Maylis de Kerangal

 4.3 Sterne bei 11 Bewertungen
Autorin von Die Lebenden reparieren, Die Brücke von Coca und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Maylis de Kerangal

Die französische Schriftstellerin Maylis de Kerangal wurde 1967 in Toulon geboren und studierte Geschichte und Philosophie. Ihre Werke wurden vielfach ausgezeichnet. Ihr aktueller Roman "Die Lebenden reparieren" erschien bei Suhrkamp und wurde in Frankreich bereits groß gefeiert.

Alle Bücher von Maylis de Kerangal

Die Lebenden reparieren

Die Lebenden reparieren

 (8)
Erschienen am 11.07.2016
Die Brücke von Coca

Die Brücke von Coca

 (2)
Erschienen am 16.04.2012
Eine Welt in den Händen

Eine Welt in den Händen

 (0)
Erschienen am 17.06.2019
Mend the Living

Mend the Living

 (1)
Erschienen am 23.06.2016
Réparer les vivants

Réparer les vivants

 (0)
Erschienen am 01.05.2015
Naissance d'un pont

Naissance d'un pont

 (0)
Erschienen am 12.01.2012

Neue Rezensionen zu Maylis de Kerangal

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darklittledancers avatar

Rezension zu "Mend the Living" von Maylis de Kerangal

One of My Favorites in 2016
darklittledancervor 2 Jahren

When Simon is declared brain dead after an early morning accident, it becomes clear that his organs could save lives if only his parents would approve. But there isn't much time to decide, organs deteriorate quickly and the clock is ticking.

As soon as we enter the hospital, we meet all kinds of people involved in Simon's case. There is Cordelia Owl, a young nurse who is new at the hospital, Thomas Remige the organ donation specialist managing Simon's case, or Claire who needs a new heart. They all have stories to tell and Maylis de Kerangal stops for a heartbeat to give intimate glimpses into her characters' lives. She does it without breaking the pacing of her novel and every story fits like the piece of a puzzle.

Mend the Living is set within a 24-hour time frame and tells the story of an organ donation process. This doesn't sound like much, but superb writing with long meandering, poetic sentences - that must have been awfully hard to translate from French - and great characterization and storytelling make this gripping novel one of the best I have read in 2016.

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Devonas avatar

Rezension zu "Die Lebenden reparieren" von Maylis de Kerangal

Toller Stil und Sprache - absolute Empfehlung
Devonavor 2 Jahren

Der Buchtitel verweist auf ein Zitat aus einem Stück von Anton Tschechow: “Die Toten begraben und die Lebenden reparieren”. Maylis de Kerangal hat ein Buch geschrieben über 24 Stunden im Dasein von Organen: lebenswichtigen Organen zwischen Leben und Leben, flankiert vom Tod. Sie protokolliert mit teilweise schonungsloser Offenheit den Prozess der Organspende vom Hirntod des 19-jährigen Simon bis hin zum ersten Schlag des Herzens im Körper der 56-jährigen Claire, der ohne Simons Herz kaum mehr Zeit zum Leben bleibt, da ihr eigenes Herz durch eine Herzmuskelentzündung schwerst geschädigt ist.

Die Autorin bedient sich einer kraftvollen, ruhigen, sehr poetischen Sprache und beginnt ihr Protokoll damit, wie sich drei junge Männer im Morgengrauen leise aus dem Haus schleichen, um Niemanden zu wecken und ihrem Hobby nachzugehen: der Wetterbericht hat die für Surfer perfekte Welle angekündigt. Man begleitet sie auf diesem Trip bis hin zu dem Moment, als einer von Ihnen, ermüdet durch die sportliche Anstrengung, auf der Rückfahrt die Kontrolle über das Auto verliert. Simon ist als Einziger nicht angeschnallt. Im Krankenhaus kann vom diensthabenden Arzt nur noch der Hirntod festgestellt werden.

Es beginnt der “Transplantationsprozess”, viel Zeit bleibt nicht. Zunächst muss der Arzt Révol mit den Eltern Marianne und Sean sprechen, muss den im ersten, unfassbaren Schmerz versinkenden Menschen klar machen, dass ihr Sohn ein lebender Toter ist, eine “Blackbox”, angefüllt mit Organen, die das Leben anderer Menschen retten können. Mehrerer Menschen.

