Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" wurde 1995 veröffentlicht und beschäftigt sich mit der Liebesbeziehung des 15 jährigen Michael mit der rund 20 Jahre älteren Hanna. Ihre Beziehung ist geprägt von geheimen Treffen und davon, dass Michael Hanna aus Büchern vorliest. Irgendwann verschwindet Hanna und Michael, mittlerweile Jurastudent, trifft sie als Angeklagte in einem Prozess wieder, in dem sie sich für Kriegsverbrechen verantworten muss, die sie im Zweiten Weltkrieg begangen hat.
Während des Prozesses erkennt Michael Hannas belastendes Geheimnis: sie ist Analphabetin und würde lieber lebenslänglich ins Gefängnis gehen, als in der Öffentlichkeit einzugestehen, dass sie nicht lesen und nicht schreiben kann.
So kommt es und aus Scham und Schuldgefühlen beginnt Michael, ihr weiterhin Bücher vorzulesen und ihr diese auf Kassetten ins Gefängnis zu schicken. So bleiben die beiden über Jahrzehnte verbunden und werden mit ihrer eigenen Vergangenheit und der Suche nach Vergebung konfrontiert.
Während des Prozesses und auch in den Überlegungen von Michael sehen wir uns mit Fragen der Scham, der Moral, der Schuld und der Sühne und der Verantwortung der Menschen für ihre Taten konfrontiert. Dies spinnt sich von der Kriegs- und Nachkriegsgeneration Deutschlands im und nach dem Zweiten Weltkrieg über die Frage, inwieweit man Geheimnisse von Menschen verraten darf, wenn diese es nicht wollen, selbst, wenn man weiß, dass man ihnen so größeres Leid ersparen kann.
Diese Überlegungen sind teilweise philosophisch und letztendlich zerbrechen sowohl Michael als auch Hanna an ihrer Schuld und ihren Geheimnissen. Michael exemplarisch für das Individuum in der Gesellschaft, Hanna für die Gesellschaft an sich.
Schlinks Schreibstil ist dabei nicht immer leicht zu folgen. Dennoch schafft er es, den Leser zu fesseln und mit seinen kurzen Kapiteln und genauen Beobachtungen in seinen Bann zu ziehen.
Ein lesenswertes Buch, das nachdenklich macht.




