Das angehaltene Leben

von Maurizio Torchio 
5,0 Sterne bei1 Bewertungen
Das angehaltene Leben
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In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter

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Inhaltsangabe zu "Das angehaltene Leben"

Ein Mann sitzt seine lebenslängliche Strafe in der Einzelhaft ab – er hat die Tochter des „Kaffeekönigs“ entführt, später dann seinen Wärter umgebracht. Er klagt nicht an, sondern beschreibt, wie das Gefängnis Tag für Tag mehr zum eigenen Körper wird: „Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm.“ Maurizio Torchio ist etwas Einzigartiges gelungen: Mit sparsamsten Worten macht er die absolute Gegenwart, die pulsierende Leere der Haft physisch erfahrbar. Ein Roman wie ein Faustschlag, in dem das „Gefangensein“ auch eine Metapher ist für das Menschsein.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783552058217
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:240 Seiten
Verlag:Zsolnay, Paul
Erscheinungsdatum:20.02.2017

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    JulesBarroiss avatar
    JulesBarroisvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter
    Gefängnisse sind die Eingeweide der Welt

    Das angehaltene Leben - Maurizio Torchio (Autor), Annette Kopetzki (Übersetzer), 240 Seiten,  Paul Zsolnay Verlag (20. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3552058217
     
    Die Handlung dies Romans von Maurizio Torchio können wir in ein paar kurzen Worten beschreiben: Ein Häftling erzählt in der ersten Person von seinen Erfahrungen in Einzelhaft, in einem nicht näher bezeichneten Gefängnis, auf einer nicht spezifizierten Insel.  Der Mann war für die Entführung einer jungen Frau verurteilt worden und später wurde seine Strafe um einen Mord erweitert, den er während seiner Haft begangen hat. Der Autor fügt mit großem Geschick Schnipsel des Gefängnislebens mit der Rekonstruktion der Entführung im Wechsel zusammen. Der Text zeigt den ständigen Abstieg des Ich-Erzählers, der weder Name noch Alter hat und so für eine allgegenwärtige Zeit spricht, eine Art von Geschichte wie ein alter Mythos, eine Art der Geschichten, die sich mit den tiefsten Wurzeln unseres Wesens beschäftigen: Was ist der Mensch? Und das vor allem, weil der eigentliche Protagonist nicht der Häftling ist, noch seine Mitgefangenen, noch der Gefängnisdirektor noch die Wächter. Keiner von ihnen hat einen wirklichen Namen, noch eine bestimmte Identität, sondern wird lediglich über seine Funktion definiert. Nein, der eigentliche Protagonist scheint mir das Gefängnis selbst zu sein. Diese Demütigungen aus Isolation, Dunkelheit, Stille und dem Mangel an körperlichen Kontakten. Das Gefängnis ist ein integraler Bestandteil der Gesellschaft und als solcher ihr Spiegel.  Das Gefängnis wird als Gegenpol zum Chaos gesehen, wo es gilt den Idealzustand der Disziplin zu bauen und zu verwalten. So wie beim Ursprung der Schöpfung, als am Anfang das Wort war, und Namen noch nicht existierten. „Als meine Worte noch etwas wert waren, habe ich geschwiegen. Jetzt will ich reden.“ (Seite 30). Das Gefängnis, dieser extreme Bereich, diese von Torchio mit wissenschaftlicher Genauigkeit und authentisch-existentiell beschriebener Wirklichkeit, ist irgendwie der Rand der Welt und des Lebens und gleichzeitig der Zustand, in dem der Erzähler seine äußerste Grenze findet. Maurizio Torchio gelingt es, seinem Protagonisten eine glaubwürdige Stimme zu geben, die etwas Schreckliches und Außerordentliches in sich hat. In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter, so dass wir einen Mann, der eine böse Tat begangen hat und damit als schlecht anzusehen ist, zugleich als Opfer sehen. Er nähert sich der zutiefst menschlichen Frage, was gut und was böse ist. Ihm gelingt es, uns einen wirklichen Einblick in die Komplexität der menschlichen Seele zu geben. Herausgekommen als stilistisches und strukturelles Ergebnis ist eine sehr kompakte Erzählung,  ein hartes Buch, aber interessant, gut geschrieben und vor allem wirksam. Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-angehaltene-leben/978-3-552-05821-7/ Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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    JulesBarroisvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter
    Gefängnisse sind die Eingeweide der Welt

    Das angehaltene Leben - Maurizio Torchio (Autor), Annette Kopetzki (Übersetzer), 240 Seiten,  Paul Zsolnay Verlag (20. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3552058217

     

    Die Handlung dies Romans von Maurizio Torchio können wir in ein paar kurzen Worten beschreiben: Ein Häftling erzählt in der ersten Person von seinen Erfahrungen in Einzelhaft, in einem nicht näher bezeichneten Gefängnis, auf einer nicht spezifizierten Insel.  Der Mann war für die Entführung einer jungen Frau verurteilt worden und später wurde seine Strafe um einen Mord erweitert, den er während seiner Haft begangen hat.

