Mary Miller

 3.7 Sterne bei 7 Bewertungen
Autor von Süßer König Jesus, Big World und weiteren Büchern.

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Rezension zu "Süßer König Jesus" von Mary Miller

Roadtrip ins Himmelreich
thursdaynextvor 4 Jahren

Süßer König Jesus

 

ein Titel von dem ich mich normalerweise spontan mit atheistischem Grausen abgewandt hätte, wenn ich nicht durch eine ergreifende Rezension

https://jargsblog.wordpress.com/2015/05/04/suser-konig-jesus-roman-mary-miller-ubersetzt-von-alissa-walser/

darauf aufmerksam geworden wäre.

 

Mal wieder gilt: der englische Originaltitel, The last days of California  ist weit treffend und passender, handelt es sich doch abermals um ein Coming out of age Roadmovie.

Ein außergewöhnlich gelungenes, denn die 15 jährige Jess erzählt aus ihrer Perspektive die Reise ihrer vierköpfigen Familie durch die USA.

Jess Vater, arbeitslos, spielsüchtig und fundamentalistischer Christ in Erwartung des baldigen Weltunterganges ist Initiator der Reise. Jess’ Mutter trägt sie mit, beide wollen noch möglichst viel Mensche erretten, bevor die Welt endgültig untergeht.

Die Töchter, missverstanden wie immer in diesem Alter, aber geliebt, sind nicht sonderlich angetan von der Zwangsumsiedlung, die sie duch diverse Motels, Landschaften und Menschentypen führt. Sie sind mit sich selbst beschäftig und den An-, oder Unannehmlichkeiten der Reise beschäftigt. Gläubig sind sie nur insofern die frühkindliche Indoktrination noch greift. Mit zunehmendem Alter und Erfahrungen immer weniger.

 

"Unser Vater parkte ein, senkte den Kopf, sprach das übliche Gebet, danach ein langes weitschweifiges, in dem er um Hilfe und Mut bat.

Das wirst du brauchen dachte ich, warf mir einen Zwiebelring in den Mund und kaute still vor mich hin."

 

Die Reise durch die Innenwelten des mit sich selbst und ihrem Körper unzufriedenen Mädchens ist erheblich tiefgreifender als die am Wegesrand vorbeiziehende Außenwelt die sich in ihrem White Trash niemals gravierend unterscheidet. Junk Food, Souvenirs und Motels bleiben gleich. Egal wo.

 

Die Gespräche und Gedanken der Schwestern, dem siebzehnjährigen sunny girl Elisa und der Erzählerin Jess machen den Charme dieses Romans aus. Sie durchleuchten und entlarven sowohl ihre Eltern als auch Kirche , Glauben und Gesellschaft. Elisas verheimlichte Schwangerschaft verleiht ihnen einen ganz eigenen Touch, sind die Mädels sich doch nur fast sicher, dass die Welt nicht wie angekündigt endet...

 

"Ich fühlte mich prächtig, so lange bis ich dem Blick meiner Schwester begegnete, ab diesem Moment genierte ich mich. Und es machte mich wütend, dass ich mich genierte, dass ich immer die sein musste die sie in mir sah."

 

Fesselnd wie diese Familie durch den Glauben zusammengehalten wird obwohl dieMädels stark zweifeln. Es ist nicht der Glaube, es ist die Liebe die den Zusammenhalt erzeugt. Liebe die präsent ist, trotz aller Widrigkeiten, trotz der Enge und der Engstirnigkeit, ja der Beschränkheit der Weltsicht. Denn beschränkt ist dieser Ausblick auf die Welt die angeblich dem Untergang geweiht ist. Beschränkt auch das Land und die Menschen welche Jess kennenlernt. Schrankenlos Jess’ Wille sich selbst zu finden, Erlebnisse in Erfahrungen zu verwandeln und alles Erlebte in sich aufzusaugen. Zu wachsen und zu werden. Eine absolute Stärke dieses intensiv anschaulichen Roadtrips ins Nirwana – den Himmel der Rechtgläubigen.

 

Ein lesenswertes Buch, leicht zu lesen und dennoch inhaltsschwer.

