Meriel Schindler beginnt nach dem Tod ihres Vaters mit einer atemlosen Spurensuche, die mehrere Jahre dauert und schließlich in diesem umfangreichen Buch endet. Die jüdische Familie Schindler stammte aus Österreich, hauptsächlich aber geht es hier um diejenigen, die das „Schindler-Imperium“ mit Café und Fabrik in Innsbruck betrieben. 1938 endeten die nicht einfach Assimilation und der gesellschaftliche Aufstieg dieser Familie mit dem sogenannten Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich von einem Tag auf den anderen. Aus der wohlangesehenen und wohlhabenden Familie wurden Verfemte, die mehr oder weniger schnell den Weg ins Ausland suchten. Diejenigen, die diesen Weg nicht gehen konnten, wurden ein Opfer der Shoah.
Meriel Schindlers Vater war 1938 12 Jahre alt, erst durch ihre umfangreichen Recherchen fand sie heraus, dass er die Pogromnacht 1938 zwar sehr lebhaft und glaubwürdig schilderte, aber sie überhaupt nicht erlebte. Er war bereits im September 1938 zu seiner Mutter nach London geflohen. Die Autorin stellte weitere Ungereimtheiten fest, ihr Vater berichtete ihr und ihren Schwestern über die Jahre von vielen Dingen, von hochrangiger und prominenter Verwandtschaft. Da er zwar gut reden und sehr charmant sein konnte, aber als Geschäftsmann eine totale Niete war, kam er immer wieder mit Recht und Gesetz in Konflikt. Das Verhältnis von Meriel zu ihrem Vater nahm dauerhaften Schaden, erst nach seinem Tod lernt sie ihn durch ihre vehementen Nachforschungen erst richtig kennen und wohl auch verstehen. Meriel Schindler, in den 1960ern geboren, wuchs zuerst in England auf, musste aber mit 15 Jahren nach Österreich aufs Internat gehen, erst später studierte sie in England. Ganz offenbar verübelte sie ihrem Vater diese zerrissenen Jugendjahre, ein gutes Verhältnis hatten beide wohl nicht mehr. Trotzdem ist es ihr Vater Kurt, dessen Leben sie nach seinem Tod bis ins Kleinste rekonstruiert. Sie beginnt damit bei den Eltern und Großeltern, geht weiter über Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Teilweise sind es schon recht weitläufige Beziehungen, aber zu allen findet sie ungeahnte Details heraus. Die Archive in Österreich, aber auch andere bieten ihr Material in Hülle und Fülle.
Eine interessante Nebenlinie ist Dr. Eduard Bloch, jener jüdische Arzt, der einmal die Mutter von Adolf Hitler behandelte und bis zu deren Tod ihr Arzt blieb. Hitler war Bloch ein Leben lang dafür dankbar, während der Nazizeit hatte Bloch einen sehr besonderen Status, den er aber nicht nur für sich, sondern auch für andere Juden nutzte. Am Ende verließ aber auch Bloch Österreich. Ich kannte diese Geschichte bereits aus dem Buch von Brigitte Hamann „Hitlers Edeljude. Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch“, vor Jahren auch bei Piper erschienen.
Beschämend sind immer wieder die Ereignisse, die sich ab März 1938 in Österreich zutrugen, die Ausplünderung, Verjagung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in einer so rasend kurzen Zeitspanne ist beispiellos. Aber nicht minder beschämend wirken die Berichte über die Restitutionen und Wiedergutmachungen nach 1945. Hugo, Kurts Vater, hatte den Mut, wieder nach Innsbruck zurückzugehen, um dort sein geliebtes Café Schindler wiederzueröffnen. Er braucht nicht nur Mut, sondern einen sehr langen Atem.
Ich will hier diese recht weit verzweigte und verzwickte Familiengeschichte nicht nacherzählen, es lohnt sich wirklich, dieses Buch zu lesen und die Erfahrungen dieser Menschen zu durchleben. Meriel Schindler hatte die Qual der Wahl bei der Auswahl der umfangreichen Recherchematerialien und sie hatte zudem das riesengroße Glück, im Nachlass ihres Vaters viele Fotos und Dokumente gefunden zu haben. Manchmal wurde mir der Text zwar etwas lang, aber immer wieder fand ich dann auch Neues und Interessantes, das mich weiterlesen ließ.
Da das Buch ursprünglich auf Englisch verfasst wurde, hatte die Übersetzerin eine umfangreiche Arbeit, die sie bewältigen musste. Aus meiner Sicht ist ihr das gut gelungen, die deutsche und die englische Version sind sich im Stil sehr ähnlich.
Was mich aber doch geärgert hat, sind gegenderte Begriffe wie „Geflüchtete“ und „Demonstrierende“, das ist eine Art von Modernisierung, die diesem Text und seiner Geschichte nicht gut zu Gesicht steht. Selbst das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR lehnt den Begriff „Geflüchtete“ übrigens ab (Verlautbarung über dpa vom 5.1.2023).
Das Ende dieses Buches lässt die Autorin mit ihrer Familie im „Das Schindler“ in Innsbruck ausklingen, das Restaurant ist wiedererstanden und mausert sich unter einem neuen, nicht mit der Historie des Restaurants verknüpften Inhaber zu einer guten Adresse in der Stadt am Inn. Der Kreis schließt sich hier, das Buch ist fertig und Meriel Schindler zurück im Hier und Heute.
(Der amazon-Titel ist übrigens etwas irreführend. Nicht Meriel Schindler, sondern die Übersetzerin Erica Fischer ist Autorin des Buches »Der Hase mit den Bernsteinaugen«, sowie auch von »Aimee und Jaguar«. Da wurde mit der Werbetrommel ein wenig daneben gehauen.)