Matthias Schnettger

 4,3 Sterne bei 3 Bewertungen

Lebenslauf

Matthias Schnettger lehrt als Professor für Neuere Geschichte an der Johannes Gutenberg Universität zu Mainz.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Matthias Schnettger

Cover des Buches Der Spanische Erbfolgekrieg (ISBN: 9783406661730)

Der Spanische Erbfolgekrieg

(3)
Erschienen am 12.02.2014

Neue Rezensionen zu Matthias Schnettger

Cover des Buches Der Spanische Erbfolgekrieg (ISBN: 9783406661730)
A

Rezension zu "Der Spanische Erbfolgekrieg" von Matthias Schnettger

Andreas_Oberender
Der Kampf um das spanische Erbe

Der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1713/14) gehört zu den vielen Kabinetts- und Erbfolgekriegen des 18. Jahrhunderts, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Bezeichnend für den geringen Stellenwert des Krieges im historischen Gedächtnis der Deutschen ist der Umstand, dass es bisher keine für ein breites Publikum geeignete Darstellung des Krieges in deutscher Sprache gab. Das Büchlein von Matthias Schnettger schließt nun diese Lücke. Wahrscheinlich wird es für lange Zeit das einzige Buch bleiben, mit dem sich deutsche Leser über den Spanischen Erbfolgekrieg informieren können.

Im ersten Kapitel erörtert Schnettger die dynastisch-genealogischen Hintergründe des Krieges. Karl II. (1661-1700), der letzte spanische Habsburger, hatte keine Kinder, und die Frage, wem das gewaltige spanische Erbe zufallen sollte, beschäftigte im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts alle führenden europäischen Mächte. Erbansprüche machten sowohl die österreichischen Habsburger wie auch die französischen Bourbonen geltend. Auf welchen verwandtschaftlichen Beziehungen diese Ansprüche beruhten, ist für den Laien nicht leicht nachzuvollziehen. Schnettger erläutert die genealogischen Zusammenhänge präzise und verständlich. Eine Stammtafel am Ende des Buches hilft zusätzlich beim Verständnis.

An der Frage nach der Zukunft der spanischen Monarchie waren auch England und die Niederlande interessiert. Beide Staaten wollten verhindern, dass das spanische Erbe komplett entweder in französische oder in österreichische Hände fiel. Daraus hätte sich für Frankreich oder Österreich ein Machtzuwachs ergeben, der das europäische Gleichgewicht gefährdet hätte. Daher brachten England und die Niederlande immer wieder Teilungspläne ins Gespräch. Schnettger analysiert die verschiedenen Teilungsvereinbarungen, die die beiden Seemächte mit Frankreich schlossen. Alle diese Absprachen erfolgten ohne Zustimmung Karls II. und Kaiser Leopolds I., die nach wie vor an der Einheit der beiden habsburgischen Linien, der Casa de Austria, festhielten. Künftige Konflikte waren daher absehbar. In Madrid setzte sich schließlich die profranzösische Partei durch. Karl II. benannte in seinem letzten Testament Philipp von Anjou, einen Enkel Ludwigs XIV. von Frankreich, als Universalerben.

Ein Krieg hätte durchaus vermieden werden können. Ludwig XIV. nahm das Testament im Namen seines Enkels an und sicherte den Seemächten zugleich zu, dass es nicht zu einer Vereinigung Frankreichs und Spaniens kommen würde. Das Schreckgespenst einer bourbonischen Universalmonarchie schien damit gebannt. London und Den Haag erkannten Philipp V. zu Beginn des Jahres 1701 an. Ludwig XIV. beging dann aber eine Reihe folgenschwerer Fehler, die zu einem Meinungsumschwung in London und Den Haag führten. Die Seemächte schlossen eine Allianz mit Kaiser Leopold I., der sich später auch einige kleinere Staaten anschlossen (u.a. Portugal, Savoyen). Im Gegensatz zum Kaiser, der das spanische Erbe für das Haus Habsburg reklamierte, ging es den Seemächten zunächst nur darum, sich die Zustimmung zur Nachfolge Philipps V. durch Kompensationen entgelten zu lassen. Erst ab 1703 verfolgte die Allianz das Ziel, Philipp V. aus Spanien zu vertreiben und Erzherzog Karl, den jüngeren Sohn Kaiser Leopolds I., als neuen König von Spanien zu etablieren.

