Zur Ausgabe
Im Vorwort des Übersetzers Watanabe steht:
„Zum Beispiel kannte die damalige Sprache beinahe keine Pronomen, wie ‚ich‘, ‚er‘, ‚ihr‘, usw. Sei Shonagon machte diesen ‚Mangel‘ der Grammatik zum ästhetischen Vorteil […] Dass es sehr schwer oder beinahe unmöglich ist, solche Eigenschaften in eine fremde Sprache zu übertragen, liegt auf der Hand.“ S. 10
So weit, so gut.
Dann schreibt der Übersetzer aber etwas, das ich schon ziemlich bevormundend finde:
„Die vorliegende Ausgabe enthält zwei Drittel des Originaltextes. Es wurden nur Dinge und Kapitel weggelassen, die dem europäischen Leser allzu fremd und daher unverständlich sein würden.“
Hätte ich das gewusst, hätte ich die Ausgabe nicht gekauft. Ich möchte ja gerade eine fremde Kultur kennenlernen. Entweder es gibt Bemerkungen durch den Herausgeber, oder man überlässt es halt die Lesenden selbst mit der „Fremdheit“ umgehen, wie sie es können oder möchten. Wer das Impressum liest, findet heraus, dass diese Version das erste Mal 1952 erschienen ist. Das erklärts.
Auch sonst ist diese Ausgabe ist eine vertane Chance, etwas wirklich Besonderes, anstatt nur „ganz nett“ zu sein. Die eigens angefertigten (eher spärlich vorhandenen) Zeichnungen sind hübsch aber leider etwas verpixelt, genau so auch das eigentlich wunderschöne Hardcover. Die grosse Schrift wirkt ausserdem etwas verloren auf den Seiten. Man hätte das Format besser klein und fein gehalten.
Schade.
Jetzt zum eigentlichen Inhalt
Den erhoffen Einblick ins japanische Hofleben vor tausend Jahren habe ich erhalten. Der Text ist eine Ansammlung von Eindrücken und losen Gedanken, die Sei Shonagon zu diversen Themen aufgeschrieben hat. Wir lernen zum Beispiel, dass morgens im Winter Becken mit glühender Kohle in die Zimmer getragen werden, oder das ausereheliche Liebschaften ganz normal waren.
Sei Shonagon erinnert mich an einen verwöhnten Teenager. In einer Episode beschreibt sie, wie sie und andere Hofmitglieder einen grossen Schneehaufen bauen lassen und wetten, wie lange es dauert, bis er geschmolzen ist. Weil der Haufen früher zu schmelzen beginnt als von Sei Shonagon angenommen, beginnt diese zu weinen, zu intrigieren, sich Siegesszenarien auszumalen…
Sei Shonagon regt sich über Kleinigkeiten auf, kann sich aber auch über Kleinigkeiten freuen. Blüten, Vögel und Bräuche welche sie durch den Jahresverlauf begleiten, sind häufige Themen. Auch Liebschaften und Poesie sind zentral im Leben der Autorin.
Schade, kann man den Klang von japanischer Poesie wohl nicht ins Deutsche übersetzen. Ich habe das Gefühl, einen wichtigen Aspekt vom Kopfkissenbuch nicht mitgekommen zu haben.
Für den Inhalt würde ich gerne 5 von 5 Sternen vergeben, weil ich es so faszinierend finde, 1000 Jahre alte Erinnerungen durchblättern zu können.
Diese spezifische Ausgabe fühlt sich aber an wie Geldmacherei, und ich hätte lieber eine vollständige, modernere Übersetzung gelesen.




