Matthias Czarnetzki

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Interview mit Matthias Czarnetzki

Wie lange schreibst Du schon und wie und wann kam es zur Veröffentlichung Deines ersten Buches?

Ich erinnere mich blass an ein Deutschheft, in das mit Erstklässlerhandschrift die Geschichte einer Mondfahrt geschrieben war. Mit vier Seiten hatte sie ein nahezu episches Ausmaß - für einen Siebenjährigen. 1997 wurden meine ersten Kurzgeschichten in einer Anthologie veröffentlicht, 2000 gewann ich meinen ersten Literaturpreis. Von so viel Ehre und Anerkennung beflügelt, schrieb ich mein erstes Buch und schickte es an die Verlage. Und kassierte reihenweise Absagen. Eine davon ist mir im Gedächtnis geblieben, denn dort hieß es, die Geschichte sei interessant, der Schreibstil gut - aber leider sehe man keinen Markt dafür, höchstens eine kleine Nische. Von diesem Augenblick an beschloss ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, um nicht von Marktvorlieben abhängig zu sein. Ich schreibe zwar gern, aber ich hatte keine Lust etwas in der Art „Der Onkel des Cousins zweiten Grades der Nachbarin des Medicus“ zu schreiben, nur weil das gerade bei Verlagen ankam. Statt dessen habe ich alle möglichen Print on Demand-Anbieter ausprobiert und den größten Teil meiner Geschichten auf meiner Website mczarnetzki.de veröffentlicht. Drachen Fliegen erschien 2004 bei lulu.com. Der letzte Durchbruch kam im Sommer dieses Jahres, nachdem ich meine lange gehegte Ignoranz gegenüber eBooks aufgegeben und meine gesammelten Werke auf Amazons DTP-Plattform veröffentlicht habe. Mit dem Ergebnis, dass ich in den letzten drei Monaten mehr eBooks verkauft habe als Taschenbücher in den zwei Jahren zuvor. „Drachen Fliegen“ - das Buch, das damals für die Verlage so vollkommen uninteressant war – hat es im Oktober sogar in die Top 100 im Bereich Humor geschafft.

Welcher Autor inspiriert und beeindruckt Dich selbst?

Der Vergleich mit anderen Autoren fällt natürlich immer schwer, denn am liebsten wäre ich ein originaler Matthias Czarnetzki als ein zweiter Irgendwer. Nur wenn dieser Irgendwer Michael Ende wäre – dagegen hätte ich nichts einzuwenden. Das Buch, was mich bisher am stärksten beeindruckt hat, ist John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“. Kein Wort zu viel, jeder Satz so stark, dass er im Kopf bleibt und dort ein Bild malt, als wäre man dabei. Das ist unglaublich.

Woher bekommst Du die Ideen für Deine Bücher?

Es gibt in Stephen Hawkings Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ ein Diagramm, dass einer Sanduhr ähnelt. Alle Ereignisse der Vergangenheit führten zu einem winzigen Punkt – dem Jetzt – und von dort aus breitet sich eine unendliche Vielzahl von Möglichkeiten in die Zukunft aus. Leider können wir nur eine davon leben. Die Frage „Was wäre wenn?“ bringt mich immer wieder zum Fabulieren: Was wäre, wenn wir den Typen, der sich an der Kasse vor drängelt, nicht nur böse angucken (vorausgesetzt, er dreht uns gerade den Rücken zu), sondern einfach am Kragen packen und ihn zurück zu Milch und Käse befördern, wo er hingehört? Was wäre, wenn der Typ, der gerade zum x-ten Male seine Frau verprügelt hat, nicht nach drei Tagen auf Bewährung wieder draußen ist, sondern ein Mal seine eigene Medizin zu kosten bekommt? Was wäre, wenn...? Diese Frage bietet so unglaublich viele Möglichkeiten. Gerade bei meinem letzten Krimi „KellerLeichen“ habe ich mir mit der Hauptfigur Lutetia Stubbs eine leicht psychopathische Person einfallen lassen, die sich durch absolut nichts aufhalten lässt, außer durch ihre eigenen Regeln. (Wenn sich jemand an Lutetia vorbei drängelt, verlässt er den Laden durch den Hinterausgang bei Milch und Käse. Selbst wenn da vorher noch keiner war.) Mittlerweile schreibe ich die Fortsetzung – und der tägliche Blick in die Zeitung garantiert, das die Inspiration nie ausgeht.

Wie hältst Du Kontakt zu Deinen Lesern?

Seit ich 1998 an der Uni zum ersten Mal eine Website hatte, habe ich diese Möglichkeit genutzt, um meine Geschichten zu veröffentlichen und Kontakt zu meinen Lesern zu halten. Seit sechs Jahren tue ich das über meinen Blog mczarnetzki.de und per Newsletter. Seit ich kürzlich das Buchfrage-Widget getestet und von Nele Neuhaus innerhalb von zwanzig Minuten die Antwort auf meine Frage hatte, probiere ich aus, wie ich es in meine eBooks integrieren kann, denn an manchen Stellen möchte man als Leser den Autoren schon fragen: „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“ - auf diesem Weg kann man es. (Deshalb achte ich streng darauf, die Rechte an meinen Büchern zu behalten. Denn nur das gibt mir die Freiheit, alles auszuprobieren, was meine Geschichten meinen Lesern näher bringt. Denn schließlich ist es wichtiger, gelesen zu werden, als ein Vermögen zu verdienen, oder nicht?) Außerdem twittere ich unter @m_cz Interessantes und Neues aus der Literatur- und Verlagswelt. Mit Facebook konnte ich mich bisher nicht richtig anfreunden, da mir reines Freundesammeln nicht liegt. Ich bevorzuge langsamere, dafür intensivere Kontakte per eMail oder über die Kommentare auf meinem Blog.

Wann und was liest Du selbst?

Auf der einen Seite lese ich gern Bücher über Mathematik und Informatik. Ich könnte jetzt behaupten, dass ist rein beruflich bedingt, aber das stimmt nicht. Mathematische Beweise und Algorithmen machen wirklich Spaß. Aber gut, dass versteht nicht jeder. Auf der anderen Seite mag ich Bücher guter Geschichtenerzähler. Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romane lese ich immer wieder gern, ebenso Peter S. Beagles „Das letzte Einhorn“. Tom Sharpe hat mit dem Berufsschullehrer Henry Wilt eine der skurrilsten Figuren der Literatur geschaffen – wenn dieser zusammen mit den Vierlingen Terroristen in die Flucht schlägt, bleibt kein Auge trocken. Seitdem ich mir einen Kindle zugelegt habe, probiere ich öfter etwas neue und unbekannter Autoren aus, indem ich Leseproben herunterlade oder auf Seiten wie Bookrix herumstöbere. Zwar gibt es Texte, die selbst ein entschlossener Optimist wie ich nach einer Seite wegen brutaler Vergewaltigung der deutschen Sprache aufgibt, aber ich habe auch Bücher gefunden, die sich mit Verlagsveröffentlichungen locker messen können.