Im dritten Kapitel, das quantitativ den größten Teil des Buches ausmacht, schildert Schnettger mit knappen Strichen die Kampfhandlungen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen: Deutschland, Italien, Niederlande, Iberische Halbinsel. Auch das diplomatische Geschehen während der Kriegszeit (Bündnispolitik) und die innenpolitischen Entwicklungen in den kriegführenden Staaten werden berücksichtigt. Die vielen Schlachten des Spanischen Erbfolgekrieges sind heute kaum noch bekannt. Allenfalls die Namen einiger herausragender Heerführer, etwa des Herzogs von Marlborough und des Prinzen Eugen von Savoyen, sind in Erinnerung geblieben. Trotz beachtlicher militärischer Erfolge auf allen Kriegsschauplätzen gelang es der Großen Allianz nicht, Frankreich in die Knie zu zwingen und Philipp V. aus Spanien zu vertreiben. Ludwig XIV. und sein Enkel profitierten schließlich davon, dass die Allianz ihrer Gegner ab 1710/11 zerfiel.

Abschließend schildert Schnettger den schwierigen Weg zu den Friedenschlüssen von Utrecht (1713) und Rastatt (1714). Die Gewinne und Verluste für die beteiligten Staaten wurden kunstvoll ausbalanciert; keine der europäischen Mächte wurde nachhaltig gestärkt oder geschwächt. Die Bourbonen blieben in Spanien; zugleich gingen einige Nebenlande der spanischen Monarchie als territoriale Kompensation an andere Mächte. Schnettger sieht in den Friedensschlüssen von Utrecht und Rastatt eine wichtige Etappe in der Entwicklung des europäischen Staatensystems. Die Idee vom Gleichgewicht der Mächte setzte sich durch. Um den Frieden in Europa zu sichern, sollten Hegemonialbestrebungen eines einzelnen Staates verhindert werden. Um dies zu erreichen, wurden die Machtmittel der führenden Staaten ausbalanciert.

Schnettger hat eine kompakte, konzentrierte und durchweg gut lesbare Darstellung vorgelegt, in der die europäischen Dimensionen und die historische Bedeutung des zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Spanischen Erbfolgekrieges anschaulich herausgearbeitet werden. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Februar 2014 auf Amazon gepostet)

Cover des Buches Der Spanische Erbfolgekrieg (ISBN: 9783406661730)
lobo-w-js avatar

Rezension zu "Der Spanische Erbfolgekrieg" von Matthias Schnettger

lobo-w-j
Ein instruktiver Überblick über einen folgenreichen europäischen Konflikt

Auch historisch Interessierte in Deutschland können mit dem „Spanischen Erbfolgekrieg“ nur wenig anfangen. Schon die Bezeichnung weckt kaum Aufmerksamkeit. Sie suggeriert ein geographisch fernes und thematisch eingegrenztes Ereignis (Spanien/Krieg) unter längst überwundenen Umständen (Erbfolge der Staatsoberhäupter). Dabei haben die sich unter diesem Stichwort verbergenden Geschehnisse seinerzeit ganz Europa erfasst und beschäftigt. Auch die überseeischen Kolonien waren in die Auseinandersetzungen mit einbezogen. Etwas übertrieben sprechen manche Autoren von einem „ersten Weltkrieg“. Dabei wird aber vernachlässigt, dass es sich bei den Ereignissen keinesfalls nur um eine Folge von Schlachten handelte, sondern auch eine Reihe von intensiven diplomatischen Aktivitäten damit verbunden waren. Kaum bekannt sind auch die Folgen dieses dramatisch-verdichteten Zeitraumes für die europäische Geschichte. Manche der Folgen wirken bis heute nach. So sind z. B. die heutigen Selbständigkeitsbestrebungen in Katalonien ohne den Hintergrund des Spanischen Erbfolgekrieges nur schwer zu verstehen.

