May Sheldon

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Neue Rezensionen zu May Sheldon

Cover des Buches Bibi Bwana. Weisse Königin des Kilimandscharo (ISBN: 9783857877674)
A

Rezension zu "Bibi Bwana. Weisse Königin des Kilimandscharo" von May Sheldon

Almut_Scheller_Mahmoud
Noli me tangere


Das ist das Motto für die Expedition der Amerikanerin May Sheldon Ende des 19. Jahrhunderts. Und das passt zu ihrer Reisebeschreibung: weißes, zivilisatorisches, elitäres Denken findet Ausdruck im Auftreten in Ballkleid und Perücke, Abendessen mit weißem Tischtuch und allem Brimborium.  Ob die die Diener wohl weiße Handschuhe getragen haben? Lässt sich im Palankin, einer Sänfte, tragen, benutzt mit Vorliebe das Possessivpronomen „meine“ für die Träger. Ein Podium, wenn sie zu „ihren“ Leuten spricht, als ein Stück der Selbsterhöhung. Immer wieder missionarische Töne, wenn es um die Überlegenheit der eigenen Rasse, der eigenen Zivilisation geht. Da passt haarscharf das Zitat von Tagore:

„Zivilisation, Zivilisation, Stolz der Europäer … Wonach du auch strebst, was du auch tust, immer bewegst du dich in der Lüge. Bei deinem Anblick fließen die Tränen, schreit der Schmerz. Du bist die Gewalt, die vor dem Recht gilt. Du bist keine Fackel, sondern eine Feuersbrunst. Alles, was du anrührst, verzehrst du.“

Und sie reist mit 153 auf Sansibar angeworbenen Trägern von der ostafrikanischen Küste bis zum Fuß des Kilimandscharo. Unglaublich, was da alles transportiert besser getragen wurde: „Eine ins Landesinnere reisende Karawane muss alles bei sich haben. Waffen, Tauschwaren, Medikamente,  Proviant, Geld, Geschenke. Und alles gut verpackt gegen Hitze und Regen. Hüte, Sonnenschirme, Glasperlen aller Art,  Stoffe aus Seide und Samt mit Goldspitzen,  Uhren, Streichhölzer, Rasiermesser, Dolche, Glocken, Ringe, Gürtel, Nadeln, Nägel, Puppen, Bilderbücher, Tabak, Tee, Zucker,  Pfeifen, Besteck, Nähmaschinen, Uhren.“


Eine Mary Kingsley, die jahrelang durch Westafrika zog, tat dies allein, ohne große Begleitung und ohne den belastenden Luxus von Tauschobjekten. Isabell Eberhardt, Alexandra David-Néel und Ida Pfeiffer reisten ebenfalls auf eigene, authentische Art. Interessant ist, dass all diese ins Unbekannte aufbrechenden Frauen, auch die nachfolgenden wie z.B. Getrude Bell, alle aus „guten“, wenn nicht sogar wohlhabenden Verhältnissen kamen mit Ausnahme von Ida Pfeiffer. 

So war also das Reisen, das Entdecken, die Konfrontation mit dem Fremden, den weißen Flecken auf den Landkarten schon für sich ein Privileg. Wenn dann dazu noch ein Diplomatenpass kam und die Unterstützung der ent-sprechenden Kolonialbeamten...... 


Natürlich sind die Ansichten dieser gebildeten Frau, die Medizin und Kunstgeschichte studiert hatte, ein Ausdruck ihrer Zeit. Und doch hätte ich grundsätzlich mehr Offenheit für das Neue erwartet, weniger Vorurteile. Schon bei den ersten Seiten sträubten sich mir die Lesehaare. Von ihrem durch den Suezkanal fahrenden Schiff hinab, konnte sie die Nomaden einer Kamelkarawane als „eine Horde Gauner, schmutzige, elende, herunterge-kommene Geschöpfe, wie sie mir noch nie begegnet waren, bar jeglicher Prinzipien samt ihren Kamelen und ihrem Ungeziefer, sich ihren Lebens-unterhalt mühselig durch Verschlagenheit, Erpressung und Betteln verdienend,“ klassifizieren. Was für ein scharfer „weißäugiger“ Blick.



Später dann hat sie immer mal wieder Verständnis und sogar Sympathie für die „Wilden“ durchschimmern lassen. Und ihnen auch positive Attribute zugestanden. Aber doch immer durchsetzt mit der Prämisse, um wie viel besser diese „Wilden“ ihr Leben gestalten würden, wenn sie sich den europäischen Vorgaben und Gesetzen unterwerfen oder anpassen würden.


Interessant durchaus Details zu den einzelnen Stämmen und ihren Sultanen, zu der Schmuckherstellung, der Position der Schmiede, den Sprachen, den Landschaftsbeschreibungen, zur Botanik und Tierwelt. Zu Polygamie, Hexerei, Aberglauben, Amuletten und zur politischen Situation der englischen und deutschen Kolonialbezirke. Die Beschreibungen des Headmans Hamidi und des Chefdolmetschers Josefe wirken ehrlich und voller Sympathie.

Die Massai kamen ganz besonders schlecht bei ihr weg: Sie “seien Großmäuler und Prahlhänse, durchtriebene Viehdiebe und ohne jegliche Gefühlsregungen, theatralische Muskelprotze ohne wahre Tapferkeit. Ein barbarisches, nicht ausgeprochen negroides Volk, das einen langen Weg zur Zivilisation vor sich hätte, wenn es nicht vorher ausgelöscht würde.” 

Ich frage mich schon, wie May Sheldon zu solchen Urteilen gekommen ist. Sie hat die Sprache der Massai nicht gesprochen. Zeichensprache war gewiss nicht ausreichend. Und auch ihre generelle Idee, immer zwei Dolmetscher einzusetzen, um so an der Mimik des zweiten Unstimmigkeiten abzulesen, konnte gewiss kein ethnische Charakterstudie liefern. 

Was May Sheldon wohl heute zu der speziellen Situation einiger/ vieler Massai sagen würde: den Loverboys an den Stränden von Mombasa für ältere und auch jüngere weiße Frauen. Zu der verkitschten, pseudoro-mantischen  Liebesgeschichte der “Weissen Massai”, die aus ihrer Erfahrung ein Geschäftsmodell der Eigenvermarktung gebastelt hat…..


May Sheldon war ein Kind ihrer Zeit mit entsprechend rassistischem Dünkel und einem Hang zur Selbstinszenierung. Aber was war die eigentliche Triebkraft hinter dieser Reise, die sie selbst zum Schluss so glorifiziert: „Eine Frau allein 1000 Meilen durch Stammesgebiete, ohne Blutvergießen.“


„Afrika schien zur Kolonialzeit auf gebildete zielstrebige, von Ehrgeiz ange-feuerte Männer die Faszination eines sagenumwobenen abenteuerlichen Kontinets auszuüben.“ Und heute sind es besonders Frauen, die den Lockungen des Dunklen Kontinents erliegen, natürlich nicht nur die Verliebten der Beaches von Mombasa, da gibt es berühmtere Beispiele wie Tania Blixen, Kuki Gallmann etc.

Eine trotz aller Bedenken interessante Lektüre, aber recht langatmig, dem Text fehlen Verve, Leidenschaft, Lebendigkeit und eine tiefer gehende Faszination. 


















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