Michael Göring Der Seiltänzer

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Inhaltsangabe zu „Der Seiltänzer“ von Michael Göring

"Warum hast du diesen Weg eingeschlagen? Was fasziniert dich an der Welt der Riten, der Heiligen und des Kreuzes?" Voller Sorge und Empörung fordert der Priester Andreas Wingert von der Kanzel herab Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche - bis er selbst unter Verdacht gerät. Nun sucht er Rat und Hilfe bei seinem Freund aus Kindertagen, aber Thomas liegt mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Auf der Rückfahrt von einem Besuch bei Thomas erinnert sich Andreas: An eine Kindheit und Jugend in der westfälischen Provinz, als Thomas und er unzertrennlich waren, an die siebziger Jahre in Berlin und Köln, Wales und München. Danach schlägt Andreas einen ungewöhnlichen Weg ein: Fasziniert von den Ritualen der katholischen Kirche, geht er ins Priesterseminar, während Thomas heiratet und als Geisteswissenschaftler Karriere macht. Die Anfechtungen des Alltags und des modernen Lebens, das Verzicht kaum noch kennt, werden Andreas zur ständigen Herausforderung. Michael Göring erzählt von einer großen, lebenslangen Freundschaft, von religiöser Berufung und von der Gratwanderung eines Priesters heute.

am Ende läßt Autor beide sterben

— BertSieverding
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  • Rezension zu "Der Seiltänzer" von Michael Göring

    Der Seiltänzer
    Gospelsinger

    Gospelsinger

    03. February 2012 um 22:01

    Der Priester Andreas steckt in einer Krise. Ausgerechnet er, der von der Kanzel herab kritisiert hat, auf welche Art die katholische Kirche mit den aufgedeckten Missbrauchsfällen umgeht, wird nun selbst beschuldigt. Ausgerechnet ihm wird nun zum Verhängnis, dass er für die Abschaffung des Zölibats plädiert hat. In seiner Verzweiflung will er, wie immer in solchen Situationen, mit seinem besten Freund Thomas reden. Aber der hat gerade einen Herzinfarkt erlitten und liegt im Krankenhaus. Andreas bleibt nur die Fahrt in seine ehemalige Heimatstadt, um jemanden zu finden, mit dem er sich aussprechen kann. Eine lange Autofahrt bietet eine gute Gelegenheit zum Nachdenken. Andreas lässt sein ganzes Leben und die jahrzehntelange Freundschaft mit Thomas an sich vorbeiziehen. Andreas Wingert und Thomas Johannmeyer haben unterschiedliche familiäre Hintergründe. Der Vater von Thomas ist Finanzbeamter, der von Andreas ein angesehener Orthopäde. Während Andreas die Zwanglosigkeit genießt, die in der Familie von Thomas herrscht, ist Thomas begeistert von dem Bildungsbürgertum der Wingerts. Auch nach der Schulzeit bleiben Andreas und Thomas befreundet, obwohl sie sich beruflich sehr unterschiedlich entwickeln. Andreas fühlt sich zum Priester berufen, während Thomas Geisteswissenschaftler wird, heiratet und Vater wird. Gemeinsam stehen Thomas und Andreas eine Reihe ganz normaler Lebenskrisen durch. Die zwei Zeitebenen der Autofahrt und der Vergangenheit der beiden Freunde verschränken sich immer wieder und geben dem Buch eine ganz eigene Dynamik. Ganz nebenbei wird noch die Geschichte der Bundesrepublik der 70er Jahre lebendig. Dieses Buch ist nicht nur ein Plädoyer gegen den Zölibat. In erster Linie ist es die Geschichte einer Männerfreundschaft, eine Geschichte unterschiedlicher Startbedingungen, eine Geschichte der Entwicklung der Lebensläufe, eine Geschichte über Entscheidungen und Scheidewege. Mich hat dieses hervorragend geschriebene und intelligente Buch stark berührt. Der ruhige Erzählstil und die tiefen Dialoge machten das Lesen für mich zu einem reinen Vergnügen. Lediglich das Ende fand ich unbefriedigend, weil die entscheidende Frage offen bleibt.

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  • Rezension zu "Der Seiltänzer" von Michael Göring

    Der Seiltänzer
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    09. November 2011 um 13:56

