Max Melbo

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Cover des Buches Die Königsfälschung: Louis XIV - Operation Kronprinz (ISBN: B01C5NCH9G)
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Rezension zu "Die Königsfälschung: Louis XIV - Operation Kronprinz" von Max Melbo

Andreas_Oberender
Finger weg von diesem Buch!

Vor diesem Buch wird mit Nachdruck gewarnt.

Der Autor des vorliegenden Buches, Max Melbo, ist kein anderer als Volker Elis Pilgrim, der in den 1970er und 80er Jahren in der westdeutschen Männerbewegung aktiv war und mit einigen psychologischen Büchern von sich reden machte. Melbo versucht nachzuweisen, Ludwig XIV. von Frankreich sei nicht der leibliche Sohn Ludwigs XIII. und Annas von Österreich gewesen.

Ludwig XIV. wurde geboren, nachdem seine Eltern 23 Jahre lang kinderlos geblieben waren. Ausgehend von dieser späten Geburt entwickelt Melbo eine umfangreiche Verschwörungstheorie, die von Kapitel zu Kapitel absurder, grotesker und hanebüchener wird. Ludwig XIII. und Anna von Österreich, als Vierzehnjährige miteinander verheiratet (1615), seien beide homosexuell gewesen. Das Königspaar sei nicht willens und in der Lage gewesen, seine Ehepflichten zu erfüllen. Da mit natürlicher Nachkommenschaft nicht zu rechnen gewesen sei, hätten die Kurie sowie die Kardinäle Richelieu und Mazarin beschlossen, ein untergeschobenes Kind als Thronerben auszugeben. Die Krone hätte nicht an die nächsten männlichen Verwandten Ludwigs XIII. fallen dürfen, da dies den Kampf des Papsttums gegen den französischen Protestantismus hätte gefährden können. Das Kind sei von Mazarin in einem süditalienischen Waisenhaus beschafft worden (eine genauere Ortsangabe erfolgt interessanterweise nicht). Der Säugling, der im September 1638 als Kronprinz präsentiert worden sei, sei ein bereits mehrere Monate altes Kind gewesen. Später auf dem Totenbett habe Anna von Österreich ihrem Sohn gestanden, dass er nicht von königlichem Blut sei. Ludwig XIV. habe daraufhin eine "Legitimationsparanoia" entwickelt und Europa mit Kriegen überzogen, um sich und der Welt zu beweisen, dass er der rechtmäßige König Frankreichs sei.

Im weiteren Verlauf des Buches nimmt Melbos Verschwörungstheorie noch wahnwitzigere Formen an: Nicht Heinrich IV. sei der Vater Ludwigs XIII. gewesen, sondern Concino Concini, der Liebhaber der Königin Maria de Medici. Diese wiederum sei nicht die "echte" Maria de Medici gewesen, sondern eine "Doublette". Die echte Maria de Medici, Tochter von Francesco de Medici, Großherzog der Toskana, sei von Francescos zweiter Ehefrau Bianca Cappello beseitigt und ausgetauscht worden. Die "böse Stiefmutter" Bianca habe die ungeliebte Stieftochter Maria loswerden wollen. Die "falsche" Maria sei schließlich unter Vermittlung der Kurie Heinrich IV. als Braut angedreht worden. Melbo springt dann noch weiter ins 16. Jahrhundert zurück: Alle Kinder, die Katharina de Medici ihrem Ehemann, Heinrich II. von Frankreich, geboren habe, stammten nicht vom König, sondern von anderen Männern.

Katharina de Medici, die falsche Maria de Medici und der untergeschobene Ludwig XIV. - sie alle seien Werkzeuge der römischen Kurie gewesen, die habe verhindern wollen, dass Frankreich vollständig dem Protestantismus anheimfalle. Letztlich hätten die Päpste damit Erfolg gehabt - Frankreichs politische und gesellschaftliche Entwicklung sei bis zur Revolution von 1789 "abartig" verlaufen. Geradezu obsessiv befasst sich Melbo mit den angeblich "mafiösen" Strukturen und den homosexuellen Ausschweifungen im Vatikan. Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier jemand seinen Hass auf die katholische Kirche auslebt. Der Höhepunkt wirrer Phantastereien ist mit der Behauptung erreicht, Papst Leo X. (Giovanni di Medici) und Kardinal Giulio de Medici (später Papst Klemens VII.) hätten 1519 die Eltern Katharinas de Medici ermordet (also ihre eigenen Verwandten!), das neugeborene Mädchen an sich genommen und es auf die Aufgabe vorbereitet, Königin von Frankreich zu werden und die Hugenotten auszurotten. Die Tatsache, dass Frankreich 1519 noch gar nicht von der Reformation erfasst worden war, ignoriert Melbo geflissentlich.

Wie viele Verschwörungstheoretiker untergräbt Melbo seine Glaubwürdigkeit durch schlechte Beweisführung und eine sprachliche Präsentation, die seinem Anliegen nicht hilfreich ist, sondern durchweg schadet. Trüge er seine Thesen in sachlichem und nüchternem Ton vor, so könnte man ihn bis zu einem gewissen Grad ernst nehmen. Melbo gebraucht aber die Sprache eines blindwütigen Eiferers, der sich unrettbar in seiner bizarren Gedankenwelt verloren hat. Beinahe jede Seite des Buches strotzt nur so vor sprachlichen Entgleisungen und Schweinigeleien. Melbos Tonfall ist mal salopp und schnoddrig, mal verquast und verschwurbelt, mal zotig, obszön und unflätig. Wortungetüme wie "Seelenverclinchung" und "maternell-Kindes-strangulative Emotions-Einengungen" erschweren Lektüre und Verständnis des Textes. Melbo schreckt auch nicht vor den dümmlichsten Plattitüden und den abwegigsten historischen Vergleichen zurück: Die Franzosen seien "das heterosexuellste Volk der Erde"; drei Viertel aller katholischen Geistlichen seien homosexuell; die Franzosen litten seit Jahrhunderten an einer "Volksneurose" und weigerten sich hartnäckig, die Wahrheit über Ludwig XIV. zur Kenntnis zu nehmen. Katharina de Medici wird als Massenmörderin "Adolfine Hitler" vorgeführt, Kardinal Richelieu als Schöpfer eines "Führerstaates" und eines "vorfaschistischen Geheimdienstes" dargestellt. Mit dem Bau von Versailles habe sich Ludwig XIV. als "Vorläufer Albert Speers" erwiesen. Sogar aus der ungewöhnlich langen Herrschaft von 72 Jahren macht Melbo dem Sonnenkönig einen Vorwurf: Diese "Sitzfleischgroteske" habe etwas "Monströses, Adels-Inadäquates".

Von einer Beweisführung, die geschichtswissenschaftlichen oder gar juristischen Standards genügt, kann bei Melbo nicht im Entferntesten die Rede sein. Melbo räumt ein, es lasse sich nicht zweifelsfrei nachweisen, dass Anna von Österreich lesbisch gewesen sei. Er unterstellt es ihr aber trotzdem, weil ... ja weil die Königin niemals einen Liebhaber gehabt habe. Wäre sie heterosexuell gewesen, hätte sie sich über ihre unglückliche Ehe mit Liebhabern hinweggetröstet. Mit anderen Worten: Das Fehlen außerehelicher heterosexueller Aktivitäten ist für Melbo ein hinreichender Beleg für Homosexualität. Als Beweis dafür, dass Heinrich II. und Heinrich IV. nicht die Väter ihrer ehelichen Kinder gewesen seien, führt Melbo den Umstand an, alle diese Kinder, besonders die Söhne (Franz II., Karl IX., Heinrich III., Ludwig XIII. und Gaston von Orléans), hätten "null politischen Sachverstand" besessen. Deshalb könnten sie nicht die leiblichen Kinder dieser beiden Könige gewesen sein. Heinrich II. und Heinrich IV. hätten ihre Medici-Ehefrauen nicht geliebt und sich außerstande gesehen, Kinder mit ihnen zu zeugen. Deshalb hätten "Zuchtbullen" wie Concini einspringen müssen. Ähnlich unsinnig argumentiert Melbo im Falle Marias de Medici: Sie habe "nichts Vornehmes und Adliges" an sich gehabt, sie habe keine einzige Fremdsprache gesprochen, sie könne deshalb nicht das Kind fürstlicher Eltern gewesen sein. Das ist für Melbo Beweis genug, um die These aufzustellen, Maria de Medici sei in Wahrheit Francesca Dosi gewesen, Tochter einer Florentiner Wäscherin.

Man fragt sich beim Lesen unwillkürlich, in welchem Geisteszustand sich Melbo befand, als er an seinem Buch arbeitete. Wie verbohrt und verblendet muß ein Autor sein, um Lebenszeit und Arbeitskraft in ein solches Buchprojekt zu investieren? Nach der Lektüre wünscht man sich, es gäbe in Deutschland einen Preis für das schlechteste Buch des Jahres. Gäbe es einen solchen Preis, dann hätte es Melbo 2009 mühelos auf die Short List geschafft.

Zu guter letzt ist ein Wort zur Rolle des Verlages angebracht. Heute, da Self-Publishing zunehmend an Attraktivität gewinnt, wird oft die Frage gestellt, wozu Verlage noch nötig seien. Verleger und Lektoren behaupten dann gerne, Verlage seien eine unverzichtbare Instanz der Qualitätskontrolle. Nur Verlage könnten sicherstellen, dass Bücher auf den Markt gelangten, die sprachlich und inhaltlich gut genug seien, um zahlreiche Käufer und Leser zu finden. Melbos Buch bietet indes ein schockierendes Beispiel für verlegerisches Totalversagen. Es ist mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar, warum der Osburg-Verlag - bezeichnenderweise ein weitgehend unbekannter Kleinverlag - Melbos Machwerk in sein Programm aufgenommen hat. Jeder Lektor, der einigermaßen bei Trost ist, hätte das Manuskript nach der Lektüre in den Papierkorb geworfen oder geschreddert. Dass dies nicht geschehen ist, wirft ein grelles Schlaglicht auf die fachliche Inkompetenz, die in Teilen der deutschen Verlagsbranche um sich greift. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im September 2013 bei Amazon gepostet)

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