Mutter. Im Umgang mit Frauen war Goebbels unersättlich im Nehmen, ja geradezu ausbeuterisch. Die Frauen in seinem Leben, seien es Jugendfreundinnen, sei es die Ehefrau Magda Quandt, seien es die zahllosen Geliebten, mussten eigene Bedürfnisse zurückstellen und sich vollständig Goebbels' Bedürfnissen anpassen bzw. unterwerfen. Sie mussten ihm sexuell zur Verfügung stehen, ihm aber auch als Zuhörerinnen dienen und endlose Monologe über seine "Taten" und seine Befindlichkeiten ertragen. Im auffälligen Kontrast zu seiner körperlichen Unzulänglichkeit stand Goebbels' Anspruch, nur mit schönen Frauen eine Beziehung einzugehen. Mit der erfolgreichen "Eroberung" einer attraktiven Frau steigerte Goebbels sein Selbstwertgefühl.

Was Goebbels' politische Tätigkeit angeht, vor allem seine Arbeit als Propagandaminister ab 1933, so erweist sich die Erklärungskraft des psychobiographischen Ansatzes als sehr begrenzt. Gathmann und Paul untersuchen Goebbels' politische Aktivitäten vor und nach 1933. Die Narzissmus-Diagnose trägt jedoch so gut wie nichts bei, um Goebbels als Nazi, Antisemiten und Propagandaminister zu verstehen. Anders als in den Teilen 1 und 2, die Goebbels' Kindheit und Jugend behandeln, spielt der Narzissmus in den Teilen 3 bis 6 des Buches keine nennenswerte Rolle mehr. In vielen Unterkapiteln taucht nicht einmal mehr der Begriff Narzissmus auf. Gathmann und Paul bewegen sich durchweg an der Oberfläche, stellen Anekdoten und Geschichtchen über den Politiker Goebbels zusammen, ohne dabei zu Erkenntnissen zu gelangen, die das von der konventionellen Goebbels-Biographik gezeichnete Bild bereichern und vertiefen könnten. Deshalb wirkt das Buch im Großen und Ganzen so unbefriedigend. Der psychobiographische Ansatz ist nur dann legitim, wenn er konsequent auf die gesamte Persönlichkeit und alle Lebensbereiche eines historischen Protagonisten angewendet wird. Im Privatleben mag Goebbels ein Narzisst gewesen sein. Sein Wirken im obersten Machtzirkel des Dritten Reiches, seine Rolle als ideologischer Einpeitscher und Mitschöpfer des Hitler-Kultes lassen sich aber allein mit dem Verweis auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht angemessen erklären. Da waren Faktoren am Werk, die außerhalb von Goebbels' Psyche und Unterbewusstsein zu suchen sind. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Mai 2015 bei Amazon gepostet)

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