Michael Grüttner

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Brandstifter und Biedermänner

Brandstifter und Biedermänner

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Erschienen am 25.04.2015

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Rezension zu "Brandstifter und Biedermänner" von Michael Grüttner

Breite Darstellung eines großen Themas
steijner12vor 3 Jahren


Michael Grüttner bietet für die ersten Jahre des Dritten Reiches eine breit angelegte Darstellung zu Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Militär und Kultur bis hin zum Geschlechterverhältnis auf der Grundlage aktuellster internationaler Forschung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der offenkundigen Popularität des NS-Regimes, ihren Ursachen und ihren Grenzen. Die Analyse zeigt, dass Hitler einen weiteren großen Krieg schon Mitte der 1930er Jahre auch als Chance verstand, die Juden und andere unerwünschte Minderheiten gewaltsam zu beseitigen.


Dieses Buch interpretiert die Geschichte des Nationalsozialismus in Anlehnung an Max Frisch als Zusammenspiel von »Brandstiftern« und »Biedermännern«. Als »Brandstifter« werden diejenigen bezeichnet, die die ideologischen Kernziele der Nationalsozialisten – Eroberung von »Lebensraum« und die Rassenideologie – aktiv vertraten. Ihre Politik steuerte von Anfang an auf einen neuen Krieg zu. Doch die Massenbasis des NS-Regimes bildeten die »Biedermänner«, nicht die »Brandstifter«. Die »Biedermänner« – und auch die »Biederfrauen« – empfanden die Jahre von 1933 bis 1939 als die lang ersehnte Rückkehr zu Normalität, Prosperität und Stabilität. Sie freuten sich über die Wiederherstellung von »Ruhe und Ordnung«, während die Zerstörung des Rechtsstaats von ihnen nur beiläufig registriert wurde. Die »Biedermänner« bejubelten Hitlers außenpolitische Erfolge, verdrängten aber lange Zeit die gleichzeitig stattfindenden Kriegsvorbereitungen. Als Hitler und seine Paladine 1938 zu einer Politik des »alles oder nichts« übergingen, zeigte sich jedoch, dass dauerhafte Stabilität mit den langfristigen Zielen der nationalsozialistischen Führung unvereinbar war. (Quelle: Klett-Cotta)



Abbildung: Klett-Cotta 

Die Geschichte des Dritten Reichs ist beinahe lückenlos erforscht un dennoch  bleibt die Frage: Warum nur konnte sich ein brutales Regime derart ungehemmt entfalten, ohne nennenswerten Widerspruch der Mehrheit der Deutschen? Michael Grüttner geht in seinem vielseitigen Werk  "Brandstifter und Biedermänner"  auch dieser zentralen Frage nach.

"Ein wesentlicher Grund ist auf jeden Fall die Tatsache, dass die Weimarer Republik in den Augen der meisten Deutschen 1933/34 vollkommen diskreditiert war. Es gab dann einen zweiten Punkt, der wichtig war: dass viele Menschen 1932/33 das Gefühl hatten, dass man eigentlich nur die Alternative hatte zwischen Nazis und Kommunisten. Und da erschien auch vielen, die keine Nazis im engeren Sinne waren, die NDSAP als das kleinere Übel."

Grüttner bietet seinen Leserinnen und Lesern eine umfangreiche und vielseitige Einführung in die sogenannte "Friedenszeit" des "Dritten Reichs", zudem resümiert er immer wieder anschaulich die großen akademischen Kontroversen, etwa über den Nationalsozialismus als politische Religion oder über Hitlers charismatische Herrschaft.

Für den breiten Leserkreis, an den sich Michael Grüttner – Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin – wendet, ist die Verbindung von erzählender Darstellung und Forschungsbericht Gewinn bringend. Sein Buch ist nicht einfach nur eine weitere Analyse der NS-Diktatur. Es gibt einen Überblick, bilanziert die bisherigen Forschungen und ist anschaulich erzählt, greift etwa immer wieder zeitgenössische Quellen auf, zum Beispiel die Deutschland-Berichte der Exil-SPD oder auch Tagebücher wie die des Dresdener Romanisten Viktor Klemperer oder des amerikanischen Journalisten William L.Shirer. Zudem lenkt Grüttner das Augenmerk auf gesellschaftliche Themen, zum Beispiel auf den Sport in der NS-Diktatur.

Zahlreiche Themen dargestellt

Michael Grüttner gelingt es, nahezu alle Themenfelder in der Geschichte des "Dritten Reichs" darzustellen. Und immer wieder zieht er den Bogen über die zentrale Zäsur des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939 hinaus, schildert Kontinuitäten in der nationalsozialistischen Politik vor und nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Für die letzten zwei Jahre vor Kriegsbeginn verzeichnet er beispielsweise eine nochmalige Radikalisierung der NS-Diktatur, innen- und außenpolitisch.

Die umfangreiche, meist tiefschürfende und eine riesige Menge an Forschungsliteratur überblickende Darstellung ein empfehlenswertes Buch. Es eignet sich als eine viele Perspektiven eröffnende Einführung in die komplexe Geschichte des nationalsozialistischen Deutschland. Wer dieses Werk aufmerksam studiert, hat am Ende eine klare Vorstellung davon,  was in jener Zeit in Deutschland geschah, weshalb das Zusammenspiel von Biedermänner  und Brandstiftern perfekt funktionierte.

Michael GrüttnerBrandstifter und Biedermänner - Deutschland 1933 - 1939; 1. Aufl. 2015, 607 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 32,95 Euro; ISBN: 978-3-608-94916-2

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