Michael Rosentritt

 4.4 Sterne bei 20 Bewertungen

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Sebastian Deisler: Zurück ins Leben

Sebastian Deisler: Zurück ins Leben

 (14)
Erschienen am 04.10.2010
Sebastian Deisler - Zurück ins Leben

Sebastian Deisler - Zurück ins Leben

 (6)
Erschienen am 08.10.2009

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Rezension zu "Sebastian Deisler - Zurück ins Leben" von Michael Rosentritt

"Ich habe gegen meine Natur gelebt."
R_Mantheyvor 3 Jahren

Dieser kurze Satz einer sehr schmerzlichen Selbsterkenntnis bringt den Kern des Dramas um Sebastian Deisler genau auf den Punkt. Nun kann man fragen, warum dieses Buch überhaupt erschienen ist. Was soll es uns sagen? Einer der wenigen, wenn nicht der einzige Sportjournalist, zu dem Sebastian Deisler noch Vertrauen hat, besuchte den ehemaligen Nationalspieler, hörte ihm zu und schrieb dann nach Deislers Bitte dieses Buch. Einige Rezensenten glauben, dass es hier um Geld geht. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, kam mir dieser Gedanke überhaupt nicht in den Sinn. Wenn es Sebastian Deisler jemals um Geld gegangen wäre, hätte er wohl keine Depressionen bekommen. Hier geht es eher um seelische Verletzungen, die ihm zugefügt wurden und die nun mit diesem Buch vielleicht besser heilen können.

Einige werfen Deisler auch jetzt noch vor, er würde jammern. Dabei stellt dieses Buch nur den Versuch dar, die Symmetrie der Berichterstattung wiederherzustellen, die bisher ziemlich einseitig auf der Seite von Journalisten lag, deren Charakter und Motive seltsamerweise niemand hinterfragt. Wer immer verstehen will, wie eine Depression beginnt und was wirklich hinter den Kulissen des schönen Scheins abläuft, dem wird mit diesem Buch ein Einblick in eine für den Zuschauer sonst verschlossene Welt gewährt.

Sebastian Deisler fällt bereits als Kind und erst recht als Jugendlicher durch seine außergewöhnliche Spielintelligenz beim Fußball auf. Er wird irgendwann entdeckt und kommt nach Mönchengladbach ins Internat. Doch er ist anders als die anderen Jungs. Bis in seine letzten Profijahre will niemand außer Ottmar Hitzfeld begreifen, dass man den Menschen Sebastian Deisler nicht teilen kann. Er erscheint als Fußballspieler anders und außergewöhnlich, weil er auch sonst anders als der übliche Profi ist. Doch das interessiert nicht. Deisler selbst will nur Fußball spielen. Das Drumherum mag er nicht. Später beginnt es ihn abzustoßen. Geld, Frauen und Autos sind ihm nicht so wichtig wie den anderen. Er ist ein eher nachdenklicher Mensch, der sich und andere oder auch Strukturen und Systeme in Frage stellt. Doch das ist nicht seine Aufgabe. Er soll vielmehr den deutschen Fußball retten. Und er soll Leute in die Stadien locken, Werbeträger und Wunderwaffe sein. Niemand sieht, dass man ihn damit völlig überfordert. Er hat das zu sein, was andere in ihm sehen wollen.

Und genau hier beginnt die Tragödie ihren Lauf zu nehmen. Deisler liebt das Spiel. Er weiß, welcher Spieler seiner Mannschaft wann welchen Ball braucht. Diese im Spiel gezeigte geniale sensorische Fähigkeit durchdringt den ganzen Menschen. Und ein solcher Mensch braucht Ruhe und Freiräume. Wenn alle an ihm zerren und ihre Träume in ihn projizieren, wird er schnell überlastet. In Berlin passiert dies zum ersten Mal in drastischer Form. Dann folgt ein fürchterlicher Fehler: Er geht zum FC Bayern, weil er denkt, dort könne er einer von vielen sein. Obwohl er viel verletzlicher ist als andere, dringt hier der Medienirrsinn tiefer in ihn ein, als es für ihn überhaupt erträglich ist.

