Matthias Waechter

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Cover des Buches Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert (ISBN: 9783406736537)

Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert

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Erschienen am 16.05.2019

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Cover des Buches Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert (ISBN: 9783406736537)M

Rezension zu "Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert" von Matthias Waechter

Fundiert und flüssig zu lesen
michael_lehmann-papevor 2 Jahren

Fundiert und flüssig zu lesen

Wenn Waechter nach seinem umfassenden Blick auf die „Grande Nation“ von der Zeit um 1900 (noch in den Nachwehen der kriegerischen Niederlage gegen Deutschland 1870/71 beeinflusst) und seiner sorgfältigen Nachzeichnung des bewegten 20. Jahrhunderts mit erstem und zweitem Weltkrieg, Standhaftigkeit und überrollt werden, innerer Zerrissenheit und Neuformierung unter De Gaulle, Aufstieg zur Atommacht bei immer im Raume stehender Gefahr innerer Spaltungen am Ende seinen letzten Hauptteil überschreibt mit „Die verunsicherte Nation 1981 bis 2002), dann ist deutlich erkennbar, wie diese Geschichte des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein prägend reicht.

Denn Macron und die Gelbwesten, wenig gestaltete Immigrationspolitik in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts (wovon allein schon die Banlieus um Paris herum beredt sprechen), wirtschaftliche Schwierigkeiten, ein spürbar zunehmender Druck auf die Lebensweise und Lebensverhältnisse in Frankreich, die über lange Zeiten hinweg doch eher tradiert sich vollzogen haben, im Blick auf einerseits die immer stärker werdende Notwendigkeit zu Reformen und demgegenüber ebenso starke Beharrungskräfte im Land mitsamt einer furiosen Veränderung lange als „gesetzt“ geltender politischer Handlungsweisen und immer dergleichen politischen Akteure, all das ist seit längerer Zeit bereits im Raum und spitzt sich durchaus politisch und wirtschaftlich erkennbar weiter zu.

„Europa ist unsere Gegenwart, aber unsere Geschichte bleibt im Nationalen verwurzelt“.

Mit diesem einleitenden Satz setzt Waechter genau diese Problematiken in den größeren Zusammenhang. Das einerseits eben „groß“ als Nation sein, international verflochten als Grundlage, mit „Glanz und Gloria“ mitreden am „Tisch der Weltmächte“ und auf der andern Seite, auch das arbeitet dieses Buch heraus, doch in nicht wenigen Bereichen eng denkend, national der Vergangenheit bis in alltägliche Lebensvollzüge hinein stark verhaftet und mit eher wenig spürbarer Lust, dies alles in Frage zu stellen. Eine Spannung, eine Reibung, die nicht erst in jüngster Vergangenheit das Leben in Frankreich nachhaltig prägt.

Eine Widersprüchlichkeit, die in historischen Linien eigentlich sich als Alltag gefestigt hat und die Waechter als profunder Kenner Frankreichs und dennoch mit notwendiger Distanz inhaltlich und sprachlich hervorragend aufarbeitet.

Und es ebenso nicht versäumt, die Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert (zumindest) in den, im Guten wie im Bösen, eng verflochtenen europäischen Rahmen jederzeit mit zu stellen.

„Frankreich ist unser Vaterland, Europa ist unsere Zukunft“ (Mitterand). Aber wie verhält sich beides zusammen und wie sind die Wechselwirkungen zu verstehen auf das innere Selbstverständnis Frankreichs, dass ja in sich bereits einen breiten Spagat zwischen den durchaus stark unterschiedlichen traditionellen Selbstverständnissen der einzelnen Gebiete in sich trägt?

Spannende Fragen, die Waechter nicht oberlehrerhaft mit einfachen Antworten versieht, sondern derer er sich sehr differenziert nähert und damit dem Leser eindrucksvoll vermittelt, wie komplex das nationale Gebilde Frankreichs in sich und in Bezug auf seine internationalen Verflechtungen sich darstellt.

Und vieles gibt die Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert dafür her, dass auch auf andere Nationen und politischen Strömungen angewandt werden kann. Was allein schon die Zeit des zweiten Weltkriegs mit seiner einerseits Anpassung und andererseits erbitterten Resistance gegen die Besatzer zum Ausdruck kommt, was aber auch in einem tiefen Blick auf die nicht unbedingt rühmliche Kolonialgeschichte Frankreichs mit einschließt, in der vielfache bereits zu frühen Zeitpunkten des letzten Jahrhunderts gewalttätige Spannungen fast fest installiert hat.

Ist es Widerstandlust oder politisches Unvermögen, das eine ganze Reihe bedrängender Konflikte, von der Algerienfrage zu Zeiten bis zur Frage der Migranten in Frankreich der Gegenwart, von prächtigen Uniformen und Aufmärschen bis zu fast bürgerkriegsähnlichen Zuständen (schon zu 68er Zeiten) die Geschichte der Nation bestimmt oder sind es reine Sachzwänge oder die festen Traditionen der französischen Gesellschaft mit ihren Reibungen zwischen Stadt und Provinz, Norden, Mitte und Süden, die am Ende die Ursache für die Gemengelage sind?

Oder hat alles seinen Einfluss?

Fragen, denen sich Waechter kundig stellt, sich dabei nicht verzettelt, sondern den roten Faden für den Leser jederzeit erkennbar im Raum hält.

Eine hervorragende und überaus informative Lektüre, die die Komplexität der historischen Entwicklung mit ihren Ursachen und Wirkungen bestens darstellt.

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