Matthias Senkel

 3.1 Sterne bei 7 Bewertungen
Matthias Senkel

Lebenslauf von Matthias Senkel

Er entführt seine Leser in andere Welten und Epochen: Matthias Senkel wird 1977 in Greiz in Thüringen geboren und zieht für das Studium 1998 nach Leipzig, wo er bis heute lebt und arbeitet. 2002 beginnt er, Lyrik und Prosa zu veröffentlichen. 2009 gewinnt er den 17. Open Mike Preis sowie den taz-Publikumspreis. Sein 2012 erschienener Debütroman „Frühe Vögel“ wird unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet und auch sein zweiter Roman, „Dunkle Zahlen“ ist sehr erfolgreich. Er steht 2018 unter den Besten Fünf des Buchpreises der Leipziger Buchmesse und schafft es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. In seiner Freizeit spielt Senkel E-Bass in einer Band.

Alle Bücher von Matthias Senkel

Dunkle Zahlen

Dunkle Zahlen

 (5)
Erschienen am 09.02.2018
Frühe Vögel

Frühe Vögel

 (2)
Erschienen am 12.03.2012

Videos zum Autor

Neue Rezensionen zu Matthias Senkel

Neu
MikkaGs avatar

Rezension zu "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel

[ DOES NOT COMPUTE. REPEAT? ]
MikkaGvor 3 Monaten

Das erste Blättern durchs Buch:

Aha, ein Abkürzungsvereichnis. ‘GRU GSch WSCCP’ als Abkürzung zu bezeichnen ist gewagt. Direkt danach, als Gegenpol: ein PVLLRN¹. Ich lach mich tot – ein Witzarchiv. Ein Kreuzworträtsel. Ein Comic ohne Bilder. Schwarzweiße Bilder ohne Comic. Das Nachwort auf Seite 94.

An dieser Stelle spüre ich das Kribbeln freudiger Erwartung.

Egal, ob ich das Buch letztendlich hassen oder lieben werde, es wird ein Erlebnis sein. Ich lese die ersten Seiten, die mir nicht viel sagen, und komme zum Inhaltsverzeichnis. Und stutze. Ist das ein Scherz? Unschlüssig hadere ich mit mir. Denn das Inhaltsverzeichnis ist ein Programmablaufplan.

Konventionelle Erzählstruktur: Fehlanzeige. Linear ist was anderes.

Wenn ich das richtig sehe, soll ich auf Seite 223 mit der Geschichte anfangen. Diese springt dann kreuz und quer durchs Buch, es gibt zwei Abzweigungen. Nebenhandlungen? Immer noch weiß ich nicht, ob das ernst gemeint ist, oder ob ich das Buch einfach von der ersten bis zur letzten Seite lesen soll.

Aber ich habe mal Informatik studiert, und ein Programmablaufplan ist ein Programmablaufplan.

Also dann: Seite 223.

[ FORWARD book ]

Einige Tage später:

Das Inhaltsverzeichnis ist ein wildes Gekritzel. Ich habe Jahreszahlen ergänzt, außerdem, welcher Leseabschnitt wie viele Seiten hat.

Damit kann ich jetzt sagen:

Der Ablaufplan ergibt einen chronologischen Weg durch die Geschichte. Die Haupthandlung ist 257 Seiten lang, die beiden Nebenhandlungen, die fürs Verständnis nicht zwingend notwendig sind, 137 und 45 Seiten.

Ich bin unschlüssig, ob der Ablaufplan nur ein Gimmick ist oder ob er der Geschichte eine neue Bedeutungsebene erschließt. Durch das Hin- und Herblättern ergibt sich jedenfalls eine sehr intensive Haptik – ein nettes Element für ein Buch, in dem es viel ums Digitale geht.

[ FORMULA TOO COMPLEX ]
[ ABORT ]

…meine üblichen Rezensionskriterien funktionieren nicht für dieses Buch.

Die Geschichte ist irrsinnig (komplex). Die Charaktere sind zu zahlreich, um auch nur für die Hälfte Mitgefühl zu entwickeln, doch Emotionalität ist hier ohnehin eher Bug als Feature. Von einem Spannungsbogen kann man kaum sprechen, so weit ist die Handlung heruntergebrochen auf einzelne Bausteine, und nicht alle Themen werden bis zum Schluss verfolgt.

Im Rahmen der Geschichte macht das Sinn, soll dieser Roman doch das unvollendete Werk einer verloren gegangenen Literaturmaschine sein, und Matthias Senkel nur dessen Übersetzer.

Ich bin kein Experte für experimentelle Literatur, aber sollte mich in Zukunft jemand bitten, ihm ein experimentelles Buch zu empfehlen (die Wahrscheinlichkeit geht gegen 0), wird meine Wahl auf “Dunkle Zahlen” fallen. Denn auch wenn es bisher so klang, als habe mir das Buch nicht gefallen, bin ich tatsächlich sehr froh, es gelesen zu haben.