Jede einzelne Zeile liest sich wahnsinnig intensiv, weil Maylis de Kerangal keinen Hauptprotagonisten definiert. Alle an diesem Prozess der Organverpflanzung Beteiligten sind nur ein kleiner, aber unabdingbarer Teil des großen Ganzen, ein Rädchen im Getriebe, aber jeder von ihnen wird dem Leser mit Teilen seines menschlichen Hintergrundes, Teil seiner Biografie im Jetzt und seiner Rolle im Prozess nahe gebracht: sei es die Krankenschwester der Intensivstation Cordélia Owl , die  wegen einer durchgefeierten Nacht und neu aufflammender Liebe zum Exlover übermüdet und emotional etwas neben sich ist und trotzdem ihren Job mit Hingabe und korrekt erledigt. Sie spricht mit dem komatösen Simon, während sie ihn versorgt. Oder der Intensiv-Krankenpfleger Thomas Rémige, der als Leiter der Koordinierungsstelle für Organentnahme vom Arzt informiert werden muss -der Prozess hat strenge Regeln, die einzuhalten sind- und von ihm übernimmt. Der Arzt, der den Hirntod feststellt, ist am Prozess nicht mehr beteiligt, mit Mitteilung an die Eltern ist sein Job erledigt.

Thomas Rémige muss Überzeugungsarbeit leisten, die Eltern sollen, nein: müssen entscheiden. Schnell. Sofort. Im Hintergrund wurde die Datenbank bereits gefüttert: drei potentielle und vor Allem passende Empfänger für Leber, Nieren und Herz wurden gefunden. Sollten die Eltern eine Organentnahme verweigern, muss abgeblasen werden.

Zitat: Doch so sehr die drei Individuen auch denselben Raum und dieselbe Zeit teilen, nichts auf diesem Planeten ist in dem Augenblick weiter voneinander entfernt als diese Eltern in ihrem Schmerz und der junge Mann, der sich ihnen gegenübersetzt hat mit dem Ziel – ja, mit dem Ziel- ihre Zustimmung zur Entnahme der Organe ihres Kindes zu bekommen. Da sind ein Mann und eine Frau , erfasst von einer Schockwelle, aus der Bahn geworfen, in einen Zustand versetzt, in dem die Zeit aufgehoben ist – Simons Tod hat die Kontinuität unterbrochen, aber sie geht weiter, wie eine Ente auf dem Bauernhof, die ohne Kopf weiter läuft, ein Irrsinn- einen Zustand, indem sich die Zeit in Schmerz auflöst, ein Mann und eine Frau, die die ganze Tragödie der Welt in sich vereinen, und da ist dieser junge Mann im weißen Kittel, engagiert und vorsichtig bereit, das Gespräch zu führen und dabei nichts zu überstürzen, der aber im Hinterkopf den Countdown gestartet hat, weil ihm bewusst ist, dass ein hirntoter Körper verfällt und es schnell geschehen muss – in diesem Dilemma steckt er.

Die Autorin reiht Szene an Szene, schnappschussartig, von einer Person zur nächsten, minutiös dem Prozess folgend, nachdem Marianne und Sean ihre Zustimmung gegeben haben und nur die Entnahme von Simons Augen verweigern. Der Leser folgt diesen Szenen, gleichermaßen befremdet durch drei im offenen Körper von Simon um jeden Zentimeter Gewebe für das eigene Transplantat mit- und gegeneinander kämpfende Ärzte, wie auch irgendwie seltsam beruhigt durch die Tatsache, dass die da während ihres Tuns jovial über ihre Tätigkeit miteinander scherzen können: das Leben geht einfach weiter. Und irgendwo da draußen wartet Claire auf ein neues Herz. Schwankend zwischen Hoffen und Bangen, grübelnd über richtig und falsch und einen Toten, der ihr Leben rettet und von dem sie keine Details erfahren wird, sie wird sich bei Niemandem für das Geschenk ihres Lebens bedanken können.

Thomas Rémige hat das den Eltern gegebene Versprechen gehalten und dem Öffnen der Adern des hirntoten Simon erst statt gegeben, als er ihm ein paar letzte Worte seiner Mutter ins Ohr geflüstert hatte. Und nachdem die Kunst der Ärzte Simons nunmehr leere, ausgestopfte Hülle in einen den Eltern zumutbaren optischen Zustand versetzt hat, bleibt Thomas mit dem Toten allein zurück.