    Ein mutiges Plädoyer für eine andere katholische Kirche Andreas Wingert ist Priester, fast 50 Jahre alt. Durchaus mit Leib und Seele. Vor allem aber auch Mensch, zutiefst erschrocken über die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche. Und ein Priester, der bei diesem Erschrecken nicht stehen bleiben will. So macht er sich auf und macht sich stark für eine Reform der katholischen Kirche vor allem im Bereich der verknöcherten, verhärteten, dogmatischen, gnadenlosen Sexuallehre. Eine Kritik auch, die gefüllt ist durch sein eigenes Leben, seine eigenen Widersprüche. Und er tut dies öffentlich und muss nicht lange auf eine Reaktion der „anderen Seite“ warten, Dies aber kommt anders, als der dachte und sich erhofft hätte. „Vielleicht würde es keine Geburtstagsfeier geben, wenn diese verrückten Missbrauchsvorwürfe der Wahnmut erst einmal in die Welt getragen wären.“ Denn er selbst sieht sich zweideutigen Gerüchten plötzlich gegenüber. Gerüchten um „unsittliche Annäherungen an einen Messdiener“. Und dies just in der Folge einer seiner Predigten, in denen er Farbe bekannt, die Forderung nach Veränderungen stellt. Und nun feststellen muss, dass in einer Zeit, in der sich ein Verdacht fast umgehend in ein Urteil verwandelt, es schwer ist, dagegen zu halten. Sein einziger wirklicher Bezugspunkt, sein Freund Thomas, droht zudem noch, ihm abhanden zu kommen. Herzinfarkt, Intensivstation Uniklinik Münster. Auf zwei Zeitebenen nun folgt Michael Göring in wunderbar gesetzter Sprache dem Lebensweg des Andreas Wingert. Zum einen in der Gegenwart, in seinem Kampf um seinen Ruf und um eine Notwendigkeit der Änderung in seiner Kirche und zum zweiten in der Vergangenheit, indem Göring den gemeinsamen Weg seines Protagonisten mit dessen Freund Thomas erinnert. Gerade diese zweite Zeitschiene ist der eigentliche Schwerpunkt des Romans. Einer, der durchaus seine Zweifel hat. Der durchaus den Zölibat nicht wirklich zu leben vermag (eine heimliche Geliebte des Priesters steht im Raum). Behutsam und emotional tief reichend entblättert Göring den Lebensweg, die Prägungen, die Persönlichkeit des Priesters Andreas und setzt ein überaus gelungenes Portrait eines zutiefst menschlichen Mannes und Priesters in den Raum. Eines Menschen, in dem sich eine tiefe spirituelle Persönlichkeit ebenso im Lauf der Jahre entwickelt hat wie eine (offiziell oft zu verbergende) Lebenslust und Lebenszugewandtheit. Ein Mensch, der eigentlich ganz normal und ganz bei sich heranreift und ob der rigiden Regeln der Kirche einen Teil seiner inneren Welt, seiner Befindlichkeit, lernen muss, zu verbergen. An diesem Punkt treffen sich die beiden Zeitebenen und reicht die Person Andreas Wingert im Roman über sich hinaus. Wie Entwicklungen ins Heimliche gedrängt werden, die in sich doch ganz folgerichtig und „menschlich“ sein könnten, wie durch diese Verdrängung in Heimliche hinein auch ganz andere Persönlichkeitsstrukturen ihr zweischneidiges Spiel leben können (hier Priester, dort Päderast zum Beispiel), das erschließt sich quasi „von Innen“ her durch die Lektüre des Buches in durchaus sensibler Weise. Eine Lebensreflektion, die Göring im Buch dialogisch aufarbeitet und dabei ohne erhobenen Zeigefinger den Finger immer wieder ganz einfach auf eine vorhandene Wunde des katholischen Klerus legt. Dass sicher nicht nur beim Protagonisten im Buch die eigentliche Lebensweise, gerade was den sexuellen Bereich angeht, nicht in Übereinstimmung mit der offiziellen Lesart steht. Weder was den Zölibat, noch was Homosexualität, noch was Sexualität an sich angeht. Aus dieser Spannung innerhalb der Person des Andreas Wingert heraus ergibt sich im Buch dieses mit hinein nehmende Element. Beide Seiten haben eben ihre Wurzeln und Berechtigungen in der Person des Priesters. Die spirituelle, der Amtskirche zugeneigte, dort eine Heimat sich schaffende Seite und die andere, lebenslustige, emotionsreiche und auch privat leben wollende Seite. Eie Seite, die Andreas durchaus auslebt und nun auch versucht, diese innere Spannung im Umfeld der Missbrauchfälle mutig zu thematisieren und eine Öffnung für diese Themen ins seiner Kirche zu erreichen. Und auf ein Wegweichen trifft, auf eine Wand, durch die er scheints nicht durchdringen wird, er, der immer Priester und Mensch war und sein wollte und dies, wenn überhaupt, letztlich nur heimlich sein durfte und darf. Keine Frage, dass man das Buch kaum aus der Hand zu legen vermag, bis sich am Ende hin klärt, welchen Weg Andreas für sich finden wird und welchen Umgang die Menschen seiner Gemeinde, seine Kirche und „die Gesellschaft“ mit ihm und seiner Angreifbarkeit finden wird. Michael Göring ist ein sprachlich hervorragendes und emotional tiefes Buch gelungen, in dem er nicht einfach die katholische Kirche an den Pranger stellt, sondern eine zutiefst menschliche Entwicklung im Rahmen dieser Kirche vor Augen führt, die als eigene Person letztlich kaum mit und kaum ohne diese Kirche sich selbst gemäß zu leben vermag. Ein schmaler Grat, den Andreas zu leben versucht und den Göring präzise darstellt. Ein Versuch, dem das Titelbild des einsamen Mannes auf dem Steg hervorragend gegenüber korrespondiert. Einer, dessen „Lebensnetz“, dessen „äußere Heimat“ droht, verloren zu gehen, Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, nicht nur für Kirchenkritiker.

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