Es ist intelligent, ambitioniert, einfallsreich, exzellent recherchiert, immer wieder überraschend, manchmal verspielt.

Die Haupthandlung gibt einen ungewöhnlichen Einblick in die sowjetische Lebenswirklichkeit der Zeit, in die Absurditäten der Ideologie und das Leben der Menschen, die sich dieser Ideologie unterordnen (müssen). Man glaubt an den technologischen Fortschritt und kann doch gleichzeitig die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen nicht erfüllen.

Viele kleine Episoden, eine irrwitziger als die andere, setzen sich zusammen zu einem chaotischen Gesamtbild, das erstaunlich viel Spaß macht.

Es geht um Planwirtschaft und den Kalten EDV-Krieg, um Vetternwirtschaft und Alkoholismus, und als wäre das nicht genug, auch noch um Spionage, Juri Gagarin, russische Literatur und einen sprechenden Fisch. Ach ja, auch ein Hauch Dystopie darf  nicht fehlen.

Vieles ist historisch belegt, und was erfunden ist, fügt sich nahtlos in den zeitgeschichtlichen Rahmen ein. Die Spartakiade, die einen großen Teil der Handlung ausmacht, hat es nie gegeben, aber es hätte sie ohne Zweifel geben können. Auch die Vorstellung, der KGB könne einen Wettstreit junger Programmierer für seine Zwecke nutzen, erscheint plausibel.

Eine der großen Stärken des Romans wird jedoch gelegentlich zu seiner größten Schwäche.

Manchmal nimmt die an sich wunderbare Detaillverliebtheit des Autors meines Erachtens überhand, dann entwickelt die Geschichte empfindliche Längen. Das reicht jetzt, habe ich mir dann gedacht.

Das reicht jetzt.
______________________
¹ Personenverzeichnis voller langer, langer russischer Namen.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/10/deutscher-buchpreis-2018-matthias-senkel-dunkle-zahlen/

Kommentieren0
3
Teilen
MilaWs avatar

Rezension zu "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel

verloren im Informationsstrom
MilaWvor 4 Monaten

Matthias Senkel überträgt das Prinzip der dunklen Zahlen (die Zahlen, die beim Abrunden verloren gehen) auf die Menschen, die in der sowjetischen Planwirtschaft als „unbedeutend“ unter die Räder kommen.
Ich scheitere schon an der Inhaltsangabe. In der Zukunft schreibt ein Computer ein Poem, dass Mathias Senkel übersetzt. Bei einer Programmiererspartakiade 1985 verschwindet die kubanische Mannschaft. Die Übersetzerin macht sich auf die Suche. Geniale Erfinder scheitern an der Sowjetbürokratie. Ein sprechender Fisch erfüllt Wünsche nicht ganz so, wie der Wünschende es sich erhofft, Geheimdienste haben ihre eigene Agenda...
 
Es treten über 60 Personen auf, die halb reale, halb fiktive Geschichte umfasst eine Zeitspanne von 1821-2023 und die Kapitel sind nicht konventionell geordnet (das Nachwort wird schon im ersten Drittel untergebracht, das Personenverzeichnis findet sich in der Mitte, der Text wird ab und an von Bildern, einem Witzelexikon, wahren oder falschen Auszügen aus enzyklopädischen Werken unterbrochen)... Hut ab vor dem fundiertem Wissen des Autoren. Die Schreibweise ist wirklich sehr authentisch sowjetisch, es gibt etliche Informationen besonders zu einer Verbindung aus Informationstechnik und Literaturwissenschaft/Kulturgeschichte und etliche schöne Anekdoten. Dem habe ich mich allerdings nicht immer gewachsen gefühlt. Es ist sehr schwer, der Handlung zu folgen und die wahren und falschen Informationen auseinander zu halten. Und das, obwohl ich russische Literaturwissenschaft studiert habe. Es ist, als hätte der Autor etwas übereifrig beweisen wollen wie viel er weiß und sich ausgedacht hat. Sicherlich ist das auch sein Konzept, für das er auch mit Preisen ausgezeichnet wurde, aber darunter leidet die Lesbarkeit.
Es steckt sehr viel Humor zwischen den Zeilen und auch die Schreibweise ist sehr schön. Mir war es aber oft zu anstrengend, den Gedankengängen des Autors zu folgen. Zu vieles bleibt vage und es gibt mehr lose Enden als Auflösungen.
Ein Buch für Liebhaber. Wissen über Informationstechnik, Geschichte und Kultur der Sowjetunion helfen sehr beim Lesen. Menschen, die damit nichts anfangen können, werden sich vermutlich schnell verloren fühlen. Ein Buch, zu dem man ganze literaturwissenschaftliche Seminare abhalten könnte. Insofern ziehe ich den Hut vor dem Wissen des Autors, bin aber persönlich etwas genervt davon, wie er es dem Leser absichtlich schwer macht, der Handlung zu folgen.

Kommentare: 1
17
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 21 Bibliotheken

auf 2 Wunschlisten

von 2 Lesern aktuell gelesen

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks