Max Czollek

 3.7 Sterne bei 7 Bewertungen
Autor von Lyrik von Jetzt 3, Desintegriert euch! und weiteren Büchern.

Neue Bücher

Desintegriert euch!

 (3)
Neu erschienen am 20.08.2018 als Hardcover bei Hanser, Carl.

Alle Bücher von Max Czollek

Lyrik von Jetzt 3

Lyrik von Jetzt 3

 (4)
Erschienen am 05.10.2015
Desintegriert euch!

Desintegriert euch!

 (3)
Erschienen am 20.08.2018
Jubeljahre

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Erschienen am 09.03.2015
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Erschienen am 01.03.2012

Neue Rezensionen zu Max Czollek

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J

Rezension zu "Desintegriert euch!" von Max Czollek

Integrationstheater
jamal_tuschickvor 3 Monaten

Bei jeder Betrachtung Westdeutschlands als scheinselbständige Wiederaufbaugesellschaft erscheint nichts deutlicher als die Verdrängung der Schuld. Die Hauptaufgabe aller Gestalter bestand in Hinterzimmer- und Herrenrundenumdeutungen des faschistischen Deutschlands und seiner Niederlage. Die Niederlage wog viel schwerer als der Holocaust. Im III. Reich war die Geschichte verunglückt. Bei Bedarf war Hitler gar kein Deutscher. Zugleich war unter dem Österreicher nicht alles schlecht gewesen. Ein nahezu antinomisches Unterfangen wurde zum Erfolg geführt. Die Kontinuität deutscher Geschichte blieb für zukünftige (wieder souveräne) Generationen gewahrt, unter einer Patina der Ein- und Zugeständnisse - dem hochmütig-hohlen Verlierersprech des Premiummenschen. Die rechten Ränder von CDU und CSU boten völkischem Einvernehmen genug Lebensraum. In der Gesellschaft von Franz Josef Strauß konnte sich ein Trotzpatriot auf der Höhe der Zeit und im Einklang mit den herrschenden Kräften fühlen. Zum Konsens gehörte die bürgerliche und kleinbürgerliche Rahmung des nationalsozialistischen Volksgenossen. Nach Fünfundvierzig wehten die Reichskriegsflaggen über den Kolonien der Schrebergärtner. Das völkische Denken hörte (als braungrünes Gemisch) nie auf selbstverständlich zu sein. Die Erhaltung des nationalistischen Grundstocks fand weiterhin als vaterländische Pflicht Anerkennung. Verrat beging und Söldner war, wer in den Sechzigerjahren als deutscher Athlet besserer Verdienstmöglichkeiten wegen nach Italien ging.

Desintegrative Eskalation

Max Czollek, geboren 1987 in Berlin, versteht sich und seine Freund*innen als „Teil dieses Landes, auch wenn wir uns mit dem neuen deutschen Nationalstolz nicht identifizieren … wir sind Teil dieses Landes, das jenseits allen Leitkultur- und Integrationsgelabers existiert. Was bedeutet, dass wir die Rolle nicht annehmen, die uns bei der Inszenierung der deutschen Normalität zugedacht wurde“.
Während seine Eltern „im Nichts wurzelten“, wurde die Entwicklung des Nachgeborenen von jüdischen Institutionen begleitet. Da wuchs mit ihm das „Wir“ heran, dominiert von postsowjetischen Einwanderern, die gelegentlich mit Russlanddeutschen verwechselt wurden. Da liegt noch Romangold. Czollek rechnet sich zu den Inglourious Poets, die „Rache als Selbstermächtigung“ üben und wenigstens davon träumen:

„Schon als ich ein kleines Kind war, hatte ich Gewaltphantasien. Ich lag im Bett und stellte mir vor, wie ich Nazis die Arme abschlug.“

Max wollte zurückschlagen. Czollek erkennt einen Zusammenhang zwischen dem Fußballpatriotismus im Sommer der Weltmeisterschaft 2006 im Sinne eines kollektiven Befreiungsschlags - und einer Enthemmung, die von vielen als „Normalisierung“ wahrgenommene wurde. Die Normalisierung (Enthemmung) gipfelte im Einzug der AfD in den Bundestag 2017.