Deislers Dilemma ist ganz einfach zu beschreiben: Auf der einen Seite liebt er das Fußballspiel und sucht den Erfolg. Doch je besser er wird, umso unerträglicher wird der mediale Zugriff. Die seelische Erosion ist schleichend. Zunächst fühlt er sie nur unbewusst, dann nimmt er sie als störend, aber unabänderbar in Kauf, weil er seinen Wunsch verwirklichen will. Später leidet er immer mehr darunter. Schließlich kippt dieser Prozess, und er sitzt in der Falle. Sein Spiel beginnt unter der seelischen Belastung zu leiden, der Körper verliert die Freude und Lockerheit. Es treten schwere Verletzungen auf, weil er kämpft und etwas beweisen will. Dann kommt der seelische Zusammenbruch. Sebastian Deisler offenbart den Verantwortlichen, dass er nicht mehr kann. Man schickt ihn in die Psychatrie. Dort verbreiten die Spezialisten großen Optimismus für den Verein und den deutschen Fußballtraum. Das kriegen wir schon wieder hin. Aber die selbsternannten Experten bekämpfen die Wirkungen, nicht die Ursache, erklären ihn für geheilt und schicken ihn geschwächt und gezeichnet erneut in das die seelische Implosion verursachende Getriebe.

Depressionen sind ein sich selbst verstärkender Prozess, auf den man offenbar irgendwann den Zugriff verliert. Wer depressiv ist, sieht nur noch, was die Depression verstärkt. Wenn an dieser Stelle die eigene Kraft versagt, führt das sehr oft in den Freitod, weil die Betroffenen den seelischen Schmerz nicht mehr aushalten können und keine Lösung sehen. Doch Sebastian Deisler ist ein starker Mensch, auch wenn dies vordergründig nicht so aussieht. Er hat den einzigen Ausweg gefunden, durch den andere - auch Robert Enke - nicht gehen wollten. Er hat die Verbindung zur Ursache seines Leidens durchschnitten und sich dadurch gerettet. Das schaffen nur sehr wenige Betroffene.

Ist es nicht verräterisch, dass dieser enormen Leistung in der Gesellschaft kaum Respekt gezollt wird? Man kann nicht auf Dauer gegen seine eigene Bestimmung leben. Die Fußball-Geschichte von Sebastian Deisler veranschaulicht diese einfache Wahrheit sehr eindrucksvoll und zeigt, welche schlimmen Folgen ein derartiger Versuch haben kann. Genies sind oft Außenseiter, und für Außenseiter ist in einer Massenmedienkultur nur Platz, wenn sie bereit sind sich zu häuten. Ansonsten werden sie gnadenlos verfolgt. Daran wird sich wohl auch nach tragischen Ereignissen nichts ändern.

Der Autor dieses Buches erzählt uns Deislers Geschichte chronologisch und mit sachlichem Abstand. Ab und zu wird diese Erzählung durch Schilderungen von Besuchen bei Deisler unterbrochen, die nach seinem Abschied von der Fußballwelt stattfanden. Dort kommt Deisler dann auch manchmal selbst zu Wort. Ich hätte mir mehr davon gewünscht und manchmal weniger aus der Welt des Autors.

Fazit.
Ein erleuchtendes Buch, aus dem ich sehr viel gelernt habe, weil es versucht, den ganzen Prozess der Entstehung und des Verlaufs eines seelischen Dramas nachzuzeichnen. Manchmal etwas langatmig, andererseits auch sehr entblößend, was den Umgang untereinander in der Welt des Fußballs anbetrifft. Am besten haben mir die wenigen Schilderungen gefallen, die Deislers jetziges Leben betreffen und die seine Versuche zeigen, sich neu aufzustellen. Alles, was man hervorragend kann und liebt, aufzugeben, um weiterleben zu können, ist eine außerordentliche Leistung. Es ist wie einen Teil von sich abzutrennen, um sich zu retten. Weil das kaum jemand kann, verdient diese Leistung allerhöchsten Respekt.

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Rezension zu "Sebastian Deisler: Zurück ins Leben" von Michael Rosentritt

Rezension zu "Sebastian Deisler: Zurück ins Leben"
Lesefee_booklovervor 6 Jahren

Titel: Sebastian Deisler - Zurück ins Leben
Autor: Michael Rosentritt
Verlag: Knaur
Genre: Biografie
Seiten: 256
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Er war ganz oben und landete zum Schluss ganz unten: Sebastian Deisler galt als das Jahrhundert-Talent des deutschen Fußballs. Mit 21 war er der Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft, vom FC Bayern wurde er für eine Rekordsumme eingekauft.

