"In jedem Mond steht steil ein Stöckelschuh.
Aus jedem U-Bahn-Schacht rülpst ein Gedicht.
Durch jede Zeile, da fließt du und du und du -
ein grüner Tintentext: mehr nicht.
In jeder Pfanne brät ein Kruzifix.
Aus jedem Pflasterstein grinst ein Gesicht.
Mit jedem Wort schweigst du und du und du -
ein schwarzgedruckter Text: mehr nicht."
Wenn Bruce Springsteen ein dichtender Automechaniker ist, dann ist Matthias Politycki ein dichtender Tresentyp, ein Großstadtbewältiger, ein Alltagsheld, ein Austeiler und Einstecker par excellence. Seine schnoddrigen und immer etwas gegen den Strich gebürsteten Gedichte sind sicher nicht die besten Beispiele für hohe Lyrik, aber ein Beweis für die breiten Möglichkeiten, die sich für die Lyrik abseits des hohen Tons auftun; und in diesem Abseits entwickeln sie manchmal ungeahnte Kräfte, Verve und eine knittrige Eleganz.
Mit diesem Band kann man sich in der ganzen Bandbreite von Polityckis Lyrik suhlen, sie entlangschlendern, sich hier und da einen tiefen Schluck aus dem Versfass genehmigen. Man wird auf viel Bier, Bockigkeit, feine Ressentiments, scharfe Zärtlichkeiten, gedruckste und missmutige Leidenschaften und manchen Stilbruch stoßen. Schön ist, dass sich viele dieser Gedichte etwas Unerwartetes bewahrt haben, sie ziehen schnell, sie treffen die Lesenden unvorbereitet, sie überrumpeln und entrümpeln die Vorstellungen.
Wem Lyrik oft zu heilig ist, der wird seine Freude an Polityckis teilweise anarchischen, teilweise innovativen, oftmals gerade heraus gehenden, manchmal fast pöbelnden, streitbaren, dann wieder leuchtenden Gedichten finden. Hier gibt sich einer nicht mit Geläufigkeiten zufrieden, ist aber auch nicht bloß ein Krawallfürst. Polityckis Lyrik fühlt sich zwischen den Stühlen wohl, geerdet, aber doch immer wieder virtuos über sich hinauswachsend. Seine Verse erschließen das Verquerte, Verquaste, Verkehrte des Daseins und finden dennoch Platz für poetische Säume, die sie oft raffen, oft durch den Schmutz des Lebens schleifen. Manchmal werden sie aber auch einfach in diesem Saumsein belassen.
"Fels fügt an Fels sich,
Gedankeninseln im Meer:
im Dort und im Dann.
Das Paradies wartet stets,
so wie ich, traurig, auf nichts."
Matthias Politycki
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Matthias Politycki
Das kann uns keiner nehmen
Jenseitsnovelle
Herr der Hörner
Samarkand Samarkand
Alles wird gut
Mein Abschied von Deutschland
In 180 Tagen um die Welt
Weiberroman
Neue Rezensionen zu Matthias Politycki
„Das kann uns keiner nehmen“ war für mich leider eine echte Enttäuschung. Der Klappentext versprach ein Bergsteigerdrama, bekommen habe ich jedoch einen zähen Roadtrip, der sich für meinen Geschmack endlos zog. Auch die fehlende Kapitelstruktur machte das Lesen nicht leichter.
Das größte Problem waren für mich aber die Figuren. Weder Hans noch Tscharli wurden mir sympathisch – besonders Tscharli mit seinen platten Sprüchen, seinem Auftreten und seinen Einstellungen ging mir schnell auf die Nerven. Warum Hans überhaupt mit ihm weiterreist, konnte ich nie nachvollziehen. Viele Entscheidungen wirkten einfach unlogisch, und der Erzähler nahm für meinen Geschmack zu wenig Haltung ein.
Obwohl einzelne Sätze wirklich schön formuliert waren, hat mich Polityckis Stil insgesamt nicht abgeholt. Ich wollte mehr über Hans’ Geschichte erfahren, bekam aber größtenteils Tscharlis Chaos serviert. Am Ende war ich ehrlich gesagt nur froh, durch zu sein.
Kurz gesagt: 2 von 5 Sternen – sicher ein Buch, das andere begeistern kann, für mich aber ganz klar „leider nichts für mich“.