Die Koordinaten einer „negativen Symbiose“ (Dan Diner) bestimmen Leute, die auf Achtundsechzig so abweisend reagieren wie ihre Eltern auf den Holocaust reagiert haben. Vermutlich brauchen sie das „deutsche Gedächtnistheater“ (Y. Michal Bodemann) nicht, in dem sich ältere und anders gestrickte nichtjüdische Deutsche nicht nur exkulpieren, sondern, so Czollek, kulturelle Exploitation & Appropriation mit pornografischen Einschlüssen betreiben. Der Autor schützt sich selbst vor „Repräsentationsfracking“, indem er „vom Kapital der Minderheiten“ nichts herausrückt und deshalb auch keine biografischen Geständnisse macht. Eine Armee aus Absaugern wartet nämlich nur darauf, dass so ein Berliner die Tür aufmacht, um ihn als Pfannkuchen auf den Markt zu werfen.

Czollek schildert Schleichwege der „Eingemeindung jüdischer Positionen in den deutschen Entlastungsdiskurs“ aus. Er zeigt, dass ein ausgezeichnetes Gedicht von Nora Gomringer den „Rahmen primärer (Holocaust-) Assoziationen“ nicht sprengt und in seinen konventionellen Bindungen grauenhaft ist. Wenn nicht sogar eklig.

Und es war ein Tag

Und der Tag neigte sich

Und es war Stehen und es war Warten

...

Und es war Weinen ...

Und es waren Waggons ...

...

Und es war ein seltsamer Name

Au-schw-itz

Er erkennt „die banale Abfolge gesellschaftlich etablierter Bilder“, wo immer sie sich im Integrations- und Gedächtnistheater zeigt und „die innere Vielstimmigkeit der Minderheiten“ planiert. Er kommt dahin, wo auch Doron Rabinovici an der Belastbarkeit der zurzeit beschworenen These von einer „christlich-jüdischen“ Synthese zweifelt. Rabinovici glaubt übrigens, dass die Bedingungen der Judenvernichtung in den deutschen und österreichischen Herrschaftsstrukturen unter Verschlusskappen intakt sind.

Der alte Judenhass wird im plötzlich „jüdisch-christlichen Abendland“ gegen „den Islam in Stellung gebracht“, sagt Rabinovici. Czollek sagt nichts anderes. Wer Muslime ausschließt, läuft sich für den Ausschluss der Juden schon einmal warm.

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Rezension zu "Lyrik von Jetzt 3" von Max Czollek

Czollek, Fehr, Prosser (Hgg.): Lyrik von Jetzt 3
Julinovor 3 Jahren

Die Lyrik hat es heutzutage nicht leicht in Deutschland. Die junge, deutschsprachige vielleicht noch schwerer. Umso wichtiger scheint es, dass sich junge Lyriker*innen gegenseitig befruchten und unterstützen. Das Projekt babelsprech hat in den vergangenen zwei Jahren erfolgreich ein Netzwerk Schreibender aus Deutschland, der Schweiz und Österreich geschaffen. Lyrik von Jetzt 3 (Wallstein Verlag) ist nun das literarisch-fulminante Ergebnis dieser Zusammenarbeit. 
Vor zwei Jahren, im Herbst 2013, trafen sich 29 Dichter*innen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland in Lana (Südtirol). Alle sind nach 1980 geboren, alle diskutierten über zeitgenössische, junge Lyrik – wie eine sinnvolle Vernetzung zwischen den drei Ländern entstehen kann und welche Chancen es gibt, Lyrik einem breiten Publikum wieder schmackhaft zu machen. Aus diesem Treffen junger Lyriker*innen entstand das Projekt babelsprech unter der Kuration von Max Czollek (Deutschland), Michael Fehr (Schweiz) und Robert Prosser (Österreich). Zwei Jahre lang trafen sich junge Dichter*innen zum (digitalen) Austausch, zu Lesungen und auf einer Konferenz im April 2015 in Bern. Lyrik von Jetzt 3 versammelt 84 Autor*innen und ihre lyrischen Werke, die ganz unterschiedlich anmuten und doch die Brücken zwischen drei verschiedenen Ländern schlagen. Die Anthologie steht, schon rein äußerlich, in der Tradition der ersten beiden Bände Lyrik von Jetzt 1 und Lyrik von Jetzt 2, beide herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner. Dennoch grenzt sich der dritte Band vor allem durch seinen trinationalen Bezug von seinen Vorgängern leicht ab.

