Nagler – Kurt Nagler ist ein alternativer James Bond, nicht vom MI6, sondern vom BND. Trotz des Nationalitätenwechsels hat der ikonische Geheimagent nicht an Charme eingebüßt. Der deutsche Bond stürzt sich stilbewusst und mit einer gehörigen Portion Todesverachtung in seine Abenteuer. Die wechselnden Kulissen sorgen für Abwechslung, die Beschreibungen liefern exotische Akzente, die dem Leser erlauben, sich eine Weile an den unterschiedlichen Schauplätzen einzufinden. Die Handlung vermag durchaus zu überraschen und durchbricht trotz der Genrekonventionen den Horizont des Erwartbaren. Eines sollte schon beim Lesen des Titels, der dem Agenten keine 007 Nummer, sondern die internationale deutsche Vorwahl unterschiebt, deutlich werden, nämlich, dass dieses Buch mit einem Augenzwinkern geschrieben wurde. Nicht zuletzt deswegen gelingt es Kurt Nagler, sich von seinem Vorbild zu emanzipieren, wodurch das Werk seine literarische Eigenständigkeit erringt.
Die Form
Ja, was ist es denn eigentlich? Zu Beginn des rund 200 Seiten starken Buchs findet sich ein erhellendes Vorwort über die Kultfigur James Bond. Diese Einleitung vermag einen sofort für das Agenten-Genre zu erwärmen, selbst wenn einem diese Spielart der Literatur und des Films bislang noch fremd war. Anschließend folgt der Hauptteil, eine spannende action- und abenteuergeladene Geschichte: Dabei handelt es sich um fünf Missionen des besten Agenten des Bundesnachrichtendienstes – Kurt Nagler aus Pullach, München. Es ist kein Roman, sondern eine zusammenhängende Erzählung in mehr oder minder abgeschlossenen Kapiteln. Am ehesten lässt sich das Werk als episodische Agenten-Novelle bezeichnen.
Der Stil
Der Text ist sprachlich zurückhaltend, die Geschichte rasant erzählt. Es gibt keine Stolpersteine. Die an einigen Stellen durch Leerzeilen verdeutlichten Zeitsprünge sind gut gesetzt und erhöhen das Tempo, die Beschreibungen sind wohl dosiert. Max Haberichs Novelle quillt über vor spritzigen Dialogen, die selten ins Beiläufige abdriften, oftmals essayistische Reflexionen anreißen und in die sich auftuenden Gedankenräume stets eine Prise Humor verstreuen. Trotz des rasanten Leseflusses hallen manche dieser Dialogzeilen noch länger nach. Gesellschaftspolitische Fragen werden aufgeworfen, der Diskurs dringt genrebedingt nicht allzu tief unter die Oberfläche. Es sind alltagsphilosophische Einwürfe, um nicht zu sagen kleine Nagelstiche.
Inhalt und zweite Ebene
Kurt Nagler reist um die Welt, etwa nach Südafrika und Indien. Er gibt sich weltmännisch, gebildet, kultiviert. Die Handlung ist ein opulentes Schauspiel, dem man gern folgt, immer wieder durchdrungen von Dialogen, die den Erzählstrom einen Moment entschleunigen, zum Durchatmen und Nachsinnen einladen. Die Charaktere sind durch die Schablone des bond’schen Agentensettings vorgezeichnet und in dieser Hinsicht konsequent. Nagler trifft auf schöne Frauen, teils schlichte, teils jedenfalls selbstbewusste und auf groteske Bösewichte – explizit nicht Bösewicht*innen, was direkt zur zweiten Ebene des Buchs überleitet: Der Autor skizziert eine Realität, in der sich progressive Ideologen stark radikalisieren und zu extremen Mitteln greifen, um ihre Agenden durchzusetzen. Diese diabolischen Kräfte gilt es aufzuhalten. Während Nagler, der deutsche Bond, sich treu bleibt und an seinem ureigenen Wesen, seinem konservativen Wertesystem festhält, hat die Welt sich gedreht. Trotz aller Widerstände gelingt es diesem lebenden Anachronismus, in der satirisch überspitzten Moderne Fuß zu fassen. Nagler bleibt souverän, jemand, der nie zweifelt, zumindest nicht an sich selbst und ist nie um eine Meinung verlegen. Er gewinnt gewiss nicht alle Sympathien, und dennoch muss man ihn irgendwie gern haben. Max Haberichs schnittiger Geheimagent ist ein Relikt, das unerhörterweise seinen Platz in der neuen Welt beansprucht, die Reinkarnation des alten weißen Mannes – und genau wie seine Gegenspieler ist er eine Karikatur.
Die Kultfigur tritt in den Kulturkampf!
Nagler ist ein deutscher Agent, der endlich einmal Held sein darf, ein Held, der in gewisser Hinsicht auch Bösewicht ist, mit der ungeheuerlichen Lizenz zum Töten und mit losem Mundwerk. Er legt den Finger in jede Wunde, die ihm vor die Nase kommt und hält zugleich den Salzstreuer parat. Ob er auf seiner Reise eine Wandlung durchmacht – kaum, vielleicht ein wenig. Das vorliegende Buch ist kein Entwicklungsroman bzw. keine Entwicklungsnovelle. Nagler ist ein Prototyp, jemand, der Erwartungen zu erfüllen hat und sich selbst treu bleibt, bleiben muss. Jede Seite dieser Agentengeschichte sprüht vor Erzähllust, Spott und der Freude an der Provokation. Am besten lässt sich Haberichs Bondpersiflage anhand der Leute charakterisieren, die dieses Werk hassen werden: es sind die Befürworter des Genderns, des Veganismus, des politisch korrekten Blicks auf das europäische Kolonialwesen, die Jäger nach den Ungerechtigkeiten der Welt, die mutmaßlichen Moralisten. Kurt Nagler sagt, was man heute nicht sagen, ja kaum denken darf. Er kämpft nicht nur gegen dunkle Machenschaften, sondern ist zugleich Streiter für einen in die Jahre gekommenen Männertypus und für Werte, die einmal etwas galten. Ob er erfolgreich ist? Nun, um das herauszufinden, lohnt es wahrlich, dieses Buch zu lesen.
Kurt Nagler – Agent 049
Im Auftrag des BND
Brot & Spiele Verlag, Wien 2023
14,8 x 21 cm
Ganzleinen mit Schutzumschlag
204 Seiten. 19,90€
ISBN 978-3-903406-22-3