Doch dann beendete er ganz überraschend seine sportliche Karriere mit nur 27 Jahren. Der Grund: Er leidet an Depressionen und war dem Druck der Öffentlichkeit nicht mehr gewachsen. »Man muss härter sein als ich«, sagt Sebastian Deisler heute.

Wie er noch immer darum kämpft, in ein normales Leben zurückzufinden, davon erzählt er in diesem Buch, das nicht nur in der Sportwelt für große Aufregung sorgte.
 
Die Karriere von Sebastian Deisler haben wahrscheinlich viele Fußballfans am Rande verfolgt. Sebastian Deisler ist an dem Druck des Fußballgeschäft zerbrochen und musste sich mehrmals in Behandlung auf Grund seiner Depressionen begeben.

Mit diesem Buch bekommt man wirklich einen sehr guten Eindruck von dem Menschen Sebastian Deisler und nicht von dem Fußballer. Auch wenn Sebastian Deisler das Buch nicht selber geschrieben hat, merkt man, dass Michael Rosentritt die Biografie in enger Zusammenarbeit mit Deisler geschrieben hat.

Sehr gut hat mir der Wechsel zwischen dem Damals und dem Jetzt gefallen. Chronologisch wird der Lebenslauf von Sebastian Deisler abgearbeitet. Zwischendurch sind dann wieder die Treffen von Sebastian Deisler und Michael Rosentritt im Mittelpunkt. So erfährt man dann was Sebastian Deisler nach Beendigung seiner Karriere von dem Karriereverlauf hält. Wo wurden, seiner Meinung nach, Fehler gemacht. Womit kam er nicht zurecht.

Michael Rosentritt beschreibt die Gestiken und Mimiken von Sebastian Deisler während der Interviews sehr gut. Man merkt einfach, dass es ihm noch nicht wieder richtig gut geht. Es scheint ihm schwer zu fallen über Fußball zu reden. Doch manchmal habe ich den Eindruck bekommen, dass Sebastian Deisler ein wenig verbittert ist.

Es wird zwar mehrmals betont, dass dieses Buch keine Abrechnung sein soll, aber ab und zu bekam ich doch das Gefühl, dass es darauf hinausläuft. Gerade Dieter Hoeneß sammelt nicht gerade Sympathiepunkte. Und auch einige ehemaligen Spieler des FC Bayern werden nicht gerade lobenswert erwähnt.

Aufgelockert wird die Geschichte übrigens mit vielen Fotos aus seiner Karriere. Die meisten sind aber bekannt.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass man sich als Leser dieses Buches schon mit dem Fußball und seinen (ehemalige) Größen auskennen sollte. Andernfalls könnte das Buch etwas zu langweilig werden.

Mit der gut recherchierten Biografie von Sebastian Deisler lernt man einen empfindlichen, sensiblen Menschen kennen, dem das Fußballgeschäft nicht gut getan hat. Die Krankheit "Depressionen" wird dem Leser sehr gut näher gebracht, ohne das es zu fachspezifisch ist.
5 von 5

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Rezension zu "Sebastian Deisler: Zurück ins Leben" von Michael Rosentritt

Rezension zu "Sebastian Deisler: Zurück ins Leben" von Michael Rosentritt
leserittervor 7 Jahren

Ein Blick hinter die Kulissen des "Traumberuf" Bundesligaspieler. Sebastian Deisler ein junger Spieler, der einfach nicht mehr nur "funktionieren" will.
Man erfährt von Allem Etwas, jedoch bleiben auch viele Fragen bzgl. des Seelenlebens offen, Es scheint, als ob Sebastian Deisler alles Nötige erzählt, um seine Entscheidung nachvollziehen zu können, was auch gelingt, dabei aber so wenig wie möglich von sich preisgeben will. In jeder Seite steckt eine tiefe spürbare Traurigkeit, die aber nie wirklich zu greifen ist. Respekt hat er für dieses Buch und auch für seine Entscheidung auf jeden Fall verdient.

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