Wer sich über diesen „Knotenpunkt“ europäischer Geschichte informieren will, findet nur wenig deutsche Literatur, die sich eingehender mit dem Thema befasst. Nach dem umfangreichen Werk des Zivilrechtlers Stefan Smid werden wohl ausschließlich Fachhistoriker greifen, schon wegen des immensen Preises des nur noch antiquarisch erhältlichen Buches (S. Smid, Der Spanische Erbfolgekrieg. Geschichte eines vergessenen Weltkriegs, Köln 2011). Zudem beschränkt sich Smid auf die militärischen Kampagnen und lässt die vielfältigen anderen Aspekte des Gebietes weitgehend außer Acht.

Da kam das 2014 erschienene Buch des Historikers Matthias Schnettger für den Interessierten gerade recht. Es gibt einen knappen, manchmal auch detaillierten, und gut lesbaren Überblick über das Gebiet. Trotz des Übersichtscharakters der Darstellung werden die wichtigsten Aspekte der Geschehnisse behandelt: die Vorgeschichte, der Krieg und seine Schauplätze – mit einem interessanten Kapitel über die Kriegführung und das Militär im frühen 18. Jahrhundert - die Friedensverhandlungen und die Folgen des Krieges.

Schnettger weist darauf hin, dass eines der wichtigen Ergebnisse der kriegerischen und diplomatischen Auseinandersetzungen eine bis zu den napoleonischen Kriegen währende Friedenswahrung im europäischen Raum war. Sie wurde durch die Herstellung eines annähernden Gleichgewichtes unter den alten und neuen europäischen Großmächten möglich. 

Hier hätten die Linien bis heute ausgezogen werden können: wir kennen dieses – durchaus fragile – militärisch-politische Prinzip aus unserer jüngsten Vergangenheit! Sichtbar wird auch, dass der Aufteilung der Einflussgebiete unter Großmächten immer Schwächere zum Opfer fallen, damals - unter anderen Gebieten - Polen und Katalonien. Vielleicht hätte auch stärker betont werden können, dass im Gefolge des Spanischen Erbfolgekrieges wohl zum ersten Mal in der Geschichte eine gesamteuropäische Perspektive in den Blick kam, gleichzeitig aber auch nationales Bewusstsein entstand. Hier werden Antagonismen im europäischen Gesamtgefüge sichtbar, die bis heute andauern. 

Des Weiteren wurden zum ersten Mal in der Geschichte Auseinandersetzungen von einer massiven publizistischen Propagandatätigkeit begleitet. Jede der Parteien wollte die eigene, aber auch die europäische Öffentlichkeit auf ihre Seite ziehen. 

Bemerkenswert ist auch das abschließende Kapitel in Schnettgers Buch über „Gedenkorte“ des Spanischen Erbfolgekrieges. Solche Beziehungspunkte sind wichtig, weil sie die Verbindung zur Geschichte wachhalten. Hier hätte ich mir mehr Ausführlichkeit gewünscht. Erwähnt werden z.B. nicht die Gedenkorte in Barcelona („Fossar de los Moreres“ – die Gedenkstätte für die Ofer der Belagerung Barcelonas 1714, die ehemalige Markthalle „El Born“ mit den Ausgrabungen des von Philipp V. zerstörten Stadtteils Ribera und der „Zitadellenpark“). 

Auch in Deutschland ließen sich Gedenkorte auffinden. Der habsburgische Kronprätendent für Spanien, Karl III. (Bild oben), der spätere Kaiser Karl VI., reiste 1703 von Wien durch Deutschland in die Niederlande und von dort nach Portugal und Spanien. Heute ist diese Reise vergessen, damals fand sie in den deutschen Territorien und Städten viel Aufmerksamkeit. (Wer sich dafür interessiert: der Verfasser dieser Rezension hat in seiner Website einen Artikel über diese Reise geschrieben: https://www.lobo-w-j.eu/ )

Bei meinen Recherchen zum Thema hat mir das Buch einen guten Zugang und Überblick verschafft – ich kann es anderen Interessierten nur empfehlen.  

Gespräche aus der Community

Bisher gibt es noch keine Gespräche aus der Community zum Buch. Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Welche Genres erwarten dich?

Community-Statistik

4 Bibliotheken

1 Merkzettel

1 Leser*innen

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freund*innen und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber*innen und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks