1920 in einem Dorf am Rande der Wüste Gobi. Die neunjährige Orchidee spielt unbefangen im Hof und ahnt nicht, was ihr bevorsteht. Die Mutter wird ihr nach chinesischer Tradition die Fußknochen brechen und die Füße bandagieren, damit sie Lotosblüten gleichen. Das war ein Schönheitsmerkmal, nach dem Männer ihre Frauen aussuchten. Jahrelang schreckliche Schmerzen, nur noch mühevolles Trippeln statt spontanes Loslaufen, lebenslange Einschränkungen bei der Fortbewegung waren die Folgen dieser Verkrüppelung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Die Qualen haben sich gelohnt. Orchidee wurde mit einem liebevollen, wohlhabenden Mann verheiratet, mit dem sie dreizehn Kinder bekam. Nur fünf erreichten das Erwachsenenalter.
Als 1949 die Ära des Großen Vorsitzenden Mao Zedong begann, änderten sich für die Chinesen die Lebensverhältnisse in unvorstellbarem Maße. Alle Wohlhandenden, und dazu gehörte Orchidee und ihre Familie, verloren durch die Bodenreform ihren Besitz. Eine Industrialisierungskampagne zwang Millionen Menschen schließlich in eine unermessliche Hungersnot und die „proletarische Kulturrevolution“ war in Wirklichkeit ein unfassbarer Terror, der im Chaos endete.
Die Autorin Mei Shi schildert Orchidees Schicksal eindringlich und sehr authentisch, denn die Protagonistin ihrer Familiensaga war ihre Großmutter. Man empfindet fast selbst die Schmerzen, die sie besonders bei der Feldarbeit erlitt. Denn auf Lotusfüssen konnten Frauen kaum stehen, erst recht nicht gehen. Weitere Qualen bereiteten Hass und Wut der von der kommunistischen Partei aufgestachelten Bauern, Tagelöhner und Wanderarbeiter. Sie sollten an den ehemaligen „Unterdückern“ Rache nehmen.
Dieses historisch wohl einzigartige und in seinem Ausmaß unvorstellbare Geschehen bekommt in Mei Shis Buch ganz individuelle Züge. Beim Lesen begleiten wir Orchidee durch ihr langes, teilweise sehr glückliches, teilweise trostloses Leben. Orchidee, den widerstandsfähigen Tamarisken gleich, als Mädchen, dem die Fußfrau die Zehen bis zur Sohle herunterbiegt und fest bandagiert, Orchidee, als Ehefrau und liebevolle Mutter, schließlich Orchidee, 16fache Urgroßmutter und Dorfälteste, die rauchend in der Sonne sitzt und geduldig auf ihr Ableben wartet.
Hautnahe Berührung und große Spannung erreicht Mei Shi mit ihrem Erzählstil. Sie lebt seit 1990 in Deutschland und hat das Buch in Deutsch verfasst. Eine außerordentliche Leistung. Wir warten ungeduldig auf die Fortsetzung. Die ist in Arbeit, verrät die Autorin.


