„Hier wurde eine Stadt erträumt, und dieser Traum ist Wirklichkeit geworden, und wir haben ihn geerbt.“
Jeden Sommer entsteht Matara im finnischen Wald, ein Staat mit seinen eigenen Gesetzen und Regeln, einem politischen System und einer Armee. Es ist eine Welt, die sich vom Außen abgrenzt, deren Regeln nur tagsüber und nur innerhalb des Waldes gelten. Entsprungen ist sie der Fantasie von Jungen, die gemeinsam ihre Sommer in einer Art Ferienanstalt verbringen.
Sie alle haben ihre Rollen, sind Senatoren, Soldaten, Arbeiter oder auch Schauspieler. Die Hierarchien sind streng. Die Regeln klar definiert.
Der Protagonist des Romans ist Späher. Gemeinsam mit seinem großen Bruder, der schon seit einigen Sommern nach Matara kommt, pirscht er durch den Wald auf der Suche nach Feinden. Denn Matara ist nicht der einzige Staat im Wald. Und kriegerische Angriffe durch die feindlichen Kermen und Kallier bereiten den Jungs ebenso viel Sorge wie die politischen Intrigen innerhalb Mataras.
Ich hatte das große Vergnügen, den Autor, Matias Riikonen, bei einer Lesung kennenzulernen. Mit dem Wissen, dass er „Matara“ auf Grundlage der Tagebücher seines Bruders geschrieben hat und dass die Geschichte, die er erzählt, keine völlig fiktive ist, sondern vielmehr auf Erfahrungen aus der eigenen Kindheit beruht, habe ich mich der Lektüre gewidmet.
Auf den allerersten Blick ist der Vergleich zu „Herr der Fliegen“ natürlich naheliegend. Die Themen, die Golding schon so großartig zu verbildlichen wusste, spielen auch hier eine Rolle: die Entzauberung der Kindheit und die Gewaltbereitschaft von Kindern, die in Hierarchiebildungen, Demütigungen, Unterdrückungen, usw. ihren Ausdruck findet. Doch obwohl die beiden Romane diese Gemeinsamkeiten teilen, hat „Matara“ es verdient, für sich alleine stehen zu dürfen. Denn Riikonen zeichnet eine Welt, die eigentlich nicht so fernab der Außenwelt funktioniert, die jeden Abend unterbrochen wird, um am nächsten Morgen wieder zu beginnen. Es ist im Übrigen eine Welt, in der der Natur eine tragende Rolle zukommt. Das spiegelt sich sprachlich wider.
Zwei Gedanken sind mir während der Lektüre ständig durch den Kopf geschwirrt: Der erste war ein Unverständnis und fast schon eine Art Mitleid dafür, dass diese Jungs ihre gesamten Sommerferien freiwillig mit Kriegsführung, Feindschaften, Überfälle und Versklavungen verbringen. Und der zweite war ein ständiges Vergessen der Tatsache, dass es Jungs sind, die da „spielen“. So ernst, erwachsen und so fern von jeglichem Kindheitsideal wirkt das Erzählte.
Beide Gedanken haben aber eigentlich fast nie dazu geführt, dass die Geschichte an Glaubwürdigkeit verliert (nur manchmal war die gesprochene Sprache für meinen Geschmack etwas zu hochgestochen). Sie zeigen vielmehr, wie sehr man als LeserIn in diese Welt abtaucht, wie sehr man Teil von ihr wird. Und das ist es, was „Matara“ herausragen lässt: Sein Sog, seine nicht nachlassende Handlung, seine Protagonisten, seine Sprache.
„Matara“: Eine wahre Entdeckung und eine große Leseempfehlung.
Übersetzt aus dem Finnischen von Maximilian Murmann.