Als Konglomerat neuester, deutschsprachiger Lyrik hält Lyrik von Jetzt 3 thematisch als auch grafisch ganz unterschiedliche Beiträge bereit. Auf gestalterischer Seite ist hier Die Bahn eines Fisches von Sandra Burkhardt hervorzuheben, die sie nicht nur schriftlich darstellt, sondern zudem auch visualisiert. Auch Barbara Arnolds Aus den Tagen 10802-10960 fällt optisch ins Auge. Das Gedicht erstreckt sich in Form eines Tagebuchs über mehrere Seiten, wobei nicht alle Tage mit Ereignissen gefüllt sind. Andreas Bülhoff lässt dagegen seine Texte, plugs, in gleichmäßigen hohlen Vierecken über die Seite laufen und zwingt die Leserschaft zum „Arbeiten“ mit dem Buch. Ein Hin- und Herdrehen bleibt da nicht aus und macht durchaus Spaß. Abwechslung bieten auch Dagmara Kraus’ sowie Mónika Koncz’ Textcollagen, liebe- und gehaltvoll zusammengesetzt aus Papierschnipseln und Zeitungsfetzen.

Thematisch glänzen die Beiträge ebenfalls auf ganz unterschiedliche Weisen. Jan Skudlarek beispielsweise widmet sich einem sehr klassischen Sujet, der Liebe und ihrem Scheitern. Ohne abschließendes Satzzeichen lässt uns Die paar Tage damalszurück mit einem Schluss, der lapidar klingt, aber dennoch nachhallt in den Ohren:

dem Aspekt der Archivierung. Seitdem Du weg bist / hat sich allerhand angestaut. Ich habe das WLAN / nach Dir benannt, ich hoffe das ist okay

In eine ähnlich melancholische Richtung gehen die wunderbar stimmig formulierten Texte von Eva Seck und Elisabeth Steinkellner. Auch Christoph Szalays plus einundzwanzig grad und schlägt einen nachdenklichen Ton an. Dabei referiert der Lyriker immer wieder kritisch auf aktuelle Ereignisse in der Medienlandschaft:

plus dreiundzwanzig grad und unter dir zieht deutschland vorbei immer noch golden immer noch glaenzend / immer noch sommermaerchen so gehen die gauchos, die gauchos die gehen so und so gehn die deutschn, die deutschn / die gehen so also nachdenken ueber rollen und richtungen alles was du wegbiegung nennst flussverlauf vaterlands

Szalays Beiträge zeigen, dass junge Lyrik neben aller Ästhetik auch kritisches Nachdenken über Zeitgeschehen zulässt. So bildet sich in Lyrik von Jetzt 3 ein Porträt der Generation jener, die nach 1980 geboren wurden, ab. 84 Stimmen aus drei Ländern, die etwas zu sagen haben und dies auch noch poetisch verpacken können: Das ist nicht nur schön und bereichernd für die gesamte deutschsprachige Lyriklandschaft, sondern bereitet auch den Weg für die nächste Generation junger Lyriker*innen.

Lyrik von Jetzt 3 beweist, dass es sich durchaus lohnt, für die junge, deutschsprachige Lyrik über Grenzen zu gehen. Die Anthologie verspricht eine kurzweilige, abwechslungsreiche Lektüre und hält mit Gewissheit für jede*n Leser*in ein neues Lieblingsgedicht bereit. Hier kommt einer meiner Lieblingstexte, ein Gedicht von Marina Skalova:

was bleibt

der bach, die erde
die hölzernen wände

das weiss, zwischen den worten

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MarinaBs avatar

Rezension zu "Lyrik von Jetzt 3" von Max Czollek

Lyrik lebt!
MarinaBvor 3 Jahren


Gerade ist der Band Lyrik von Jetzt 3 erschienen. Die ersten beiden Bände wurden 2003 und 2006 von Björn Kuhligk und Jan Wagner herausgegeben. Nun gibt es ein neues Konzept, nun sind es drei Herausgeber, Max Czollek aus Deutschland, Robert Prosser aus Österreich und Michael Fehr aus der Schweiz, die hier junge deutschprachige Lyrikstimmen  unter dem Namen Babelsprech versammeln. Babelsprech.org gibt es schon seit 2013, es wurde als Projekt zur Vernetzung junger Lyriker gegründet. Die Anthologie in Buchform ist im Wallstein Verlag erschienen.

Wieder hat eine ähnliche Debatte unter Lyrikern im Netz begonnen, wie es beim "Jahrbuch der Lyrik" der Fall war. Kanon hin oder her, Altersbegrenzung ja oder nein, politisches oder Naturgedicht... In einer Anthologie werden immer Namen fehlen, die dafür vielleicht in einer anderen vorhanden sind. Ob es nun die "wichtigsten" oder wichtige Stimmen der jungen deutschsprachigen Lyrik sind, ich freue mich über jede Anthologie, die versucht, gute Lyrik zum Leser zu bringen. Der darf dann selbst entscheiden, was er wichtig findet.

Wie hat sich Lyrik in den letzten Jahren verändert, in welche Richtung entwickelt?
Es ist eine für mein Empfinden gelungene Auswahl, die einen spannenden Einblick in die Vielfalt der lyrischen Möglichkeiten bietet. Es lohnt sich in diesen Band einzutauchen,
Ich bin leidenschaftliche Lyrikleserin, bin allerdings wenig geneigt, allzu viel poetologisch zu hinterfragen, zu interpretieren.
Lyrik braucht Zeit beim Lesen. Gedichte muss jeder für sich selbst (er)finden. Meine Auswahl (siehe unten) ist  also eine rein subjektive. Ich empfehle jedem Leser sich auf das Abenteuer Lyrik einzulassen! "Lyrik von Jetzt" bietet dafür eine wunderbare Gelegenheit!

Von Jedem/r sind mehrere Gedichte abgedruckt, so dass sich ein guter Einblick in die Ausdrucksart und -form jedes/r Einzelnen bietet. Überrascht hat mich, wie viele blockartige Texte es gibt, die eher an Kurzprosa als an Lyrik denken lassen (Ist das der neue Trend?). Jedoch gibt es auch Gedichte, die sich aus der Form lösen - fliegende Verse und auch Wortcollagen.
Ich bin schon auf den ersten Seiten fündig geworden. Für mich sind die Gedichte von Anja Kampmann ein großer Einstieg gewesen (und bleiben wohl auch meine Favoriten).
Ebenso wie Marina Skalovas kurze sehr ausdrucksstarke Texte, z.B.:

"was bleibt

der bach, die erde
die hölzernen wände

das weiß, zwischen den worten"

Da ich ein Faible für Collagen habe mag ich auch die Arbeiten von Mónika Koncz. Schöne Entdeckungen waren die Gedichte von Iris Blauensteiner, Elisabeth Steinlechner, Rike Scheffler, Sascha Garzetti, Moritz Gause und Alexander Makowka.

Das Buch wurde kürzlich in der Literaturwerkstatt Berlin vorgestellt und reist mit weiteren Lesungen durch die Lande:
http://www.wallstein-verlag.de/9783835317390-lyrik-von-jetzt-3.html

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