Buchvorstellung
Matthias Politycki lädt seine Leserinnen und Leser mit dem Gedichtband Meisenfrei auf eine literarische Reise ein, die zugleich eine Heimkehr ist. Der Titel verweist auf eine Hamburger Kneipe, die für ihn ein Ort der Begegnung, der Beobachtung und des Schreibens ist.
Meisenfrei ist ein Kaleidoskop von Szenen und Stimmungen, das Alltag, Liebe, Verlust und die Wucht der Gegenwart in einen poetischen Kosmos überführt. Vom biblisch inspirierten Duktus eines eröffnenden Gedichts über apokalyptische Szenarien bis hin zu zarten Momenten der Zweisamkeit und der stillen Eingewöhnung zeichnet Politycki eine Welt, in der die kleinen und großen Ereignisse des Lebens gleichermaßen Gewicht besitzen. Reisen und Orte, sei es die stille Beobachtung in einem japanischen Gasthaus oder die Abkehr von der zunehmend unnachgiebigen Heimat, verbinden sich mit Reflexionen über Sprache, Kultur und Identität. Zwischen Sonett, ironischer Pointe und ernsthafter Reflexion eröffnet sich ein Band, der die Vielfalt poetischer Ausdrucksmöglichkeiten auslotet und zugleich eine klare emotionale und intellektuelle Richtung verfolgt.
Rezension
Polityckis Lyrik besticht durch eine bemerkenswerte Vielstimmigkeit. Jede Seite spürt eine intensive Beobachtungsgabe, sei es beim Nachzeichnen einer vergänglichen Liebe, wie in 17 Tage, oder beim Festhalten alltäglicher Begegnungen wie der stillen Aufmerksamkeit einer Kellnerin. Die Gedichte sind mal intim, mal ironisch, oft formal überraschend und dennoch durchweg auf einen unverwechselbaren Rhythmus hin ausgerichtet. Die Welt erscheint als ein Ort von Erschütterungen, in dem Reise und Ankommen, Fremdheit und Vertrautheit in stetem Wechselspiel erlebt werden. Politycki experimentiert mit Perspektiven, indem er Rollenlyrik einsetzt, Figuren wie Professor Blohm oder den Trunkier zu Wort kommen lässt und historische, religiöse oder literarische Quellen als Ausgangspunkte für ironisch pointierte Reflexionen nutzt.
Matthias Politycki, Jahrgang 1955, lebt heute in Wien und blickt auf ein jahrzehntelanges literarisches Schaffen zurück, das Romane, Essays und vor allem Gedichte umfasst. Mit diesem Band bündelt er seine Beobachtungen, Reflexionen und sprachlichen Experimente zu einem konzentrierten poetischen Kosmos, der sein Werk inhaltlich und stilistisch verdichtet.
Das Hamburger Meisenfrei, eine Kneipe, die als Polityckis Stammort fungiert, nimmt in diesem Band eine zentrale Rolle ein. Trotz des Umzugs nach Wien kehrt er immer wieder gedanklich und literarisch an diesen Ort zurück, an dem er Notizen für Gedichte machte und seine Texte mit dem Lektor diskutierte. Der Band ist zugleich ein persönlicher Dank an Wirt und Wirtin, Fränki und Ilona, die die Kneipe als letzte richtige Adresse im Hamburger Generalsviertel führen. Hier verknüpft sich alltägliche Beobachtung mit poetischer Reflexion, und Politycki zeigt, wie ein lokaler Ort zu einem universellen Symbol für Beständigkeit, Geselligkeit und Inspiration werden kann.