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Rezension zu "Süßer König Jesus" von Mary Miller

Die letzten Tage Kaliforniens
thelexxxvor 5 Jahren

Schreibt man in den USA einen Roman über das Erwachsenwerden und die damit verbundenen Schwierigkeiten, so scheint es unumgänglich zu sein, nicht mit dem vermeintlichen Heiligen Gral der Coming-of-Age-Literatur, Salingers "Der Fänger im Roggen", verglichen zu werden - was in den meisten Fällen nicht nur unfair, sondern auch schwachsinnig ist. Doch diesem scheinbaren Naturgesetz entsprechend schreien es die Spatzen der Literaturszene bereits von den Dächern der Verlagshäuser und Medienanstalten: Mary Miller sei es nicht nur gelungen, einen weiblichen Holden Caulfield auferstehen, sondern ihn auch erneut die Wirren des Heranwachsens erleben zu lassen - in einem neuen, einem aktuellen Amerika, zwischen Wirtschaftskrise, gekränktem Stolz und religiösem Fundamentalismus. Millers Debütroman, "Süßer König Jesus", der im Amerikanischen übrigens den fantastischen Titel "The Last Days of California" tragen wird, ist jedoch wesentlich mehr als eine bloße Reminiszenz an einen altehrwürdigen Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wie viele gute Geschichten beginnt auch "Süßer König Jesus" auf dem Rücksitz eines Wagens; dort sitzen die fünfzehnjährige Jess und ihre zwei Jahre ältere Schwester Elise. Gemeinsam mit ihren Eltern befinden sich die beiden Mädchen auf dem Weg von Alabama nach Kalifornien - wo ließe es sich auch besser auf den Weltuntergang warten? In sieben Tagen würde alles im Feuer der Apokalypse vergehen, der Erlöser würde zurückkehren und diejenigen, die wahren Glaubens sind, würden mit ihm ins Paradies gehen - so hatte es zumindest Marshall, der Prophet der christlich-fundamentalistischen Sekte, der auch Familie Metcalf angehört, vorhergesagt. Doch während ihr sturer Vater mit missionarischem Eifer am Steuer des alten Fords sitzt, und sich Kleinkriege mit der rebellischen und vor allem heimlich-schwangeren Elise liefert, weiß die Titelheldin, Jess, langsam überhaupt nicht mehr, woran sie noch glauben und woran sie sich halten soll. Verzweifelt ist Jess hin-und-hergerissen zwischen Religion und der Wirklichkeit der Pubertät, zwischen sich selbst und der Familie, zwischen der Zuneigung zu ihren Eltern, und der zu ihrer zynischen Schwester Elise - aber auch dem Neid und der latenten Eifersucht auf deren gutes Aussehen. Und währenddessen rast an den Fensterscheiben des, mit christlichen Flyern vollgestopften, Wagens unentwegt das vermeintlich wahre Amerika vorbei, und der missionarische Roadtrip führt die Familie über staubige Highways und Interstates von Kaff zu Kaff, von Tankstelle zu Tankstelle und von Motel zu Motel, immer dem vermeintlichen Weltuntergang entgegen.

Zwischen Fast Food, Selbstzweifeln und Dankgebeten erzählt Mary Miller in wunderbar schonungslosen und dennoch nahezu poetischen Worten vom komplizierten Innenleben einer amerikanischen Familie aus dem Bible Belt - und ganz nebenbei von den Wirrungen und Sehnsüchten des Teenager-Daseins und der Konfrontation mit den Paradoxen der Welt der Erwachsenen. Mit ihrem unglaublich scharfen Blick für Details, Stimmungen und Emotionen ist es Miller gelungen, einen wirklich fantastischen und klugen Roman der Gegenwartsliteratur zu schreiben, der für mich nicht nur zu dem Besten gehört, was ich seit Jahren gelesen habe, sondern auch gleichzeitig Erwartungen und Vorfreude auf mehr Romane aus der Feder der - für mich - brillanten Texanerin weckt.

Lesen Sie "Süßer König Jesus" von Mary Miller, erschienen in der hervorragenden Übersetzung von Alissa Walser - andernfalls würde Ihnen wirklich etwas Seltenes und Großartiges entgehen!

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