Zitat: Thomas ist jetzt allein. Er lässt seine Blicke einmal re Verwüstung, ein Chaos von Geräten und Kabeln, desorientierten Monitoren, benutzten Instrumenten, Berundum schweifen und was er sieht, erschreckt ihn: eingen von schmutziger Wäsche, der OP-Tisch verschmiert und der Boden blutbespritzt. Wer hier hereinschaute, würde im kalten Licht blinzeln und glauben, einen Kriegsschauplatz, einen Ort der Gewalt vor sich zu haben – Thomas schaudert und macht sich an die Arbeit.

Maylis de Kerangal hat nicht nur einen emotional intensiven und nicht immer leicht zu ertragenden -letztendlich aber versöhnlichen- Roman über Leben, Sterben, Hoffnung, Verzweiflung geschrieben, sondern auch -zumindest ging mir das so- den reinen Transplantationsprozess im Detail begreifbar gemacht. Was geschieht wann, wo, wie, warum. Der Ein oder Andere mag danach auch über einen Organspendenausweis nachdenken oder zumindest darüber, mit Angehörigen zu besprechen, was im Falle des Falles mit seinen Organen passieren soll. Ich stelle mir das wie bei Sean und Marianne sehr schwer vor: es gab keinen Anhaltspunkt wie Simon entschieden hätte und genau das sollten sie tun. Nicht für sich entscheiden, sondern für ihren Sohn.

Fazit: keine leichte Lektüre, aber absolut empfehlenswert für Alle, die sich intensiv mit diesem Thema auseinander setzen möchten und gleichermaßen poetische und brutal schonungslose Sprache und einen ungewöhnlichen Erzählstil vertragen können. “Die Lebenden reparieren” geht definitiv richtig tief unter die Haut.

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Buecherschmauss avatar

Rezension zu "Die Lebenden reparieren" von Maylis de Kerangal

Die Toten begraben und die Lebenden reparieren
Buecherschmausvor 3 Jahren


Eine der Urängste eines jeden Menschen: Der eine Anruf, der das ganze Leben erschüttert, der mitteilt, dass ein lieber Angehöriger, im schlimmsten Fall ein Kind, tödlich verunglückt ist. 
Hier ist es der 19 jährige Simon, der nach einem winterlichen Surfausflug am frühern Morgen auf der vereisten Fahrbahn verunfallt. 
Seine beiden Freunde werden nur leicht verletzt, er, nicht angeschnallt, ist hirntod. Irreversibles Koma, EEG-Nulllinie. 
Aber seine jungen, gesunden Organe könnten bei einer Transplantation Leben retten. Eine eigentlich unzumutbare Entscheidung für die Eltern, die doch gerade erst von dem Unglück erfahren haben. Aber die Zeit drängt, die Organentnahme muss zeitnah geschehen, die medizinische Maschinerie in Gang gesetzt werden.

Beginnend mit dem Aufbruch zum Surfausflug folgt der Roman dem Geschehen wie eine Art Protokoll über 24 Stunden. 
Er erzählt von außen, distanziert, kommt aber gleichzeitig ganz nah an die jeweils im Fokus stehende Person heran, sei es der junge Surfer, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte und Pfleger, die Koordinatorin im Transplantationszentrum oder auch die todkranke Frau, deren letzte Hoffnung ein neues Herz ist. 
Er zoomt auf bestimmte Befindlichkeiten, Gedanken, Gefühle, kommt oft schmerzlich, unerträglich nah. Die Perspektiven wechseln ständig, verlieren sich teilweise im Verlauf. 

Dabei verwendet Maylis de Kerangal eine glasklare, sehr schöne, manchmal trotz des schonungslosen Textes nahezu poetische Sprache. 
Sie ist voll der Empathie für ihre Personen, aber frei von jedem Pathos oder gar Kitsch.

"Die Toten begraben und die Lebenden reparieren" ist ein Zitat aus einem Stück Anton Tschechows. 
Und so steht am Ende dieses eindrucksvollen Romans, wenn alle Beteiligten ihre Arbeit müde beendet haben, die Eltern mit ihrem Schmerz zurückbleiben, doch die Hoffnung für vier andere Menschen auf eine Zukunft mit einem neuen Organ. 
Und damit ist das Buch auch eine Ode an das Leben, seine Zerbrechlichkeit und seine Kostbarkeit.

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Maylis de Kerangal wurde am 16. Juni 1967 in Toulon (Frankreich) geboren.

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