    Der Autor fügt mit großem Geschick Schnipsel des Gefängnislebens mit der Rekonstruktion der Entführung im Wechsel zusammen.

    Der Text zeigt den ständigen Abstieg des Ich-Erzählers, der weder Name noch Alter hat und so für eine allgegenwärtige Zeit spricht, eine Art von Geschichte wie ein alter Mythos, eine Art der Geschichten, die sich mit den tiefsten Wurzeln unseres Wesens beschäftigen: Was ist der Mensch?

    Und das vor allem, weil der eigentliche Protagonist nicht der Häftling ist, noch seine Mitgefangenen, noch der Gefängnisdirektor noch die Wächter. Keiner von ihnen hat einen wirklichen Namen, noch eine bestimmte Identität, sondern wird lediglich über seine Funktion definiert. Nein, der eigentliche Protagonist scheint mir das Gefängnis selbst zu sein. Diese Demütigungen aus Isolation, Dunkelheit, Stille und dem Mangel an körperlichen Kontakten. Das Gefängnis ist ein integraler Bestandteil der Gesellschaft und als solcher ihr Spiegel.

    Das Gefängnis als Chaos, als Idealzustand der Disziplin zu bauen und zu veralten. So wie der Ursprung der Schöpfung, wenn am Anfang war das Wort, und Namen noch nicht existierten. „Als meine Worte noch etwas wert waren, habe ich geschwiegen. Jetzt will ich reden.“ (Seite 30).

    Das Gefängnis, dieser extreme Bereich, diese von Torchio mit wissenschaftlicher Genauigkeit und authentisch-existentiell beschriebener Wirklichkeit, ist irgendwie der Rand der Welt und des Lebens und gleichzeitig der Zustand, in dem der Erzähler seine äußerste Grenze findet.

    Maurizio Torchio gelingt es, seinem Protagonisten eine glaubwürdige Stimme zu geben, die etwas Schreckliches und Außerordentliches in sich hat.

    In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter, so dass wir einen Mann, der eine böse Tat begangen hat und damit als schlecht anzusehen ist, zugleich als Opfer sehen. Er nähert sich der zutiefst menschlichen Frage, was gut und was böse ist. Ihm gelingt es, uns einen wirklichen Einblick in die Komplexität der menschlichen Seele zu geben.

    Herausgekommen als stilistisches und strukturelles Ergebnis ist eine sehr kompakte Erzählung,  ein hartes Buch, aber interessant, gut geschrieben und vor allem wirksam.

    Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-angehaltene-leben/978-3-552-05821-7/

    Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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    Ein eindringlicher Roman aus Italien, der das Leben in Gefangenschaft körperlich spürbar macht

    „Mitunter fühlt man sich an einen Roman von Kafka erinnert, denn die auf einer Insel gelegene Strafanstalt wird zur Metapher für die condition humaine“. Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 01.04.17
    „Von Anfang an macht die Sprache ‚Das angehaltene Leben‘ so besonders: Karg, registrierend und präzise ist sie, aber auch erfüllt von Wärme und Mitgefühl.“ Martin Becker, Deutschlandradio Lesart, 19.04.17
    „Auf den 240 Seiten dieses dicht gestrickten Romans sitzt jeder Satz wie ein wuchtiger Faustschlag. Kein Wort ist überflüssig, es fehlen die Binde- und die Füllwörter. Auf jeder Seite herrscht eine heilige Nüchternheit der Sprache unter der bestechenden Präzision und Genauigkeit einfacher, parataktischer Sätze von dennoch höchster Kunst." Volker Breidecker, 29.06.17
    „Torchios Sprache ist karg, präzise, manchmal scheinbar brutal, dann wieder von einer zarten Aufmerksamkeit und gesättigt von sensibler Beobachtung. Ein atemberaubender Roman." Ulfrid Kleinert, Sächsische Zeitung, 09.12.17

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