Das Sich Einleben in eine neue Stadt gehört zu den wenigen Momenten, in denen die Poesie ihre zärtliche, fast meditative Seite zeigt und Raum für Staunen, Wärme und Versöhnung mit sich selbst lässt. In der Heimatkunde entlädt sich die Kritik an gesellschaftlichen und kulturellen Zuständen in scharf beobachteten, oft bissig ironischen Notizen. In beiden Polen, im Intimen wie im öffentlichen Diskurs, zeigt sich Politycki als Autor, der ästhetische wie inhaltliche Komplexität verbindet. Das Lesen dieses Bandes fordert den Leser auf, aktiv mitzudenken und die Ebenen der Ironie, des Wortspiels und der Reflexion zu entschlüsseln, belohnt aber mit einer tiefen Sinnlichkeit und sprachlichen Lust. Besonders bemerkenswert ist die Art, wie Politycki Reiseerfahrungen und lokale Beobachtungen miteinander verschränkt. Ob in Norddeutschland, Wien, Osaka oder auf den staubigen Überlandbahnhöfen Zentralasiens, erzeugt der Autor eine Spannung zwischen äußerer Bewegung und innerer Reflexion, zwischen der Unruhe des Lebens und der Ruhe, die poetische Beobachtung hervorbringt. Im Gedicht Korrektes Sonett, das zahlreiche Schwärzungen enthält, zeigt sich diese Aufmerksamkeit für sprachliche Form auf besondere Weise. Nur das erste und letzte Wort jeder Zeile bleiben lesbar. In dieser „bereinigten Fassung“ verdichten sich die Aussagen zu lakonischen, fast aphoristischen Fragmenten wie „zwar … nicht“ oder „dein … flau“. Das Gedicht kann als ironischer Kommentar auf sprachliche Selbstzensur gelesen werden, zugleich aber auch als poetologisches Experiment, das fragt, wie viel Sprache nötig ist, um Bedeutung zu erzeugen. Durch diese bewusste Beschneidung entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Gesagten und dem Verschwundenen. Es ist ein poetisches Schweigen, das ebenso beredt wirkt wie das Wort selbst. In diesen Passagen wird deutlich, dass das Gedicht für Politycki weniger eine formale Übung, sondern ein Instrument der Erfahrung, Erinnerung und Verarbeitung ist.
Fazit
Meisenfrei ist ein Gedichtband, der zugleich leichtfüßig und tiefgründig, verspielt und ernsthaft, ironisch und zutiefst menschlich ist. Politycki gelingt es, in einer dichten und doch transparenten Sprache ein Panorama von Gefühlen, Beobachtungen und intellektuellen Reflexionen zu entwerfen, das vom Apokalyptischen bis zum Intimen reicht. Der Band fordert Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit einem einzigartigen literarischen Sound, der die kleinen und großen Dramen des Alltags in präzise, lebendige Bilder übersetzt. Meisenfrei sensibilisiert den Leser für die Wahrnehmung der Welt und löst die Grenzen zwischen Lyrik, Essay, Reisebericht und Rollenprosa auf faszinierende Weise auf. Wer sich auf diese Lektüre einlässt, erlebt Poesie als unmittelbare, erzählerische und intellektuelle Kraft, die ebenso unterhaltsam wie erschütternd sein kann.
Gespräche aus der Community
LovelyBooks lädt auch im Jahr 2020 zu spannenden Challenges ein.
Und auf euch warten tolle Gewinne.
Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist natürlich 2020 wieder dabei!
Liest du gerne Bücher mit Niveau?
Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.
15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2020 bis 31.12.2020 lesen.
Es gelten nur Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.
Auch Neuauflagen – 2020 erschienen - von Klassikern.
Die Regeln:
Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an.
Einstieg ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts.
Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein.
Es gelten nur Bücher (Achtung: keine Hörbücher, keine Bildergeschichten, keine Graphic Novels), die an diesem Beitrag angehängt sind!
Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Nimmst du die Herausforderung an?
Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2020 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.
Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema.
Ich freue mich auf viele Anmeldungen!
Teilnehmer:
Ertauscht.... Aber mach dir keinen Kopf, ist nicht so schlimm! Kann ich sicher tauschen!
Ich lade ein zur Leserunde meines neu erschienenen Romans und freue mich auf lebhafte Teilnahme und Diskussion!
Der Klappentext:
Durch einen spektakulären Unfall wird der Einzelgänger Salvatore mitten im Krieg berühmt. Freund und Feind reißen sich um ihn. Aber wem kann er wirklich vertrauen – dem blauen Kameraden, den depressiven Adventisten oder der schönen, aber chronisch übermüdeten Unbekannten?
Tragikomödie, Thriller, gesellschaftliches Horror-Szenario, Außenseiter-Liebesgeschichte voller schrill-abgründiger Charaktere: Der neue Roman des Autors von „Familie Fisch macht Urlaub“ ist eine packende Groteske über den Krieg in unserer Welt, sein schweigsamer Held ein moderner Simplicissimus.
Hintergrundinfos zu mir als Autor und zu dem Romanprojekt (das WIRKLICH ungewöhnliche Wege ging!) finden Sie auf meinem Blog.
Ich stelle jeder Teilnehmerin/jedem Teilnehmer ein Paperback oder ein E-Book (je nach Wunsch) kostenlos zur Verfügung, Versand ebenfalls kostenlos. Also: wer bei Namen wie Sorokin, Douglas Adams, Murakami, Tom Sharpe, David Sedaris oder Thomas Pynchon neugierig wird, der muss sich bei dieser Leserunde bewerben!
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